Kategorie: Sehenswürdigkeiten

Die Herz-Jesu-Kirche in Slabodka

Die neoromanische Herz-Jesu-Kirche in Slabodka (erbaut 1903) liegt in der Mitte des Ortes auf einer Anhöhe und ist deshalb bereits von ferne gut zu erkennen. Ihre beiden Türme mit den 5-eckigen spitzen Helmen rahmen die Hauptfassade ein, in der das Hauptportal von einer runden Fensterrosette bekrönt wird.

Der dreischiffige Kirchenbau mit Apsis und Sakristei ist durch dekorative Elemente gegliedert, insbesondere die halbbogenförmigen Fensteröffnungen und umlaufenden Friese verleihen dem Gotteshaus Rhythmus und eine gewisse Leichtigkeit. Im Innern ist es reich ausgemalt, das Interieur kann jedoch nur zu den Gottesdienstzeiten betrachtet werden, außerhalb derer die Kirche verschlossen ist. Ein hübscher, baumbestandener Kirchhof umgibt das Bauwerk.

Über den Baumeister der Herz-Jesu-Kirche sind vor Ort keine Quellen erhalten. Auffällig ist aber, dass im ostlitauischen Städtchen Atlanta mit der St. Jakobus-Kirche ein sehr ähnliches Bauwerk steht. Dessen Urheber ist der schwedisch-litauische Architekt Karl Eduard Strandmann (1867-1946), dem um die dreißig im Baltikum errichtete Kirchen zugeschrieben werden.

Die Christ-Erlöser-Kapelle in Achremowzy

Der im Naturschutzgebiet Braslawer Seen gelegene Ort Achremowzy bestand ursprünglich aus zwei Siedlungen – dem Dorf selbst, dessen Name auf ein Geschlecht Achremowitsch zurückgeht, das im 17. Jahrhundert diese Ländereien besaß, und aus dem Landgut Belmont. Dessen Besitzer waren im 19. und 20. Jahrhundert die Grafen Broel-Plater. An der südlichen Ortsgrenze fällt sogleich ihre Grabkapelle ins Auge, die 1858 erbaute Christ-Erlöser-Kirche (1858).

Es handelt sich um ein hervorragend erhaltenes architektonisches Ensemble, das neben dem neugotischen Gotteshaus aus einer Umfriedung im gleichen Baustil besteht, die rechts und links von zwei kleinen Seitenkapellen abgeschlossen wird. Der Grundriss der Kirche ist rechteckig, der Bau wird von einem einfachen Satteldach gegen die Witterung geschützt. Die mehrstufige Fassade mit zentraler Rosette wird an den Seiten von zwei Türmen abgeschlossen, auf denen sich durchbrochene Spitzen aus Metall erheben. Auch die Apsis ist von einer Fensterrosette durchbrochen. Auf dem Friedhof dominieren die Gräber römisch-katholischer Gläubiger, doch in jüngerer Zeit wurden hier auch russisch-orthodoxe Christen beerdigt.

Auf der Karte des westlichen Rußlands, 1917 herausgegeben von der Kartographischen Abteilung der Königlich Preußischen Landesaufnahme, ist das Gotteshaus nicht dargestellt, wohl aber das Landgut Belmont, zu dem die Kirche einst gehörte. Die besonders hervorgehobene Bezeichnung dieses Ortes, dessen Gebäude zu diesem Zeitpunkt längst dem Verfall preisgegeben waren, legt Zeugnis darüber ab, dass es eines der bedeutendsten Güter des ganzen Landes war – mit einem prachtvollen, weitläufigen Gebäudekomplex, umgeben vom zweitgrößten Landschaftspark des heutigen Belarus.

Mit Recht spricht man selbst heute, da keines der historischen Gebäude erhalten ist, von einem Schloss. Es befand sich auf einer zweieinhalb Kilometer langen Halbinsel im Driswjati-See in der Region Braslaw. Im Laufe seiner höchst wechselvollen Geschichte hatte es verschiedene Eigentümer.

Zunächst trug das Gut den Namen Olgierdowszczyzna, um danach, nachdem es in den Besitz der Achremowitschs übergegangen war, mit deren Namen – Achremowce – versehen zu werden. Ihnen folgte das Adelsgeschlecht Salmanowicz, von dem der Besitz 1748 an Jan August Hylzen (1702-1767) veräußert wurde. Hylzen entstammte einer polonisierten livländischen Familie und war mit Konstancja von Broel-Plater verheiratet, die ebenfalls einem livländischen Adelsgeschlecht angehörte. Hylzen war bereits Eigentümer mehrerer livländischer Besitzungen und erwarb in der Republik Polen neben Achremowce eine Reihe weiterer Güter und wurde schließlich zu einem der vermögendsten Magnaten. In Achremowce ließ er eine repräsentative Residenz errichten und benannte den Ort in Belmont um. Das zweistöckige Gutshaus verfügte über 33 Räume – Säle, Salons, Wohnzimmer, ein Musikzimmer, ein Kontor und Räume zur Unterbringung der Bediensteten. Die Kellerräume dienten als Vorrats- und Wirtschaftsräume. Hylzen ließ einen italienischen Garten anlegen, und in insgesamt sechs Gästehäusern konnten Besucher untergebracht werden. Zahlreiche weitere Gebäude beherbergten Werkstätten, Verwaltungseinrichtungen und Wohnungen für das Personal.

Jan August Hylzen vererbte Belmont und eine Reihe weiterer Besitzungen an seinen ältesten Sohn Jozef Jerzy (1736-1786). Bemerkenswert sind die Auflagen, die der Vater mit der Weitergabe des Besitzes an den Nachkommen verfügte. In seinem 1783 verfügten Testament ordnete er an, die Untertanen von allen meinen Gütern in der Ewigkeit zu befreien und ihnen die Freiheit zu geben, mit allen ihren Besitztümern (…) zu gehen, wohin sie wollen. Regelmäßig und auf unbestimmte Zeit ist die Hälfte der Einkünfte aller meiner Güter für die Unterstützung und Förderung der Wissenschaft und des Handwerks, für die Ausbildung des armen Adels, für den Unterhalt von Bedürftigen, für die Eröffnung von Hospitälern sowie für die Unterstützung von armen Dorfbewohnern, die in Armut oder Elend verharren, zur Seite zu legen (zitiert nach: Roman Aftanazy: Dzieje rezydencji na dawnych kresach Rzeczypospolitej. Tom 4, Wroclaw / Warszawa / Krakow 1993, S. 14). Diese Bestimmungen wurden bezeichnenderweise nicht umgesetzt, was Anfang des 19. Jahrhunderts zu einem langwierigen Rechtsstreit führte.

Da Jozef Jerzy Hylzens einziger Sohn schon im Kindesalter starb, ging Belmont an seinen Neffen, den geistig behinderten Idzi Hylzen (gest. um 1800). Er war der letzte Nachkomme der Familie in Polen, blieb kinderlos und verkaufte zwei Jahre vor seinem Tod das Gut mit allen zugehörigen Ländereien an Mikolaj Manuzzi (um 1730-1809).

Manuzzi, ein Abenteurer par excellence, hatte in seiner Heimat Italien und in anderen europäischen Ländern, etwa in Spanien und Frankreich, seinen Ruf diskreditiert und war Anfang der 1770-er Jahre in Warschau aufgetaucht. Dank eines zweifelhaften Grafentitels, seiner Kartenspiel-Künste, seiner Attraktivität und seiner Wendigkeit auf hauptstädtischem Parkett war es ihm gelungen, bis an den Hof des polnischen Königs vorzudringen.

Durch die so geknüpften Verbindungen, einen beträchtlichen Wagemut und eine vorteilhafte Heirat mit einer Mätresse des polnischen Königs gelangte Manuzzi in den Besitz großer Ländereien mit Ortschaften und Dörfern, u.a. Bogino, Opsa und Ice. Als Manuzzi Gut Belmont erwarb, war das von Jozef Hylzen erbaute Gutshaus bereits wieder im Verfall. Manuzzi ließ es instandsetzen, umbauen und erweitern. Auch wirtschaftlich blühte der Besitz erneut auf – dies gelang Manuzzi, indem er die bäuerliche Leibeigenschaft durch Pachtverhältnisse ersetzte. Die Beweggründe dieser Reformen dienten jedoch fast ausschließlich wirtschaftlichen Zielen, und tatsächlich litten die Bauern fortan unter der Verdoppelung der ihnen von Manuzzi auferlegten Lasten.

Nach Mikolaj Manuzzis Tod ging Gut Belmont an seinen Sohn Stanislaw (1773-1823) und dessen Frau Konstancja von Broel-Plater (1782-1874). Wie sein Vater erwies Stanislaw sich als guter Verwalter und sicherte die fortwährende Blüte des Besitzes. Zugleich stiftete und finanzierte er Schulen, Bibliotheken und andere Wohltätigkeitseinrichtungen. Seine Güter und Besitzungen vererbte er dem jüngsten Bruder seiner Frau, Ignacy Wilhelm Broel-Plater (1791-1854). Sein jüngster Sohn, Feliks Witold Broel-Plater (1849-1924) übernahm die Ländereien und Gut Belmont nach dem Tod seines Vaters. Seine Frau, Elżbieta Potocka (1874-1960) war bis 1939 die letzte Besitzerin des Gutes.

Das Adelsgeschlecht von dem Broel genannt Plater geht auf westfälischen Uradel zurück; das Stammhaus dieses, in Deutschland bereits 1659 erloschenen, in Polen, Litauen und Russland jedoch in mehreren Linien fortexistierenden Rittergeschlechts, war das nahe der deutschen Stadt Unna gelegene Schloss Bröhl, welches bereits 1388 zerstört wurde.

Im Jahr 1860 umfasste Gut Belmont eine Fläche von 55.000 Hektar, doch der Besitz war hoch verschuldet. Den Broel-Platers fehlten die Mittel, um die Residenz wieder aufzubauen. Bis auf die Kapelle wurden die Ruinen ihrem Schicksal überlassen. Feliks Witold Broel-Plater kümmerte sich jedoch tatkräftig um die Bewirtschaftung der Ländereien. Die auf Moorboden gelegenen Wälder von Belmont-Boginskoje durchzog er mit Entwässerungskanälen, und es entstand eine ganze Siedlung namens Platerow, mit einer Apotheke, einer Ambulanz und drei Gärtnereien. Auch eine – vom zaristischen Russland eigentlich verbotene – polnische Grundschule bestand hier. Da das Schloss unbewohnbar war, bezogen die Broel-Platers eines seiner Nebengebäude. Selbst diese im Vergleich zum Schloss bescheidene Unterkunft hatte sechzig Zimmer unterschiedlicher Größe.

Napoleon Orda: Ruinen des Palastes der de Broel Platters, ehemals der Familie Hylzen, mit Erlöserkapelle. 12. Juni 1876. 19,5 x 28,5 cm. Nationalmuseum Krakau, Inv.-Nr. III-r.a. 4030

Ein Aquarell des Malers Napoleon Orda (1807-1883) aus dem Jahr 1876 vermittelt einen Eindruck von der Größe und der Ausdehnung des Komplexes. Auf einem schmalen, aber langen rechteckigen Fundament erhob sich der weitläufige und repräsentative Bau. Darunter befanden sich die Gewölbe des ersten, von Jan August Hylzen erbauten Gutshauses. Die Fassade war durch drei Risalite gegliedert; der mittlere mit seinen hohen Fensteröffnungen war etwas höher als der Rest des Palastes. An den rechten Seitenflügel wurde 1818 eine Kapelle angebaut – tatsächlich handelte es sich um ein recht geräumiges, zweistöckiges Gotteshaus, das mehreren hundert Gläubigen Platz bot.

Das Herrenhaus war mit erlesenen Möbeln und Kunstwerken ausgestattet. Kristall-Leuchter, Gemälde mit Porträts der Familie Hylzen, ein reiches Archiv mit Schriftstücken, die bis ins 16. Jahrhundert datierten, und eine polnisch-französische Bibliothek von etwa 3000 Bänden bildeten das Inventar. Das Archiv und die Bibliothek, wertvolle Möbel und Kunstwerke wurden 1915 vor den heranrückenden Deutschen nach St. Petersburg evakuiert, von wo sie nicht zurückkehrten. Im selben Jahr brannten alle verbliebenen Objekte zusammen mit dem Gebäude ab. Nach 1920 bauten die Eigentümer andernorts ein sehr viel bescheidener ausgestattetes Herrenhaus.

Sbor paumnikau gistorii i kultury Belarusi. Wizebskaja Woblasz / Sammlung der Geschichts- und Kulturdenkmäler von Belarus. Oblast Witebsk (Swod pamjatnikow istorii i kultury narodow SSSR / Sammlung der Geschichts- und Kulturdenkmäler der Völker der UdSSR) Minsk 1985, S. 140, Abb. 485

Was bis 1939, wenn auch in halb verwildertem Zustand, überlebte, war ein prächtiger, 62 Hektar großer Landschaftspark, dessen oberer Teil vom Palast gekrönt war. Der Weg dorthin verlief über eine weite, durch perspektivisch angepflanzte Baumgruppen (Ahorn, Linde, Eiche) aufgelockerte Rasenfläche. Von dort führte eine kaskadenartig angelegte, lange Treppe über mehrere schmale Terrassen hinunter zum unteren Parkteil. Anders als der obere sollte er den Eindruck eines großzügigen Landschaftsgartens erwecken. Auf zwei ovale, mit Bäumen bestandene Wälle folgte ein quer dazu angelegter, rechteckiger Teich von 100 x 20 Metern, der über künstliche Wasserläufe mit einem zweiten, schmaleren Teich verbunden war. Auf der so gebildeten dazwischen liegenden Insel befand sich eine Laube, die über kleine Brücken erreicht werden konnte. Insgesamt war der untere Park mit seinen Gebüschen und Baumgruppen naturnäher gestaltet als der obere. Ein Netz aus Spazierwegen bot Zerstreuung. Neben Linden, Ahorn, Eschen und Kastanien und anderen einheimischen Baumarten fanden sich im Garten auch europäische und sibirische Lärchen, Thujen, sibirische Tannen und italienische Pappeln.

Die Brauerei in Grodno

An der Stelle der heutigen Brauerei in Grodno stand bereits im 17. Jahrhundert der Palast der Familie Oginski. 1868 gelangte der Komplex in den Besitz des tschechischen Kaufmanns Johann Kunz. Nachdem er Bürger des Russischen Reiches geworden war, nahm er den Namen Osip Matwejewitsch Kunz an, baute die Palastgebäude um und nahm darin 1877 eine Brauerei in Betrieb. Zu dieser Zeit gab es in der Stadt knapp ein Dutzend kleinerer Brauhäuser, gegen die sich die neue Brauerei behaupten musste. Dank dieser Konkurrenz erfreute sich das in Grodno gebraute Bier über lange Jahre und Jahrzehnte eines ausgezeichneten Rufes, und über ein Jahrhundert lang wuchs der Erfahrungsschatz der Braumeister der Brauerei von Osip Kunz kontinuierlich an, wodurch ein gleichbleibend hohes Niveau des dort gebrauten Bieres gewährleistet wurde.

Doch mit der Zeit veralteten die technischen Anlagen, die Entwicklung neuer Rezepturen wurde versäumt, und ab den 1990-er Jahren sank die Qualität des Bieres merklich. Zunächst konnte dies durch die Einführung von Schutzzöllen gemildert werden, was den Import ausländischen Bieres verhinderte. Gleichzeitig stellten mehrere inländische Brauereien ihren Betrieb zeitweilig ein und modernisierten ihre Brauereien grundlegend. Nach dieser letzten Gnadenfrist geriet die Brauerei in ernsthafte Schwierigkeiten, als die großen belarussischen Brauereien auf den Markt zurückkehrten. 2007 stellte die Brauerei die Bierherstellung ein.

Im selben Jahr verfolgte Pläne einer Übernahme durch die russische Großbrauerei „Baltika“ scheiterten. Fünf Jahre später übernahm eine Investment-Firma namens „Ekoprominvest“ den maroden Betrieb und versprach Stadtvätern und Bürgern, ihn zu modernisieren, ein angegliedertes Hotel zu errichten und ein Biermuseum zu eröffnen. Auch eine kleine Hausbrauerei sollte in Betrieb gehen.

Tatsächlich aber hatte man nichts Eiligeres zu tun, als sämtliches verwertbare Metall, darunter auch Anfang des 20. Jahrhunderts eingebaute historische Braukessel, aus der Brauerei abzutransportieren und als Altmetall zu Geld zu machen. Da „Ekoprominvest“ weder den Kaufpreis vollständig entrichten konnte, noch die mit dem Kauf verbundenen Auflagen erfüllen konnte, Gebäude und Grundstück zu sichern und für eine künftige Nutzung vorzubereiten, wurde das gesamte Areal 2014 ohne Zustimmung der Behörden an eine weitere Firma „Scha-Wa-S-Invest“ weiterverkauft. Der neue Eigentümer war somit nicht mehr an die dem Vorbesitzer auferlegten Bedingungen gebunden.

Eine behördliche Begehung der Gebäude ergab, dass sie teilweise einsturzgefährdet waren und sich der gesamte Komplex in beklagenswertem, heruntergewirtschafteten Zustand befand. Durch richterliche Anordnung wurden sämtliche Kaufverträge anulliert und die Brauerei wieder in kommunalen Besitz zurückgeführt. Im Frühjahr 2020 wurde die Anlage für 1,3 Millionen belarussische Rubel – umgerechnet gut 524.000 Euro – an einen polnisch-belarussischen Investor verkauft, der nun vier Jahre Zeit hat, die Gebäude zu restaurieren und für die Nutzung herzurichten. Angedacht sind erneut ein Biermuseum, ein Hotel-Restaurant und eine kleine Hausbrauerei. Die Stadt Grodno hat aber auch eine partielle Nutzung für die Ansiedlung von Verwaltungs- und Dienstleistungseinrichtungen erlaubt. So bleibt abzuwarten, ob die Pläne diesmal in die Tat umgesetzt werden und der Brauerei Grodno ein zweites Leben beschieden sein wird.

Die St. Wladimir-Kirche in Grodno

Die St- Wladimir-Kirche in Grodno ist ein Baudenkmal der neorussischen, russifizierend-historistischen Architektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie wurde im Mai 1895 nach Plänen des Ingenieurs I. K. Plotnikow erbaut und am 29. Dezember 1896 feierlich geweiht. Das Interieur der Kirche war im Mai 1896 vollendet, der Ikonostas stammte von dem Moskauer Maler und Restaurator Dmitri M. Strukow (1828-1899). Finanziert wurde der Bau überwiegend mit Hilfe von Spenden von Gläubigen aus dem ganzen Land.

Belarus verfügt über ein reiches, vielgestaltiges religiöses Erbe. Neben der russisch-orthodoxen und der katholischen Religion spielten besonders das Judentum, der Protestantismus und auch der Islam eine wichtige Rolle. Nachdem Ende des 18. Jahrhunderts das Königreich Polen zwischen Russland, Preußen und Österreich-Ungarn aufgeteilt worden war, entstanden in den dem Russischen Reich zugeschlagenen Gebieten vermehrt Kirchen- und Gemeindeschulen; die Unterrichtung der Zöglinge fand mitunter direkt in den Kirchenräumen statt. So war es auch in der St. Wladimir-Kirche in Grodno.

Das Gebäude besteht aus vier Teilen: dem zweigeschossigen Glockenturm, der Vorhalle, dem Kirchenschiff und dem Altarraum in der fünfeckigen Apsis. Das Ziegelmauerwerk wird durch halbkreisförmige Fensteröffnungen und verschiedene dekorative Elemente aufgelockert.

Das Gotteshaus blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück, es überstand Kriege, Revolutionen und staatliche Repressalien. Ungeachtet dieser historischen Erschütterungen wurde der kirchliche Betrieb jedoch nie dauerhaft eingestellt.

In den 1920-er und 1930-er Jahren wurden die Bänke und Tische der Kirchenschule aus dem Gebäude entfernt, was Platz für die Gläubigen schuf. Ein neuer Ikonostas wurde errichtet. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Kirche von neu angesiedelten Industriebetrieben förmlich umzingelt: von einer Glasbrennerei, einer Fabrik zur Herstellung von Kardanwellen und weiteren Großbetrieben.

Eine Brücke überspannt seither die unmittelbar an den Kirchhof angrenzenden Bahnanlagen, und die Kuppeln der Kirchtürme verlieren sich zwischen den Fabrikanlagen und ihren Kaminen und Schloten.

Versuchen, die Kirche in einen Arbeiterklub des Glaswerks umzuwandeln oder sie gleich ganz abzureißen, widerstand die Kirchengemeinde mit Erfolg. Allerdings unterscheidet sich ihr äußeres und inneres Erscheinungsbild deutlich von dem früherer Jahrzehnte.

Das ehemalige Priesterseminar in Slutzk

Das spätklassizistische Gebäude der ehemaligen Slutzker Schule für geistliche Berufe befindet sich im Zentrum der Stadt. Es wurde 1767 erbaut. An der Front springen die Seitenrisalite hervor und lockern die ansonsten streng gegliederte, nur durch den umlaufenden Zahnfries und die Fensteröffnungen unterbrochene Fassade auf.

Der mittige Haupteingang tritt ein wenig hervor; darüber erhebt sich ein bis unter die Dachkante reichendes Pilasterpaar.

Heute ist in dem Gebäude eine Schule für medizinische Berufe untergebracht. Im hübschen Innenhof verbringen die Schülerinnen und Schüler gern die Pausen zwischen den Lehrveranstaltungen.

Das Landgut der Familie Dmochowski

Vom Landgut der Familie Dmochowski sind nur noch wenige Relikte erhalten. Zur Jahrhundertwende zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert gehörte Sabolotje einer Familie Gierzdów oder Gierzoduw, über die kaum Näheres bekannt ist. 1743 erwarb die Familie Dmochowski das Gut; es blieb bis September 1939 in ihrem Besitz. Der letzte Eigentümer von Sabolotje war Władysław Dmochowski.

Auf der Schwelle des hölzernen, auf einem hohen Fundament aus großen Feldsteinen erbauten Herrenhauses war sein Baujahr, 1742, eingemeißelt. Es verfügte über weitläufige, als Ziegelgewölbe gemauerte Kellerräume. Das Walmdach war anfangs mit Stroh, später mit Schindeln gedeckt. Ursprünglich war das äußere Erscheinungsbild des Gutes also recht zurückhaltend, ja bescheiden. Erst nach 1820 verlieh man ihm durch den Bau eines von zwei Säulen getragenen, mit einem Gesims verzierten Portikus vor dem Haupteingang ein etwas repräsentativeres Gepräge. In den kleinen Giebel war ein halbkreisförmiges Zierfenster mit radialen Sprossen eingesetzt. Die Treppe, die zum Portikus führte, ruhte auf Feldsteinen, wie sie bereits für den Bau des Fundaments Verwendung gefunden hatten. Ein zentraler Kamin leitete die Abluft der im Haus eingebauten Öfen durch das Dachgeschoss nach außen.

Aus: Bułhak, Jan: Polska w krajobrazie i zabytkach. T. 2, Warszawa 1930, S. 409, Abb. 1356

Durch den Innenraum verlief ein zentraler Flur, der das Gebäude in zwei Hälften teilte. Rechts befand sich die größte Kammer mit zwei Fenstern, das Speisezimmer, während das angrenzende Eckzimmer mit einem Fenster als Schlafzimmer diente. Auf der linken Seite des Flurs gelangte man zunächst in ein Spielzimmer, an das sich an der linken Hausecke wiederum ein Schlafraum anschloss. Zur Gartenseite befand sich ein repräsentatives Speisezimmer mit einem angrenzenden großen Raum zum Anrichten der Speisen. Die übrigen Räume dienten als Wohnräume.

Alle Zimmer hatten Balkendecken und weiß getünchte Wände und Böden aus lackierten Holzdielen. Nur das Vestibül war mit Ziegelsteinen ausgelegt. Im linken vorderen Eckzimmer gab es neben einem mit vier Säulen dekorierten Ofen aus Ziegelmauerwerk auch einen klassizistischen Kamin ohne Feuerstelle. Dieser diente als Altar für den Erzbischof von Mogiljow, Kazimierz Dmochowski (1780-1851), der bei Aufenthalten in seinem Familienstammsitz dort die Messe las.

Ebenfalls 1742 wurde nebenan ein Kornspeicher errichtet, dem in den folgenden Jahren und Jahrzehnten weitere Wirtschaftsgebäude folgten. Von ihnen sind nur noch die Grundmauern erhalten, an denen jedoch die damalige Bauweise gut erkennbar wird: In die gemauerten und verputzten Stützpfeiler waren Führungen eingelassen, die die zwischen den Pfeilern eingesetzten hölzernen Wandelemente trugen.

Aus den Archivalien geht hervor, dass das Landgut reich ausgestattet war. In seinen Salons wurden französische Weine, edle Speisen und Getränke gereicht, es gab stilvolles Mobiliar, kostbares Tafelsilber und eine umfangreiche Bibliothek. 1812, während der Invasion Napoleon Bonapartes, wurde das Gut geplündert. Der französische General Graf Antoine Drouot (1774-1847), der für einige Tage in Sabolotje Halt machte, fand das Herrenhaus fast völlig leer vor. Beschämt hinterließ er an einem zurückgelassenen Schreibtisch die Note: „Mit großer Traurigkeit stelle ich fest, dass dieses Haus von meinen Landsleuten zerstört wurde, und ich bedaure aufrichtig , dass die darin lebenden Menschen am 20. Juli 1812 gezwungen waren, ihr Gut zu verlassen.“

In den folgenden knapp einhundert Jahren wurden das Haus wieder hergerichtet und erneut mit eleganten Möbeln und erstklassigen Gemälden ausgestattet. Im 2. Weltkrieg wurde all dies nach Vilnius verbracht, wo es jedoch in den Kriegswirren verloren ging – die Notiz von General Drouot eingeschlossen.

Der das Haus umgebende Garten hatte eine Fläche von etwa 4 Hektar. Der Baumbestand setzte sich aus Eichen, Linden, Ahornbäumen und Birken zusammen. Gegenüber dem Gutshaus lag hinter einem kleinen Teich ein Nadelwald aus sehr hohen, alten Fichten. Jedes Jahr legten Reiher dort etwa 80 Nester an. Dieser Nadelwald wurde bereits im 1. Weltkrieg abgeholzt.

Heute findet der Besucher außer den wenigen verbliebenen Ruinen kaum noch historische Spuren vor. Dort, wo vordem das hölzerne Gutshaus stand, wurde in den 1950-er Jahren die Dorfbibliothek erbaut. Darunter sind die historischen Kellergewölbe jedoch erhalten. Jahrzehntelang vernachlässigt und als Lager für Kartoffeln und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse genutzt, ist es der ehrenamtlichen Initiative des Bibliothekspersonals zu verdanken, dass die Keller von Unrat und Feuchtigkeit befreit, gereinigt und konserviert wurden und nun wieder als Denkmal besichtigt werden können. Im Erdgeschoss der Bücherei wurde ein Raum als kleines Heimatmuseum hergerichtet, in dem auch einige wenige Gegenstände gezeigt werden, die aus dem ehemaligen Gutshaus stammen.

Der Ort wird inzwischen von vielen Touristen aus dem In- und Ausland besucht, denn das Geschlecht der Dmochowskis hat einen berühmten Sohn hervorgebracht: den Freiheitskämpfer und Bildhauer Henryk Dmochowski (1810-1863). Er beteiligte sich in den 1830-er und 1840-er Jahren an Aufständen und Erhebungen gegen die im ehemaligen, 1795 endgültig zerschlagenen Königreich Polen stationierten russischen und österreichischen Truppen, bevor er 1852 in die Vereinigten Staaten von Amerika ging, wo er neun Jahre lang als Bildhauer unter dem Namen Henry Sanders aktiv war. Dort schuf er zwischen 1852 und 1853 die Bildnisse der amerikanischen Präsidenten George Washington, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson, die bis heute das Kapitol in Washington D.C. zieren.

Henryk Dmochowski kehrte 1861 in seine Heimat zurück, machte sich in Vilnius ansässig und wirkte auch dort wieder als Bildhauer. Zwei Jahre später wurde er als Teilnehmer am polnischen Januaraufstand (1863-1864) bei Kämpfen gegen die russischen Truppen getötet. Am Bibliotheksgebäude in Sabolotje wurde vor einigen Jahren eine Gedenktafel für den berühmten Sohn des Dorfes angebracht.

Ein Museum in Eigeninitiative

Pokraschewo, unweit der Stadt Slutzk gelegen, wird in den alten Chroniken schon im Jahr 1535 erwähnt. Seit 1875 bestand an dem Ort eine Schnapsbrennerei, deren historische Gebäude noch immer existieren. Seit über fünfundzwanzig Jahren leitet Alexander Walentinowitsch Rybak den Betrieb, führte ihn in den 1990-er Jahren aus einer existenzbedrohenden Krise und machte ihn zum nationalen Marktführer für Obst- und Branntweinessig.

Alexander Rybak bewirkt aber noch weit mehr. So überzeugte er die Dorfbewohner ebenso wie die Beschäftigten seiner Fabrik, die nahegelegene verfallene, über 100-jährige Windmühle zu restaurieren, das Mahlwerk teilweise wieder herzurichten, neue Windmühlenflügel herzustellen und anzubringen und das Innere des Gebäudes in ein Heimatmuseum zu verwandeln.

Hier findet der Besucher Dinge vor, die die Einwohner aus Pokraschewo und den umliegenden Dörfer stifteten: Möbel, Werkzeuge und Gegenstände des bäuerlichen Alltags, Erzeugnisse der ländlichen Heimarbeit, wie Garn, selbstgewebte, bestickte Stoffe, aber auch Kirchengesangbücher, Küchengeräte und andere Dinge des täglichen Lebens.

Auf einer Etage ist eine Bauernstube eingerichtet, von lebensgroßen Figuren bevölkert, die eine Lehrerin aus dem Nachbarort liebevoll angefertigt hat.

Und um das Gebäude herum künden Mühlsteine, der Nachbau eines Ziehbrunnens und andere großformatige Exponate vom dörflichen Leben vergangener Zeiten.

Ende August 2010 wurde an der Dorfgrenze von Pokraschewo von katholischen und russisch-orthodoxen Geistlichen eine Quelle geweiht, die seither ein von Pilgern, aber auch von Hochzeitspaaren gern besuchter Wallfahrtsort geworden ist. Ihre Erschließung ist ebenfalls ein Verdienst des rührigen Fabrikdirektors. Auch hier investierten er und viele Freiwillige der Belegschaft viel Zeit und Engagement.

Über der Quelle errichteten sie einen Pavillon, der das – ebenfalls neu angelegte – Wasserbecken vor Witterungseinflüssen schützt und dem Besucher Sichtschutz für ein Bad im als heilkräftig bekannten Quellwasser bietet. Im Innern ist der Pavillon mit russisch-orthodoxen Ikonen und katholischen Heiligenbildern ausgestattet. Ein kleiner Parkplatz wurde angelegt, und ein kurzer, bei Dunkelheit beleuchteter Fußweg führt direkt zur Quelle.

Die St. Euphrasia-Kirche in Borowka

In dem kleinen, heute 1300 Einwohner zählenden Ort Borowka wurde zwischen 1840 und 1844 die russisch-orthodoxe St.-Euphrasia-Kirche im klassizistischen Stil erbaut. Sie war für 300 Gläubige vorgesehen. Ab 1889 ist eine angegliederte kirchliche Schule nachgewiesen, die 1916 von 95 Schülern besucht wurde. Mitte der 1930-er Jahre wurde die Kirche von den Sowjets geschlossen und diente bis in die 1990-er Jahre als Clubhaus und Lager.

Danach wurde das Gotteshaus der Gemeinde zurückgegeben, und die Instandsetzungsarbeiten begannen. Der Ikonostas wurde 2000 restauriert und erneuert, fünf Jahre später konnte die Gemeinde drei neue Glocken gießen lassen, und der Kirchhof wurde neu gestaltet.

Euphrasia von Polozk (um 1110 – 1167) war die erste auf dem Gebiet des heutigen Belarus heiliggesprochene Frau und gilt als Nationalheilige des Landes. Sie war die Tochter von Fürst Swjatoslaw Wsjeslawitsch von Witebsk (1101 – 1129). Nach Erreichen der Volljährigkeit, die damals bei 12 Jahren lag, ging sie ins Kloster und bezog nach ihrem Noviziat eine Mönchszelle in der Sophienkathedrale in Polozk. Im Scriptorium der angegliederten Bibliothek kopierte sie kirchliche Schriften, arbeitete als Übersetzerin und war seelsorgerisch tätig.

Nachdem Euphrasia drei Mal ein Engel erschienen war, gündete sie im unweit von Polozk gelegenen Ort Selzo ein Kloster. Seine Erlöserkirche (1161) ist auf dem Gebiet des heutigen Belarus eines der bedeutendsten Beispiele der Polozker Sakralarchitektur.

Euphrasia stiftete ebenfalls ein aufwendig gestaltetes, mit Edelsteinen und Reliquien versehenes Altarkreuz, das im Laufe der Jahrhunderte immer wieder aus der Kirche entfernt wurde, aber jedes Mal seinen Weg zurück in die Erlöserkirche fand. 1929, in der Sowjetzeit, ließ der Direktor des Minsker Belarussischen Staatsmuseums das Kreuz ins Staatliche Belarussische Museum nach Mogiljow bringen. In den Übergabeprotokollen wurde festgehalten, dass sich das Kreuz in schlechtem Zustand befand: 13 Heiligenbilder waren herausgebrochen bzw. zerstört, von den ursprünglich zahlreichen Edelsteinen waren lediglich noch zwei vorhanden; viele der massiv goldenen und silbernen Verzierungen fehlten, und der Korpus selbst zeigte Spuren mehrfacher, unsachgemäßer Reparaturen. Während des Zweiten Weltkriegs verschwand das Kreuz beim Rückzugs der Roten Armee endgültig. Bis heute ist dieses belarussiche Nationalheiligtum nicht wieder aufgetaucht. Seit 1997 wird in der Erlöserkirche des Klosters in Polozk eine Neuanfertigung verehrt und bewahrt.

Euphrasia veranlasste noch weitere Klostergründungen und rief auch ihre Schwester und eine Cousine zu sich ins Erlöserkloster. 1167 gelangte sie als Pilgerin nach Jerusalem, wo sie nach kurzer Krankheit im gleichen Jahr starb.

Eine Kapelle am See

Die Ortschaft Bogino im Gebiet Braslaw befindet sich am Zusammenfluss zweier Seen (Wysokoje Osero, „Der Obere See“ und Boginskoje Osero, „Der Bogino-See“). Der größte Teil des Ortes befindet sich am westlichen Ufer und ist mit dem zweiten, östlichen Ortsteil durch eine Brücke verbunden. Ganz in der Nähe liegt auf einer Anhöhe die kleine, katholische Ignatius-von Loyola-Kirche, die zur nächstgrößeren Pfarrei im benachbarten Städtchen Daljokie gehört.

Es gibt wenige Informationen zu diesem Gebäude. Erbaut wurde es vermutlich Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts. Es wird verschiedentlich als Friedhofskapelle bezeichnet, ohne dass in der Nähe ein solcher zu finden ist.

Das schlichte, einschiffige Gotteshaus mit rechteckigem Grundriss und Satteldach verfügt über einen Dachreiter, der die Glocke beherbergt, und an Ost- und Westseite sind zwei schlichte Rundbogenfenster eingelassen.

Die Wände bestehen aus Bruchsteinmauerwerk. Der die Steine verbindende Mörtel ist mit kleinen, mosaikartig eingelegten Kieseln verziert.

Einen interessanten Kontrast bildet ein Silo mit runder Kuppel, das zum benachbarten landwirtschaftlichen Betrieb gehört.

Das Landgut der Swjatopolk-Mirskis

Fünf Kilometer vom Städtchen Miory entfernt liegt, etwas versteckt in einem verwilderten Park in Kamenpole, das Gutshaus der Adelsfamilie Swjatopolk-Mirski, deren ursprünglicher Familienname (Mirski) auf den Ortsnamen Miory zurückgeht. Die Flur Kamenpole war bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts Teil einer großen Besitzung mit Zentrum in Miory. Als die Swjatopolk-Mirskis 1637 einen Teil davon erwarben, errichteten sie in Kamenpole ein erstes Gebäude. Bis in die 1930-er Jahre existierten eine (nicht erhaltene) hölzerne Kapelle, ein Ljamus (ein zweistöckiges Wirtschaftsgebäude mit umlaufender Galerie im oberen Stockwerk). Das noch heute erhaltene Gutshaus wurde 1873 erbaut. Das hölzerne Gebäude hatte einen von sechs Säulen getragenen Portikus über dem zentralen Eingang.

Grundriss des Gutshauses der Familie Swjatapolk-Mirski

Aus: Akademie der Wissenschaften der Belarussischen SSR (Hg.): Sbor pominkau i kultury Belarusi. Wizebskaja woblaz (Sammlung der Geschichts- und Kulturdenkmäler der Belarussischen SSR. Gebiet Witebsk). Minsk 1985, S. 309, Nr. 1683.

Beidseits des Zufahrtsweges wurden Anfang des 20. Jahrhunderts weitere Wirtschaftsgebäude gebaut. Besonders repräsentativ war der 1907 errichtete Pferdestall aus rotem Ziegelmauerwerk mit seiner dreifach gegliederten im Stil der Neogotik gestalteten Fassade. Die bis vor wenigen Jahren noch stehenden Außenmauern sind mittlerweile vollständig eingestürzt.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gutshaus verklinkert und von der Verwaltung der Kolchose „Prawda“ (Wahrheit) genutzt. Dadurch veränderten sich sein Äußeres und Inneres bis zur Unkenntlichkeit.

Auch vom weitläufigen Park ist wenig erhalten, doch die Allee als Zufahrt und die vielen jahrhundertealten Bäume, für die das Areal einst berühmt war, lassen die einstige Schönheit der Anlage bis heute erahnen. Der formale Gartenteil grenzte direkt ans Landhaus und wurde durch einen rechteckigen Wassergraben begrenzt. Ein größerer, u-förmiger Wassergraben umgab wiederum die gesamte Anlage.

Plan des Landguts der Familie Swjatapolk-Mirski

1: Gutshaus; 2-5: Gutshof mit Pferdestall; 6, 7, 8: Wirtschaftsgebäude; 9: Eiskeller; 10: Schmiede

Aus: Akademie der Wissenschaften der Belarussischen SSR (Hg.): Sbor pominkau i kultury Belarusi. Wizebskaja woblaz (Sammlung der Geschichts- und Kulturdenkmäler der Belarussischen SSR. Gebiet Witebsk). Minsk 1985, S. 309, Nr. 1683.

Heute ist der Park vollkommen verwildert. Neben dem Gutshaus rosten eine Schaukel und eine Wippe vor sich hin; etwas weiter hat man einige weitere Gebäude, errichtet aus Betonfertigteilen und in unbeholfen-sozialistischer Art dekoriert, rücksichtslos in den einstigen Landschaftsgarten gesetzt. Die Stimmung ist geprägt von Trübnis und Verfall; erstaunlich, dass sich die Dorfjugend ausgerechnet diesen Ort als Refugium für Liebespaare erkoren hat.

 

Die Alexander-Newski-Kirche in Wertelischki

Wo heute das Dorf Wertelischki (weißrussisch Werzjalischki) liegt, befand sich im 14. Jahrhundert das Landgut von David Grodnenski (weißrussisch Davyd Garadsenski; 1289-1326), einem der bedeutendsten Heerführer des Großfürstentums Litauen und Kastellan des Grodnoer Schlosses.  Das Landgut wurde 1324 von Kreuzrittern zerstört. Die Siedlung als solche wird erstmals 1506 erwähnt. 1588 wurde Wertelischki von Grodno aus verwaltet.

Die Existenz einer hölzernen Kirche ist für die 1830-er Jahre nachgewiesen; 1850 gab es bereits ein größeres, steinernes Gotteshaus – die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kirche, die auch heute noch im Nordwesten des Ortes zu finden ist.

Bis 1950 war Wertelischki ein typisches, kleines landwirtschaftliches Dorf – das änderte sich mit der Gründung der Kolchose „Progress“ und der Ansiedlung eines Großbetriebes zum Torfabbau. Ende der 1960-er Jahre wurde Wertelischki zu einem agrarwirtschaftlichen Modellstädtchen: anstelle des alten Dorfes trat eine von Georgij Wladimirowitsch Saborski (1909-1999) geplante, idealtypische Siedlung mit modernen, freistehenden, ein- bis zweistöckigen Häusern, die sich um den Ortskern mit Kulturhaus, Pionierpalast und Verwaltungsgebäude gruppierten und auch heute noch an ein Gartenstädtchen erinnern. Die ursprüngliche Struktur und Architektur des Dorfes ist indessen fast vollständig verloren.

(Abbildung aus: Bolschaja Sowjetskaja Enziklopedija online, abgefragt am 25.02.2020)

Die Dreifaltigkeitskirche in Widsy

Die Dreifaltigkeitskirche in Widsy (auch: Mariä-Geburts-Kirche) ist mit ihren 59 Meter hohen Türmen eines der höchsten katholischen Gotteshäuser von Belarus. Erbaut von 1909 bis 1914, ist es verhältnismäßig jung und vereint in seiner Architektur romanische und neugotische Architekturelemente.

Bereits 1481 hatten aus Vilnius stammende Franziskanerinnen hier eine hölzerne Kirche errichtet, die der Unbefleckten Empfängnis Marias geweiht wurde. Im 18. Jahrhundert wurde die Gemeinde von Jesuiten betreut. Neben der Pfarrkirche bestanden eine Schule und ein Krankenhaus. Nachdem weite Teile Polens 1795 dem Russischen Reich einverleibt worden waren, wurden das Gotteshaus und die zugehörigen Einrichtungen 1818 geplündert. 1835 fiel fast der gesamte Ort Widsy einem Brand zum Opfer; 1867 wurden die Reste der Kirche und der angrenzenden Gebäude endgültig abgerissen. Die Gemeinde bestand indessen fort und zählte 1872 laut den erhaltenen Kirchenbüchern 12.000 Gläubige.

Baubeginn des neuen Gotteshauses war 1909, die Pläne stammten von dem bedeutenden litauisch-polnischen Architekten Vaclovas Michnevičius (1866-1947). Die dreischiffige Basilika mit Querhaus, zwei Sakristeien und Apsis verfügte über zwei mit achteckigen Helmen gedeckte Türme. Zwischen ihnen erhob sich eine dreieckige Fassade, die heute durch eine komplexe, zentrale Fensterrosette bestimmt wird, ursprünglich jedoch ein zentrales, gotisches Hochfenster aufwies. Zinnenartig abgestuftes Mauerwerk schließt die Fassade nach oben hin ab.

Im 1. Weltkrieg wurde das Gebäude schwer beschädigt. Das Dach und einer der Türme stürzten teilweise ein. Die Wiederherstellung zog sich bis 1932 hin; einige Kanonenkugeln und Granaten beließ man zur Mahnung im Mauerwerk. Auch den 2. Weltkrieg überstand die Basilika nicht unbeschadet. Beim Vormarsch der Roten Armee brannte 1943/44 ein Teil der Stadt ab, und auch die Kirche wurde durch die Gefechte schwer beschädigt.

1945 begann unter Pfarrer Albert Nowicki unter großen Anstrengungen und aktiver Hilfe der Gemeindemitglieder der erneute Wiederaufbau. Er konnte jedoch nicht fortgeführt werden: 1949 wurde Nowicki vom NKWD verhaftet und deportiert, die Kirche im Jahr darauf geschlossen. Die Fenster wurden zerschlagen, das Mauerwerk teilweise eingerissen, selbst vor dem Fußboden machte man nicht halt. In der Folgezeit diente das Gebäude als Lager für Flachs, Getreide und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse. Versuche der Gemeinde, die Kirche als Gotteshaus zurückzuerhalten, scheiterten, und 1961 wurde sie gar aus den staatlichen Sakral-Inventaren getilgt und von der Fachschule für Mechanisierung Braslaw als Sporthalle genutzt.

1989 wurde der Bau der Gemeinde zurückgegeben; die Restaurierung ist bis heute nicht abgeschlossen. Das heutige Interieur ist schlicht und modern, da die ursprüngliche Ausstattung mitsamt der Orgel die Zeitläufte nicht überdauert haben.

Schloss Njaswisch

Schloss Njaswisch in der gleichnamigen, im Südwesten Weißrusslands gelegenen Stadt ist eines der herausragenden Architekturdenkmäler des Landes. In seiner über Jahrhunderte währenden Geschichte hinterließen mittelalterliche Baukunst, Renaissance, Barock und Klassizismus ihre Spuren, ergänzt durch die angewandte Kunst lokaler und regionaler Handwerksmeister.

Als das Anwesen im Jahr 1533 in den Besitz der Familie Radziwill gelangte, gab es an der Stelle des heutigen Schlosses bereits einen Vorgängerbau. 1588 wurde dort unter der Leitung des italienischen Jesuitenmönchs und Architekten Giovanni Maria Bernardoni (1541-1605) ein repräsentativer steinerner Bau errichtet.

Auf einem Kupferstich aus dem Jahr 1604 ist das in direkter Nachbarschaft zum Ort Njaswisch gelegene Schloss bereits von Wällen, Wassergräben und Befestigungsmauern umgeben. Der Zugang erfolgte über eine hölzerne Brücke, die bei Bedarf beseitigt werden konnte, was die Anlage in eine kaum einnehmbare Festung verwandelte.

Sein heutiges Erscheinungsbild erhielt das Schloss nach dem Großen Nordischen Krieg (1700-1721), in dessen Verlauf die schwedischen Truppen 1706 die Stadt Njaswisch niederbrannten und die nur mit 200 unerfahrenen Soldaten besetzte Festung durch Kapitulation einnahmen. Die Verteidigungsanlagen wurden geschleift, das Schloss selbst geplündert und schwer beschädigt.

Erst ab 1720 begannen unter Michal Kazimierz Radziwill (1702-1762) ernsthafte Wiederherstellungs- und Umbauarbeiten. Die Pläne dafür stammten vom Architekten Kazimir Zdanovic (Lebensdaten unbekannt), bei der Umsetzung wirkten die Baumeister Maurizio Pedetti (1719-1799), Carlo Spampani (1750-1783) und Augustyn Wincenty Locci (1640-1732) mit. 1726 und in den darauffolgenden Jahren wurde der Umbau von der Festung zur barocken Residenz vollendet. Auch die Räumlichkeiten und das Interieur wurden wiederhergestellt und mit kunstvoll gefertigten Möbeln, Gemälden und anderen Attributen herrschaftlicher Repräsentation ausgestattet.

Schon das zweistöckige Turmhaus mit seiner gewölbeartigen Tordurchfahrt bietet dem Herannahenden einen imposanten Anblick.

Die steinerne Brücke davor ist eine der ältesten des Landes und ersetzte im 18. Jahrhundert die vormalige, hölzerne Brücke.

Im Innenhof bildeten drei steinerne, freistehende Gebäude ein repräsentatives Ensemble. Den der Einfahrt gegenüberliegenden dreistöckigen Palast bewohnte Fürst Radziwill. Links davon befand sich ein ebenfalls dreistöckiger, kasernenartiger Bau mit einem hohen Wachturm, im rechten Flügel waren die Wirtschaftsräume untergebracht. Diese beiden zunächst freistehenden Gebäude wurden durch eine einstöckige, später aufgestockte Galerie miteinander verbunden.

Die Fassaden beeindrucken mit kunstvollen architektonischen Details: Pilastern, Reliefs, skulpturalen Elementen und Stuckverzierungen. Insbesondere der Mittelgiebel mit dem fürstlichen Wappen war besonders reich verziert. Dieses Gebäude mit seinem annähernd quadratischen Grundriss ist bis heute gut als „Keimzelle“ des Palasts erkennbar.

Im Innern gab es zwölf Säle, von denen jeder individuell gestaltet und eingerichtet war. Schnitzereien, Stuck, Wandgemälde und reich verzierte Kamine und Kachelöfen sorgten für ein standesgemäßes Ambiente, ergänzt durch eine umfangreiche Gemäldegalerie.

Mit 20.000 Bänden war die Bibliothek Ende des 18. Jahrhunderts der größte Bücherschatz in privater Hand, in dem auch seltene Handschriften und Erstauflagen bewahrt wurden. Ein eigenes Archiv beherbergte historische Akten, Urkunden und Briefe aus der Feder Peters d. Gr. Ludwigs XV., Ludwigs XVI., Karls XII. und anderer Herrscher und Würdenträger.

Schon in den Vorgängerbauten hatte es eine fürstliche Privatkapelle gegeben – in einem der achteckigen Türme, die den ursprünglichen Palastbau zierten. 1740 wurde im renovierten Schloss erneut eine Kapelle eingerichtet, für deren Gestaltung und Ausstattung wiederum Kazimir Zdanovic verantwortlich zeichnete – der Architekt, der in den 1720-er Jahren den Wiederaufbau des Schlosses geplant und beaufsichtigt hatte.

Die verschiedenen Gebäudeteile, die Türmchen und Zierelemente eröffnen je nach Standort des Betrachters mannigfaltige perspektivische Ein-, Aus- und Durchblicke, und der das Schloss umgebende Park, der mehr als 90 Hektar groß war, gab der herrschaftlichen Architektur den gebührenden Rahmen.

Im Süden des Ortes gab es noch einen weiteren Park, „Alba“ genannt. Er war älter und beherbergte die Sommerresidenz der Radziwills: einen hölzernen Palast, einer „Eremitage“ (in der tatsächlich Einsiedler speziell einquartiert wurden und wo auch der Fürst selbst Ruhe und Einkehr suchte; hier bewahrte er auch einen Teil seiner umfangreichen Ikonensammlung), ein Brauhaus, eine Bäckerei, einen Gemüse- und einen Obstgarten, ein Tiergehege und anderen Einrichtungen. Er umfasste etwa 200 Hektar, verfügte über ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem und bestand aus einem geometrisch-regelmäßigen und einem naturähnlich-unregelmäßigen Teil. Die Gebäude sind nicht erhalten, lediglich die Kornbrennerei, erbaut Anfang des 20. Jahrhunderts, zeugt mit ihrer Fassade mit Reminiszenzen an Jugendstil und Art Déco vom einstigen Geschmack und Kunstsinn der Radziwills.

Während der Napoleonischen Kriege wechselte Dominik Hieronimus Radziwill (1786-1813), der letzte Spross der Njaswischer Linie des Fürstengeschlechts, auf die Seite Napoleons und blieb ihm auch bei dessen Rückzug treu. Schloss Njaswisch war zeitweilig die Residenz Jérôme Bonapartes gewesen, Napoleons jüngeren Bruders (1784-1860). Zwar versuchte Dominik Radziwill beim Rückzug der französischen Armee, die Rettung der auf Schloss Njaswisch bewahrten Kunstschätze und Sammlungen zu veranlassen, jedoch ohne Erfolg. Die aus mehr als 12.000 Stücken bestehende Münz- und Medaillensammlung gelangte an die Universität Charkow, die Sammlung religiöser Kunst nach Moskau, der Großteil der übrigen Kunstwerke wurde in die St. Petersburger Eremitage gebracht oder den Sammlungen des Zarenhofes einverleibt.

Es folgten Jahrzehnte, in denen Schloss Njaswisch vernachlässigt wurde. Nicht nur die Polnische Revolution von 1830/31, in der sich polnische Patrioten gegen die russische Besatzungsmacht erhoben, verhinderte eine konstante und beständige Bewirtschaftung des Schlosses und seiner Ländereien. Das schwindende Interesse der Radziwills und ihre begrenzten Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Geschicke des Palastes taten ein Übriges. Er stand jahrelang leer, die Parkanlagen verwahrlosten.

Erst Anton Wilhelm Fürst Radziwill (1833-1904), preußischer Artilleriegeneral unter König Wilhelm I., nahm sich des Schlosses an, um gegenüber dem Russischen Reich die Besitzrechte an den auf russischem Staatsgebiet liegenden Gütern der Radziwills nicht zu verlieren. 1865, beim ersten Besuch eines Radziwill auf dem Stammsitz seit einem halben Jahrhundert, war die Residenz in so schlechtem Zustand, dass der Fürst mit seiner Gattin Räumlichkeiten in einem Palais eines Verwandten in Njaswisch beziehen musste. Erst zehn Jahre später war das Schloss so weit gesichert und teilweise instandgesetzt, dass die Familie es wieder in Besitz nehmen konnte. Unter großen Anstrengungen konnten bis zur Jahrhundertwende Teile der Kunstsammlung, der historischen Waffensammlung, der Sammlung von Siegeln des Großfürstentums Litauen und schließlich auch ein Teil des Archivs wieder nach Schloss Njaswisch geholt werden. Auch die Parkanlagen wurden Schritt für Schritt in ursprünglicher Schönheit und Größe wiederhergestellt.

Während des 1. Weltkriegs und den Revolutionsjahren blieb die gesamte Anlage im Wesentlichen unverändert. Das änderte sich 1939, als die Sowjetmacht mit der Residenz zunächst nichts anzufangen wusste. Pläne, sie in ein Museum, ein Technikum für Straßenbau oder ein Erholungsheim zu verwandeln, wurden zwar zunächst nicht umgesetzt, aber die Kunstsammlungen und die Bibliothek wurden erneut auf verschiedene Institutionen verteilt. Viele dieser Schätze gingen verloren – diesmal unwiederbringlich.

Im 2. Weltkrieg betrieben die Deutschen im Schloss ein Militärhospital. Viele der zu dieser Zeit im Schloss noch vorhandenen Kunstschätze wurden während dieser Zeit nach Berlin verbracht. Unmittelbar nach Kriegsende gelang es zwar, einen Teil davon zurückzuholen, doch sie gelangten nicht mehr nach Njaswisch. Das Radziwill-Archiv wurde Teil des Nationalen Historischen Archivs von Belarus, die Bibliothek wurde in die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften der Weißrussischen SSR eingegliedert.

Im Schloss selbst wurde ein Sanatorium für Patienten mit Nerven- und Herz-Kreislauferkrankungen eingerichtet. Die dafür notwendigen Umbauten ließen kaum einen Bereich unberührt, so dass zur Jahrtausendwende im Innern der einstigen Residenz nichts mehr an die frühere fürstliche Pracht erinnerte. Das Sanatorium Belmeschkolchossdrawnizy wurde 2001 geschlossen, das Schloss mitsamt seiner Parks dem belarussischen Kulturministerium zur Restaurierung übergeben.

Doch erst nach einem Brand im Dezember 2002 begannen die Arbeiten zur Sicherung und Wiederherstellung der Residenz. Sie dauerten ein volles Jahrzehnt und waren nicht unumstritten. Experten bemängelten, dass moderne Techniken und Materialien zur Anwendung kamen, die die ursprünglichen architektonischen Charakteristika verfälschten oder gar vernichteten und damit den international anerkannten Methoden zur Erhaltung historischer Bausubstanz widersprachen.

2005 wurde die gesamte Anlage in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen.

Heute ist Schloss Njaswisch eines der berühmtesten nationalen Denkmäler von Belarus und wird jährlich von Hunderttausenden Touristen aus dem In- und Ausland besucht.

Die Corpus-Christi-Kirche in Njaswisch

Die Corpus-Christi-Kirche in Njaswisch wurde von 1587 bis 1593 erbaut und ist Grablege der Fürsten Radziwill. In der Krypta der Kirche stehen 78 Sarkophage mit ihren sterblichen Überresten.

In unmittelbarer Nähe steht der sogenannte Schlossturm, der zusammen mit der – nicht erhaltenen – Tordurchfahrt die Grenze zwischen städtischem und fürstlichem Territorium markierte. Der Turm stammt aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts; sein ursprüngliches Äußeres ist vollständig erhalten.

Das Landgut in Saljadie

Vom Gutshaus in Saljadie ist heute keine Spur mehr erhalten. Das gilt für viele Landgüter im heutigen Weißrussland. Saljadie war zunächst im Besitz des Adelsgeschlechts der Radziwills, später ging es an den Richter Viktor Domanski über, deren Nachkommen es bis Anfang des 20. Jahrhunderts bewohnten. Das klassizistische Gebäude beherbergte eine Orangerie, es gab Möbel, die von lokalen Handwerksmeistern angefertigt worden waren, Familienporträts, sächsisches Porzellan und holländische Fayencen schmückten die Räumlichkeiten. All das ging zusammen mit dem Gutshaus unter.

Heute sind kaum noch Spuren des Landguts zu sehen, das über eine Pappel- und Rosskastanienallee erreicht werden konnte. Sie führte durch einen naturalistisch angelegten Landschaftspark, der ebenso verschwunden ist wie die beiden ältesten Gebäude des Ensembles, ein Wohnspeicher und eine Werkstatt. Ihre Wände bestanden aus mit Lehm beworfenem Reisiggeflecht.

Einziges Relikt des Landguts ist die an der Zufahrt zum ehemaligen Park gelegene Ruine der einstigen Mühle. Äußerlich erinnert sie mit ihrem mittleren, architektonisch hervorgehobenen Teil eher an eine Kornbrennerei oder ein Brauhaus.

Die Seitenflügel verfügen lediglich über ein Stockwerk. Das Ziegelmauerwerk ist nicht nur von hoher baulicher Qualität, sondern zeigt auch dekorative Elemente. Die zentrale Fassade dominieren zwei große Halbbogen-Fensteröffnungen, die Gebäudeecken sind in Form von Eckpfeilern gestaltet. Alle Giebel ziert unterhalb der Dachkante stufenförmig angeordnetes Ziegelmauerwerk; Zinnen- und Zahnfriese gliedern die Fassaden der seitlichen Giebel.

Ruschany – eines der schönsten Baudenkmäler Weißrusslands

Die Geschichte des Palasts von Ruschany – erzählt von Ljubow Michajlowna, einer Bewohnerin des gleichnamigen Dorfes

Die ersten Zeugnisse über Ruzhany stammen aus dem Jahr 1525. Hier lebten die Fürsten Tyschkewitsch. Sie hatten zwei Töchter – Ruscha und Anna, und zu Ehren dieser beiden Töchter nannten sie den Ort Raschana, später Raschany, und heute heißt er schließlich Ruschany.

Nach den Fürsten Tyschkiewitsch ging der Ort an Bartosz Bruchalski über, der ihn im Jahre 1598 an Lew Sapiega (1557–1633) verkaufte, den Kanzler des Großfürstentums Litauen. Zum Aussehen des Schlosses zu jener Zeit gibt es nur wenige Zeugnisse. Der Name des Baumeisters, der den Palast auf den Grundmauern der Tyschkiewitsch-Residenz errichtete, ist nicht überliefert. Die ersten genauen Angaben stammen erst aus dem Jahr 1602. In Dokumenten aus dem Jahr 1605 werden drei Gebäude erwähnt – ein großes, ein mittleres und ein kleines. Für 1611 ist der Abschluss der Bauarbeiten am Palast verzeichnet. Es war damals ein von einem Wall umgebenes, zweistöckiges Gebäude mit drei steinernen Türmen und kreuzförmigem Grundriss.

Wenn Sie sich Ruschany nähern, sehen Sie den Ort gewissermaßen in einer Senke liegen. Sie ist aber nicht natürlichen Ursprungs. Leibeigene Bauern haben sie dort mit eigenen Händen ausgehoben und die Erde hierher gebracht, damit das Schloss auf einer Erhöhung läge. Von welcher Richtung man auch kommt – man sieht immer das Schloss von weitem.

Nach Lew Sapiegas Tod diente der Palast weiterhin als Residenz, in der seine Söhne wichtige Gäste empfingen. Im Laufe des 17. Jahrhunderts erhielt er jedoch eine andere Gestalt. Der italienische Architekt Giovanni Battista Gisleni (1600–1672) gab ihm Stilelemente des Barock. Im Mittelteil waren die Repräsentationsräume, im Seitentrakt die Wohnräume, Arbeitszimmer, das Archiv und die Bibliothek untergebracht. Sie waren mit Marmor und kunstvoller Marmorimitation und mit Malereien verziert. In den zweigeschossigen Kellergewölben befanden sich das Arsenal, ein weiteres Archiv, Vorratsräume und Depots.

Mit einem neuerlichen Umbau des Schlosses beauftragte die Familie Sapiega den französischen Architekten Jan Samuel Becker (1760–1810). Er kam hierher und baute das Schloss zwischen 1784 und 1788 um. Zuvor aber wurden im Dorf Beresniza, das fünf Kilometer südlich von hier liegt, vier Ziegeleien errichtet, in denen die Ziegel für das Schloss gebrannt wurden. Schon damals wurden die Ziegel aus dem Kalk von Hühnereiern hergestellt. Deshalb sind die Ziegel bis heute in recht gutem Zustand. Becker sollte aus dem Schloss einen Palast machen. Der Bogengang umgab das gesamte Territorium, sogar dort, wo Besucher heute ihre Autos parken.

Das gesamte Areal war mit exotischen Blumen, Bäumen und Büschen bepflanzt. Es war sehr, sehr schön. Dazwischen lagen Trottoir-Platten, damit die Pflanzen nicht beschädigt wurden. Sogar noch in heutiger Zeit sind auf unseren Straßen einige Trottoir-Platten aus jener Zeit erhalten – auf zwei Straßen. Nun ja, hier und da einige wenige – aber sie sind noch erhalten.

Dort, die zentrale Zufahrt, war der Eingang für besondere Persönlichkeiten.

Und die Einfahrt, die Sie dort, weiter rechts, sehen, war die Zufahrt zu den Werkstätten.

Im Erdgeschoss des Gebäudes auf der rechten Seite waren technische Werkstätten. Hier wurden goldene Tischdecken und goldene Gürtel gewebt und lackierte Kutschen gefertigt.

Im ersten Stock befand sich ein Opern- und Ballett-Theater. Was meinen Sie, wie viele Menschen waren dort wohl fest angestellt? Sechzig Schauspieler und vierzig Bajanspieler [Akkordeonspieler]. Hier gab es etwas, womit man Europa in Staunen versetzen konnte!

Beachten Sie nun den hervortretenden Bereich der Hauptfassade. Im Erdgeschoss befand sich ein großer Bankettsaal, hier empfing Lew Sapiega seine in- und ausländischen Gäste, unter ihnen König Sigismund III. (1566–1632) und König Stanislaw Poniatowski (1732–1798). Im ersten Stock verfasste Sapiega kostbare Handschriften – dort oben, hinter den großen Fenstern. Im zweiten Stock befand sich eine einzigartige Bibliothek.

Wenn Sie das Schloss betreten, erblicken Sie drei unterirdische Kellerräume. Darin wurden die Weinvorräte aufbewahrt, es gab Waffenkammern und andere Versorgungsräume. Hier, unterhalb des ersten Bogens des rechten Bogengangs, gab es einen 24 Kilometer langen unterirdischen Gang, der bis zum Örtchen Kossowo zum Gut des Thaddäus Kostjuschko führte. Er war rundum mit Marmor ausgekleidet und so breit, dass zwei Pferde nebeneinander hindurch passten!

Im linken vorderen Bereich, wo der linke Bogengang beginnt, befand sich eine Reitbahn. Lew Sapiega hielt Reitpferde. Waren ausländische Gäste bei ihm zu Gast, so sah man sich zuerst eine Theatervorstellung an, bestieg danach die Kutschen und fuhr zur Jagd in verschiedene angrenzende Gebiete und sogar bis in die Bjeloweschskaja Puschtscha. Damals verstanden es die Leute, das Leben zu genießen!

Etwa auf der Höhe des linken Fensters der zentralen Fassade war im Erdgeschoss sogar eine kleine Hauskapelle. Doch als es nach dem Krieg nötig war, Kartoffeln zu verstecken, haben unsere Chefs die nicht mehr genießbaren Reste der Kartoffeln und anderen Gemüses in der Kapelle lagern lassen. Heute ist sie in schlechtem Zustand.

Seit August 1990 trägt der Ort wegen seiner Schönheit den Namen „Weißrussisches Colosseum“ und steht unter den Baudenkmälern Weißrusslands wegen seiner Schönheit an zweiter Stelle.

Im letzten Jahr kam die 78-jährige Ur-Ur-Ur-Enkelin Sapiegas mit ihren Söhnen hierher. Sie sagte „Ich komme vielleicht nie wieder hierher“.

Und so verbrachten sie drei ganze Tage hier und fotografierten alles, was sie nur konnten.

Eine der Einwohnerinnen von Ruschany kam auch zu diesem Treffen hierher und sagte: „Ich habe eine Photographie aufbewahrt. Sagt sie Ihnen etwas?“

Die Sapiega-Enkelin antwortete: „Nun, ich weiß nicht was ich sagen soll, und wie ich es sagen soll… Marika, bist du das etwa?“

„Ja, das bin ich.“

So stellte sich heraus, dass die beiden Frauen, als sie kleine Mädchen waren, Freundinnen waren, und die eine von ihnen diese Photographie über all die Jahre aufbewahrt hatte.

„Weshalb denn nur?“, fragte die Sapiega-Enkelin.

„Weil ich die ganzen Jahre gehofft hatte, dass irgendein Sapiega-Nachkomme herkommen würde, und ich hätte ihm das Foto geschenkt, damit es Ihnen übergeben würde, falls Sie noch am Leben wären. Falls nicht – nun gut, dann hätte man es einem der Verwandten zur Erinnerung schenken können.“

Da gab es natürlich viele Umarmungen und Freudentränen – alles was man sich nur denken konnte.

Auch Wladimir Semjonowitsch Wysotski kam hierher und drehte hier die Filme „Ja rodom is detstwa“ (Ich bin gebürtig aus der Kindheit, 1966), „Zemlja pachnet porochom“ (Die Erde riecht nach Schießpulver) und andere. Als Komparsen wurden wir aus dem unterirdischen Gang mit vorgehaltenen Maschinengewehren hierher nach draußen getrieben – und wir waren froh, Wysotski einmal im Leben gesehen zu haben.

Er hat auch mit mir gesprochen. „Ljubow Michajlowna“, sagte er, „sollten Sie einmal in Moskau sein, achten Sie auf die Schönheit der Bogengänge und Torbögen auf der Poklonnaja Gora. Denken Sie daran, dass Ihre weißrussischen Leibeigenen diese Schönheit zuerst hier bei Ihnen geschaffen haben und danach nach Moskau gefahren sind und dort Bauten von ebensolcher Schönheit errichteten.“

Ich antwortete ihm: „Wladimir Semjonowitsch, ich werde schon nicht mehr nach Moskau fahren können – nicht in meinem Gesundheitszustand.“

Wysotski entgegnete: „Wenn ich dann am Leben sein werde – melden Sie sich unbedingt, ich werde Sie durch Moskau begleiten.“

Achten Sie noch einmal auf den oberen Teil des Haupttores. Sehen Sie das Wappen? Es ist aus Eichenholz, wurde ohne Verwendung eines einzigen Nagels geschaffen und von eben jenem französischen Architekten Jan Samuel Becker entworfen. Lew Sapiega stattete Becker mit einer lebenslangen Leibrente von 2160 Zloty aus.

Im Durchgang des Haupttores sehen Sie eine kleine Nische – sie ist genauso angelegt, wie die Nischen in den Öfen von Häusern auf dem Lande. Darin war ein Schatz verborgen. Vor fünfzehn Jahren kamen Leute aus dem Ausland hierher und entdeckten den Schatz. Genau hier, wo wir jetzt stehen, hatten sie ihr Auto abgestellt, und ich ging gerade vorbei und sah, dass sie auf dem Kofferraumdeckel einen Plan des Schlosses ausgebreitet hatten.

Ich dachte: „Mein Gott! Da haben sie nun doch einen Plan des Palastes gefunden! Vierunddreißig Jahre habe ich in der Bibliothek gearbeitet, mich mit Architekten in Minsk getroffen, und sie sind hierher gekommen, um durch diesen unterirdischen Gang zu gehen! Vier Mal sind sie zu uns gekommen, und niemals und nirgends habe ich je eine Karte des Schlosses gesehen!“

Einer der Männer sagte: „Nun, Großmutter, interessiert Sie das?“ Ich sagte: „Sogar sehr!“ Da meinte ein anderer der Männer: „Dann stapf‘ mal los, Großmutter, wohin du möchtest!“ Ja, da bin ich dann mit großer Freude losgestapft.

Später besuchte ich meinen Mann im Krankenhaus und erzählte ihm davon. Im Nachbarbett lag ein Opa, der meinte dazu: „Ich weiß, was Sache ist – sie sind gekommen, um den Schatz zu suchen.“

Ich fragte: „Wie kann denn hier ein Schatz sein, von dem ich nichts weiß, da doch alle meine Verwandten, meine Großeltern, Urgroßeltern und Ur-Ur-Großeltern hier bei den Sapiegas gearbeitet haben? Niemand von ihnen hat diese Kostbarkeiten jemals gesehen.“

Sagte der Alte im Krankenbett: „Also haben die Ausländer auch nur mit Hilfe der Karte herausgefunden, wo diese Schätze versteckt waren.“

Achten Sie jetzt einmal auf den Putz der Mauern. Er ist über die ganze Länge der Mauern des Torbogens bis zu ein und derselben Höhe abgeschlagen. Sie haben also tatsächlich gesucht – und gefunden, was sie suchten. Es heißt, beim Zoll in Brest habe man den Schatz später konfisziert. Und später wiederum hieß es in der Brester Zeitung, dass sich noch vor Brest eine Frau ans Steuer des Wagens gesetzt habe und die Kostbarkeiten ins Ausland gebracht habe. Wohin, weiß ich aber nicht. Aber da es doch in der Zeitung gestanden hat, ist das wohl die Wahrheit, denke ich.

In der Mitte des Vorplatzes stand eine Büste Sapiegas. Sie war sehr, sehr schön. Einen solchen Mann wie Lew Sapiega habe ich noch nie gesehen. Links gab es Springbrunnen, die aus dem Semlenskaja-Flüßchen gespeist wurden.

Im letzten Jahr kam der Kulturminister hierher. Vorher kamen Architekten aus Minsk und ordneten an, den unterirdischen Gang zuzuschütten, weil unsere Kinder dort immer spielten. Übrigens sind einmal zwei kleine Jungen auf die höchsten Mauern des Palasts geklettert, und die Eltern kamen herbeigeeilt, aber die Jungen konnten nicht mehr hinunter, weil die Steine unter ihren Füßen lose waren. Man holte die Feuerwehr, und mit Hilfe der Drehleiter wurden die Jungen wieder heruntergeholt. Seither habe ich die beiden nie wieder hier am Schloss gesehen.

Als vor dreizehn Jahren schon einmal der Kulturminister kam, sagte er: „Hier, im rechten Seitengebäude des Haupttors, wird ein Museum eingerichtet.“ Aber sehen Sie nur, vergleichen Sie die Qualität der neuen Ziegel mit der der alten. Das ist schon nicht mehr die Qualität wie früher.

In der Zeitung habe ich gelesen, dass das Schloss erst einmal nur teilweise restauriert werden wird. Vor zwei Wochen schrieb unsere Kreiszeitung, dass in diesem Jahr das Schloss restauriert werden wird. In einer anderen Zeitung hieß es, die Restaurierung beginne im Jahr 2010. In wieder einer anderen wurde mitgeteilt, der Palast nehme in der Reihe der zu restaurierenden Denkmäler den 26. Platz ein.

Als Sie durch das Dorf fuhren, sind Sie am zentralen Platz vorbeigekommen mit der katholischen Peter-Pauls-Kirche und der russisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskirche. In einer Ecke des Platzes ist das Wappen von Ruschany aufgestellt. Es ist dem heiligen Kasimir gewidmet, der Rosen in seiner Hand hält. Zu seinen Ehren haben sich die Einwohner von Ruschany verpflichtet, den ganzen Bereich rund um die Zufahrt zum Schloss mit Rosen zu bepflanzen, wenn es restauriert wird. Kommen Sie also wieder und bewundern Sie dann die Schönheit unserer Sehenswürdigkeiten.

Während des Zweiten Weltkriegs ist Ruschany sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Deutschen sind zu jedem Haus gegangen, haben es mit Benzin begossen, ein Streichholz geworfen und sind zum nächsten Haus gegangen. Und schließlich kamen sie hierher zum Palast und haben auch hier alles zerstört. Und nach dem Krieg kamen die Dorfbewohner, die alles verloren hatten, und nahmen sich von hier Ziegel, und jeder baute sich daraus, was er vermochte. Die Reitbahn haben sie komplett abgetragen, die Bogengänge fast vollständig. Schauen Sie zum linken Nachbargrundstück, dort hat man aus den Ziegeln zwei kleine Schuppen errichtet.

Im zentralen Teil des Palasts sehen Sie an den Wänden die Überreste von vier Treppenaufgängen. In den Ecken standen Kamine und Öfen.

Wenn Sie in den Bankettsaal gehen, sehen Sie an den Wänden die Reste von Befestigungen, mit denen Marmortafeln an den Wänden gehalten wurden. Immer wenn ausländische Gäste kamen – ihre Namen habe ich zuvor genannt – haben sie ihre Initialen an diesen Marmortafeln zu Erinnerung hinterlassen. Und heute? Heute ritzen unsere Dorfkinder ihre Initialen in die Wände. Und im letzten Jahr wurde eine Marmortafel angebracht mit der Inschrift „Dieses Denkmal wird vom Staat bewahrt“. Zwei Nächte hing diese Tafel da – in der dritten wurde sie gestohlen.

Noch etwas zu der Peter-Pauls-Kirche im Dorfkern. Früher stand dort eine hölzerne Kirche. Sie wurde irgendwann durch Brandstiftung zerstört, und beim Wiederaufbau fand man die sterblichen Überreste eines Fürsten. Sie wurden hierher in den Palast gebracht, in die Kapelle im Erdgeschoss, von der ich erzählt habe. Und hier sind die sterblichen Überreste dann geblieben und auch die eines Mitglieds der Familie Sapiega.

Wenn Sie Richtung Slonim fahren, finden Sie auf dem Hügel, der dem Schloss gegenüberliegt, unseren Friedhof mit einer kleinen katholischen Kapelle. Hinter der Kapelle liegt ein deutscher Friedhof, auf dessen Grabsteinen man noch die Inschriften sehen kann. Es ist aber schon schwer, sie zu entziffern.

Das Landgut der Familie Mierzejewski

Schon seit dem 16. Jahrhundert ist das etwa 10 Kilometer östlich des Ortes Kopyl gelegene Dorf Grosowo in den Quellen erwähnt. Damals zum Territorium des Großfürstentums Litauen gehörend, war Grosowo zunächst Teil des Besitzes der Familie Opelkowitsch, bevor es an die Wolodkewitschs, Radziwills und schließlich ans Geschlecht der Nesabudkowskis ging. Nach den drei Teilungen Polens im 18. Jahrhundert gehörte der Ort zum Russischen Reich. Auch im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts trugen die Eigentümer des Ortes klangvolle Namen: Merschejewski, Wittgenstein und Hohenlohe.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es in dem Ort zwei Kirchen und ein Kloster, im 19. Jahrhundert kamen eine katholische Kirche, zwei Synagogen und eine Schule hinzu. Auch eine Schnapsbrennerei ist in den Quellen verzeichnet. Gegen Ende des Jahrhunderts lebten in Grosowo gut 150 Bewohner auf 19 Höfen, drei Gasthöfe versorgten Reisende, in elf Läden wurden Waren des täglichen Gebrauchs feilgeboten. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert zählte der Ort schon über 1000 Einwohner auf über 170 Hofstellen. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts ging die Einwohnerzahl stetig zurück; inzwischen gibt es nurmehr kaum 200 Gehöfte und weniger als 500 Einwohner.

Das Herrenhaus stammt aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und ist im frühklassizistischen Stil gebaut. Der Grundriss ist rechteckig, das Gebäude verfügt über zwei Stockwerke mit einem zentralen, ursprünglich von sechs Säulen getragenen Portikus an der Hauptfassade, der Südseite des Baus. Er schützte nicht nur den Zugang zur Eingangshalle mit ihrer zweiflügeligen Haupttreppe, sondern auch einen Balkon in der ersten Etage. An der parkseitigen Fassade (Richtung Norden) sehen wir an dieser Stelle einen Mittelrisalit. Das Gebäude verfügt über weiträumige Gewölbekeller und hatte an seiner Westseite Anbauten, die nicht nur Wirtschaftsräume beherbergten, sondern auch einen Wintergarten und eine Orangerie.

Umgeben war das Gebäude von einem kleinen Landschaftspark, in den der benachbarte Fluss Umanka einbezogen war. Terrassenartige angelegte Wege führten entlang der Gebäudeachse hinunter zum Fluss. Die Auffahrt zum Haus führte durch diesen Park, dessen Gartenparterre mit Rasen bepflanzt war; das Grün wurde durch Blumenrabatten und ein Netz aus Spazierwegen aufgelockert. Keines dieser Gartenelemente ist erhalten, und auch die einstige exponierte Lage des Gebäudes ist heute nur noch zu erahnen, da Mitte der 1970-er Jahre vor dem Gutshaus (d.h. an der Stelle des früheren Gartenparterre) die heutige Mittelschule von Grosow erbaut wurde.

Im 2. Weltkrieg brannte das Gebäude aus und wurde Anfang der 1950-er Jahre wieder aufgebaut. Bis 1975 befand sich darin die Dorfschule, danach war es Kinderheim und später ein Wohnheim – damit teilte es in der Sowjetzeit das Schicksal vieler Landgüter in Belarus. Nach langen Jahren des Leerstandes und des Verfalls wurde das Herrenhaus 2010 vom Soligorsker Betrieb „Dalmant“ für 35.000 belarussische Rubel (umgerechnet etwa 11 US-Dollar) erworben. Es sollte in seiner ursprünglichen Form wiederaufgebaut werden und als Erholungsheim für Arbeiter regionaler Baubetriebe dienen. Nachdem erste Arbeiten zur Sicherung der Ruine unternommen worden waren, wurden die Arbeiten 2015 unterbrochen und seither nicht wieder aufgenommen.

Im derzeitige Zustand stellt das Gebäude ein beredtes Beispiel für die ausgesprochen ernste Lage dar, in der sich das weißrussische architektonisch-kulturelle Erbe befindet. Die Bedeutung der verfallenden Gebäude wird zwar zunehmend erkannt, aber zu deren Erhaltung und fachgerechter Restaurierung fehlt nicht nur das handwerkliche Wissen, sondern auch das Geld. Mag es noch hingehen, dass der obere Fries, auf dem der Dachstuhl auflag, mit modernen Kalksandsteinen ausgebessert wurde, so schlug der Versuch, die Geschossdecken in Form von Betonfertigteilen auf die historischen, vollständig aus Ziegelmauerwerk bestehenden Außen- und Zwischenwände zu legen, katastrophal fehl: Das Mauerwerk vermochte das Gewicht nicht zu tragen und gaben nach. Die neu eingezogenen und sogar mit Stahlträgern zusätzlich gestützten Betonelemente stürzten herab und verursachten dabei noch größeren Schaden, indem sie das Ziegelmauerwerk zertrümmerten.

Der Versuch, ein historisches Gebäude auf diese Weise mittels moderner Baustoffe gleichsam rücksichtslos wieder herzurichten, wirkt nicht zuletzt deshalb schwer nachvollziehbar, da im Innern des Merschejewski-Gutshauses die Konstruktion der erhaltenen Zwischendecken deutlich zu sehen ist: Aus mit Lehm beworfenen Flechtwerk bestehend und anschließend verputzt, waren sie sehr viel leichter als die üblicherweise für Plattenbauten, Brücken und Fahrbahnen verwendeten Beton-Bauteile.

So aber fristet das frühere Gutshaus ein betrübliches Dasein – wie so viele andere Baudenkmäler Weißrusslands.

Die Marienkirche in Podlabenje

Acht Kilometer westlich von Grodno liegt das Dorf Podlabenje mit seiner Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Kirche. Hat man sich durch den Berufsverkehr der Stadt Grodno hindurchgearbeitet, so gelangt man bald über eine gut ausgebaute, hügelige Straße zu dem kleinen Ort.

Die Kirche der Jungfrau Maria sieht man schon von weitem; im Dorf selbst zweigt die Zufahrt links von der Hauptstraße ab. Zweistöckige Plattenbauten, die auf dem Lande noch betrüblicher und deplazierter wirken als in der Stadt, scheinen zunächst keine gute Kulisse für Sehenswürdigkeiten abzugeben, doch die Kirche liegt recht malerisch auf einer Anhöhe.

So ist ihre zweite Bestimmung, neben einem Gotteshaus zugleich einen Vorposten gegen potentielle Eindringlinge zu sein, auch heute noch gut zu erkennen.

Die katholische, neoklassizistische Kirche ist von einer mannshohen Mauer aus Bruchsteinen umgeben; den Kirchhof säumen Tannen, und das ganze Ensemble bietet einen schönen Ausblick auf das Dorf und die Umgebung.

Die Herz-Jesu-Kirche in Sanewitschi

Gut dreißig Kilometer südöstlich von Grodno liegt der Weiler Sanewitschi, zu dem die auf freiem Feld an einer schmalen Landstraße gelegene Herz-Jesu-Kirche gehört. Nähert man sich von Grodno aus über die Landstraße P 44, so hat man auf dem Wege zugleich die Möglichkeit, die Kirchen in Krasowka und Swislotsch zu besuchen, ehe man in Swislotsch nach dem Überqueren des gleichnamigen Flüßchens nach rechts abbiegt. Nach wenigen Kilometern kommt links voraus die Herz-Jesu-Kirche von Sanewitschi in Sicht.

In seiner neoklassizistisch-antikisierenden Form mit vier Säulen, einem flachen Giebel unter dem einfachen Satteldach und jeweils drei Rundbogenfenstern in den blendend weiß gestrichenen Seiten- und Rückwänden stellt das Gotteshaus eine markante Landmarke inmitten der sanft geschwungenen Wiesen und Felder dar. Es wurde im Jahr 1917 erbaut.

An der rechten Seite schließt sich ein mit alten Bäumen bestandener Friedhof an. Die Kirchenglocken befinden sich nicht am oder im Kirchengebäude, sondern sind zwischen den Stämmen zweier abgestorbener Bäume aufgehängt und gemahnen so an die Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Trotzdem ist der Ort malerisch, fast ein wenig verwunschen, und lohnt einen Ausflug sehr.

Die Verkündigungskirche in Perstun

Das Dorf Perstun, nordwestlich von Grodno im Grenzebiet zu Polen gelegen, bestand schon zu Zeiten des Großfürstentums Litauen. Damals kreuzten sich hier mehrere wichtige Verkehrswege, und der Ort war ein regionales Verwaltungszentrum, das auch von staatlichen Würdenträgern häufig besucht wurde. Heute liegt der Ort im Dornröschenschlaf, nicht zuletzt deshalb, weil er als Punkt innerhalb der „Grenzzone“ (pogranitschnaja sona) sowohl für Einheimische als auch besonders für Ausländer nur unter bestimmten Voraussetzungen zugänglich ist.

Die Mariä-Verkündigungskirche in Perstun wurde 1848 erbaut. Die Architektur ist uneinheitlich und am ehesten der Renaissance zuzuordnen, auch wenn das Baujahr weit nach dieser Epoche liegt. Das Gotteshaus gehörte zunächst der unierten Kirche an (in der der Gottesdienst nach russisch-orthodoxem Ritus gefeiert wird, die aber dem Papst unterstellt ist), seit 1919 ist es katholisch.

Im 2. Weltkrieg hinterließen die Deutschen auf dem Rückzug verbrannte Erde und verschonten dabei auch Perstun und seine Kirche nicht. Teilweise zerstört, verfiel sie zusehends und wurde erst 1990 wiederaufgebaut bzw. restauriert. Ihr relativ schmales und hohes Kirchenschiff und der zylindrische Turm mit seinem spitzen Dach beherrschen seitdem wieder das Landschaftsbild, wenn man sich dem Dorf nähert.

Das Gutshaus der Familie Milosz in Idolta

Das am südlichen Rand von Idolta gelegene Gutshaus wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut, nachdem die Fürsten Sapiega den Ort Mitte der 1820-er Jahre an den Richter Jozef Milosz veräußert hatten. Zusammen mit dem das Gutshaus umgebenden Landschaftsgarten, den Wirtschaftsgebäuden und nicht zuletzt der 1862 erbauten Grablege der Familie Milosz bildet es ein für das 19. Jahrhundert charakteristisches herrschaftliches Ensemble.

Das Gutshaus ist eingeschossig, mit einem vorspringenden, von vier Säulen getragenen Portikus, über dem sich eine große Mansarde mit Balkon erhebt. Im Innern gab es außer den Schlafräumen und den mit Gemälden und Gobelins geschmückten Salons einen Speisesaal und eine Bibliothek. Vorräte wurden im weitläufigen Untergeschoss aufbewahrt, in dem ein von Quellwasser gespeisten Brunnen Haus und Bewohner mit frischem Wasser versorgte.

Der Park erfreute das Auge der Lustwandelnden mit verschiedenen Laubbäumen und anderen Ziergehölzen, zwischen denen Brunnen plätscherten. Von dieser Landschaftsarchitektur sind heute lediglich Reste erhalten; das Gutshaus selbst wurde restauriert, und auch einige der historischen Wirtschaftsgebäude sind erhalten.

Die Kirche vom Skapulier der Gottesmutter Maria in Idolta

Der Ort Idolta gehörte im 16. Jahrhundert dem im Großfürstentum Litauen einflussreichen Geschlecht Rudominow-Dusjazki, ehe es Anfang des 18. Jahrhunderts an die Fürsten Sapiega und – wiederum mehr als ein Jahrhundert später – an die Familie Milosz überging. 1921 wurde Idolta polnisch.

Der Bau der katholischen Kirche vom Skapulier der Gottesmutter Maria wurde 1937 begonnen und zwei Jahre später vollendet. Der Grundriss ist rechteckig; alle Gebäudeteile sind aus Ziegelmauerwerk, das auf einem Bruchsteinsockel steht. Im Innern sind die beiden Seitenschiffe durch Arkaden vom Hauptschiff getrennt, deren halbkreisförmige Bögen die Rundbögen der Kirchenfenster wiederaufnehmen.

An den Altarraum schließt sich eine runde Apsis an, rechts und links vom Altarraum befinden sich zwei Sakristeiräume mit quadratischem Grundriss. Der Kirchturm ist nicht zentral an den Hauptbau angegliedert, sondern steht rechts von der Hauptfassade. Ihrem zentralen bzw. linken Teil ist eine ebenerdige Galerie vorgesetzt, die ebenfalls von Rundbögen durchbrochen ist.

In Belarus gibt es eine ganze Reihe von Kirchenbauten, die – mehr oder weniger ausgeprägt – dem Jugendstil zugerechnet werden können. Die Kirche in Idolta ist eines dieser Beispiele.

Das Herrenhaus der Familie Wolowitsch

Wenige Kilometer von Grodno entfernt liegt im kleinen Dorf Swjatsk das spätbarocke Wolowitsch-Anwesen. Es wurde von Giuseppe Sacco (1735-1798) im Jahr 1779 erbaut. Umgeben ist es von einem malerischen, von Wasserläufen und kleinen Teichen durchzogenen Park.

Im Zentralbau befinden sich die Haupttreppe und ein achteckiger Saal, in den durch halbkreisförmige Arkaden mit dem Haupthaus verbundenen Seitenflügeln sind die kleineren Räumlichkeiten untergebracht. Die architektonische Gestaltung ist typisch für die Übergangszeit zwischen Barock und Klassizismus: Die Fassade des Hauptgebäudes ist in einen Haupt- und zwei Seitenrisalite gegliedert, die durch ionische Säulenreliefs vertikal betont werden.

Bemerkenswert sind die Gebäude u.a. deshalb, weil ein großer Teil des Interieurs – Wandverkleidungen, Kamine, Öfen, Türen und deren Einfassungen, Spiegeln, Konsolen, Stuck u.a.m. überwiegend erhalten ist.

Selbst die geradezu leitmotivisch angewandte Trompe-l’œil-Technik ist an vielen Stellen fast unversehrt; Säulen, Wandverkleidungen und Kamine vermitteln den Eindruck, aus Marmor geschaffen zu sein – ein Effekt, der der vollkommenen Beherrschung des illusionistischen Malens geschuldet ist.

Die aufwendigen Arbeiten an der Ausstattung der Räume zogen sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hin.

Zweihundert Jahre später war der Zustand von Haupthaus, Nebengebäuden und Park jedoch beklagenswert. Nachdem das Gebäude in neuerer Zeit zunächst als Erholungsheim für Parteikader und später als Tuberkulose-Isolierstation genutzt worden war, stand es danach jahrelang leer und verfiel zusehends. Die Mauern waren an vielen Stellen infolge defekter oder gänzlich fehlender Regenrinnen feucht, die Fenster verzogen und undicht, Verputz und Stuck an der Außenfassade bröckelten. Der Park war verwildert, wenn auch die einst kunstvoll arrangierten Blickachsen noch zu erahnen waren.

Nachdem Versuche, das Ensemble an private Investoren zu veräußern, fehlgeschlagen waren, wurde es Ende 2009 an ein der weißrussischen Nationalbank gehörendes Sanatorium übergeben.

Seit 2017 laufen die Restaurierungsarbeiten. Neben der grundlegenden Wiederherstellung der Gebäudesubstanz sollen auch die Interieurs der einzelnen Räume originalgetreu wiederhergestellt werden. Ein Teil der Räumlichkeiten soll als Hotel dienen, geplant sind außerdem Stallungen zur Unterbringung von Pferden für touristische Ausritte, eine kleine Brauerei mit angeschlossenem Restaurant und nicht zuletzt die Neuanlage des Parks mitsamt der Teichanlagen und Springbrunnen.

Ein Projekt dieser Größenordnung kann nur in Etappen umgesetzt werden. Investiert werden müssen umgerechnet mehr als 10 Millionen US-Dollar. Immerhin laufen die Baumaßnahmen; der linke Gebäudeflügel mitsamt Galerie ist bereits wiederhergestellt. Dennoch bleibt abzuwarten, mit welchem Erfolg die Maßnahmen umgesetzt werden.

Die Andrzej-Bobola-Kirche in Koslowitschi

Im sommerlichen Himmel singen die Lerchen, das hoch aufgewachsene Wiesengras wiegt sich sacht im Wind, zwischen den Baumkronen schauen zwei niedrige hölzerne Kirchtürme hervor – das ist die Andrzej-Bobola-Kirche in Koslowitschi, ein anmutiges kleines Gebäude, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut und 1859 renoviert wurde.

Ursprünglich als russisch-orthodoxe Mariä-Entschlafungs-Kirche geweiht, wurde das Gotteshaus 1920 katholisch; Kirchenpatron ist seither der heilige Andrzej Bobola (1591 – 1657), der als Pfarrer, Prediger, Klostervorsteher und Missionar im heutigen Weißrussland und der Ukraine wirkte.

Dem annähernd quadratischen Kirchenschiff vorgelagert ist der Eingang unter den beiden kleinen Türmen; an der Rückseite schließt sich die Sakristei an. Schlichte, weiß gerahmte Rundbogen-Fenster erhellen das Innere.

Auf dem von Hecken und einem niedrigen Holzzaun eingerahmten Kirchhof finden sich ein großes Holzkreuz und einige Gräber und Gedenksteine.

Osada Dedino – ist Großvaters Landgut dem Untergang geweiht?

Unweit des Dorfes Dedino (Kreis Mijory, Gebiet Witebsk) steht das Landgut der alteingesessenen Adelsfamilie Rudnitzki. „Osada Dedino“ bedeutet so viel wie „Großväterliche Besitzung“, „Großväterliches Erbe“. Erstmals belegt ist der Ort in Quellen, die ins 16. Jahrhundert datieren, die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1517. Wenige Jahrzehnte später, 1550, wird das Dorf bereits als Siedlung mit einer Kirche geführt.

Ende des 17. Jahrhunderts gelangte das Dorf in den Besitz der Familie Rodominow (Rudominow) – eines uralten Geschlechts im Großfürstentum Litauen, das Kaufleute, Diplomaten, Offiziere und Literaten hervorgebracht hatte. 1768 verkauft die Familie das Dorf und die Ländereien an Jan Rudnitzkij, der im Großfürstentum Litauen den Rang eines Rittmeisters bekleidete. Damit wurde der Ort zum Stammsitz der Rudnitzkis.

1810 veranlasste Alexander Rudnitzkij, der Son Jan Rudnitzkis, den Neubau eines Gutshauses nach Plänen des polnisch-litauischen Architekten Witkowski, von dem Namen und Lebens- und Sterbedaten nicht überliefert sind. 1820 wurde der Bau des Herrenhauses vollendet. Vor dem Gebäude wurde ein Landschaftspark angelegt, dessen Anlage heute noch erkennbar ist.

Beim Gebäude handelt es sich um einen rechteckigen Bau mit Walmdach. Den Zugang überdacht ein von vier Säulen getragener Portikus. Karnise und Risalite gliedern Vorder- und Seitenfassaden. Im Innern führt vom Vestibül eine Treppe ins Obergeschoss. Die Aufteilung der Räumlichkeiten war im Erdgeschoss annähernd quadratisch bzw. rechteckig; im Obergeschoss gab es einen Saal und weitere, großzügig angelegte repräsentative Räumlichkeiten. Im Untergeschoss befanden sich die Wirtschaftsräume.

Das Landgut blieb über Generationen im Besitz der Familie Rudnitzki, bis Siegmund Rudnitzki, bekannt und berüchtigt für seinen aufwendigen, verschwenderischen Lebensstil, gezwungen war, es in den 1930er Jahren an die Familie Wischnewetzki überschreiben zu lassen, um seine Schulden bei ihnen zu begleichen. Neun Jahre später jedoch gelang es Siegmunds Schwägerin Aljona Jablonskaja, den Besitz zurückzukaufen; sie überschrieb ihn jedoch nicht Siegmund, sondern der Universität Winniza (in der heutigen Ukraine gelegen).

Mit Beginn des 2. Weltkriegs kehrte Siegmund Rudnitzki nach Dedino zurück. Als das Gebiet von den deutschen Truppen besetzt wurde, ernannten sie Siegmund zum Dorfältesten. Gegenüber der Dorfbevölkerung verhielt dieser sich jedoch immer gutherzig und erfüllte die Befehle der deutschen Besatzer nicht, wofür er schließlich ermordet wurde, nachdem er zuvor sein eigenes Grab hatte ausheben müssen. Wo sich dies befindet, ist unbekannt; aber gegenüber vom Gutshaus war einst seine Mutter, Maria Rudnitzki, beerdigt. Das Grab wurde von Grabräubern geplündert, aber der Grabstein ist erhalten und befindet sich noch auf dem Gelände.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gutshaus unterschiedlich genutzt, u.a. als Verwaltungsgebäude der Kolchose „Der Weg Lenins“. Seit den 1970-er Jahren verfällt es zusehends. Der Versuch, es an einen Investor zu verkaufen, schlug fehl. Da weder die Gemeinde noch der Landkreis oder die Gebietsverwaltung über die Mittel zur Restaurierung und Unterhaltung des Denkmals verfügen, scheint es dem Untergang geweiht zu sein.

Die Peter-Pauls-Kapelle in Russota

Ursprünglich als Grablege für die Grundbesitzerfamilie Pruschinski im 19. Jahrhundert errichtet, findet heute in der kleinen katholischen Kapelle jeden Sonntag um drei Uhr der Gottesdienst für die Dörfer Russota, Kamennaja Russota, Malyschtschina und Tscheschtschewljany statt.

Die kleine Holzkirche bildet den Mittelpunkt des sie umgebenden alten Friedhofs. Generationen polnischer und weißrussischer Bewohner der Umgebung haben hier ihre letzte Ruhe gefunden; ihre Gräber werden von alten Bäumen beschattet. Von der Rückwand der Apsis aus schweift der Blick über Felder und Wiesen weit ins Land in Richtung Litauen, das gerade zwanzig Kilometer entfernt liegt.

Vor einigen Jahren erhielt die Kapelle einen neuen, gelbgrünen Anstrich, und die Bäume auf dem Friedhof wurden gefällt. Seitdem ist die Kapelle eine weithin sichtbare Landmarke; wenn auch das, ursprünglich links neben der Eingangstür unter einem eisernen Schutz-Dächlein angebrachte Plakat, das in polnischer Sprache verkündete: „Radio Maria – die Stimme des Katholizismus in deinem Haus“, den Renovierungsarbeiten ebenfalls zum Opfer gefallen ist.

Die Franz-Xaver-Kirche in Grodno

Ohne Zweifel ist die Franz-Xaver-Kirche, in der nordöstlichen Ecke des Sowjetskaja-Platzes gelegen, Grodnos auffälligstes historisches Architekturdenkmal. Die erste Messe wurde in der noch nicht fertiggestellten Kirche im Jahre 1700 gefeiert; die Konsekration fand fünf Jahre später im Beisein des polnischen Königs August II. und des russischen Zaren Peter I. statt. Peter war gerade auf dem Rückzug vor den Schweden unter Karl XII., mit dem er im Großen Nordischen Krieg um die Vorherrschaft im Ostseeraum kämpfte, und wurde von August II. zu den Feierlichkeiten eingeladen.

Die dreischiffige Basilika mit zentraler Kuppel und ihrer Fassade aus dem Jahr 1752 ist eines der herausragendsten Barockbauwerke ganz Weißrusslands. In einer ihrer Seitenkapellen wird eine wundertätige Ikone verehrt, die als Kopie eines älteren Werkes bereits im Jahre 1664 aus der Stadt Rom nach Grodno gebracht wurde. Die Ikone ist nicht nur die Schutzpatronin der Stadt, sondern wird vor allem als Patronin der Studenten verehrt, was ihr während der Prüfungszeit der örtlichen Hoch- und Fachschulen besonderen Zulauf beschert.

Rechts und links vom Hauptportal befinden sich die nur scheinbar steinernen Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Während der Zeit der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944 ließen die Priester der Kirche diese hölzernen Statuen in Trompe-l’œil-Technik so bemalen, dass sie wie aus Stein gemeißelt wirkten. Wegen ihres vermeintlich großen Gewichts entgingen sie dem Schicksal, als Raubkunst nach Deutschland verfrachtet zu werden.

Oberhalb des Portals steht der Namenspatron der Kirche, der heilige Franz Xaver. Die im linken Turm angebrachte Uhr befand sich in früheren Zeiten im Grodnoer Rathaus. Nachdem es in den Kriegen des 18. Jahrhunderts zerstört worden war, wurde die Uhr in der Franz-Xaver-Kirche aufgestellt. Sie verfügt über drei Zifferblätter, die mit einem ausgeklügelten Mechanismus synchron gesteuert werden. Das Uhrwerk selbst kann als eines der ältesten sich noch in Betrieb befindenden ganz Europas angesehen werden. Forschungen in jüngster Zeit haben ergeben, dass es im 15. Jahrhundert angefertigt wurde. Die drei Gewichte, eines von 160 Kilogramm, die beiden anderen von jeweils 70 Kilogramm, werden auch heute noch vom Kustos alle zwei Tage von Hand über drei Stockwerke hinaufgezogen. Der Versuch, hierfür einen computergesteuerten Elektromotor zu installieren, bewährte sich wegen der Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen im Turm nicht.

Die Ausstattung der Basilika beeindruckt durch ihre zwölf Seitenaltäre, besonders aber durch den Hauptaltar, der 1736 vom aus der polnischen Stadt Reszel stammenden Bildhauer Jan Chrystian Schmidt (1701-1759) geschaffen wurde. Die dreistöckige monumentale Komposition ist durch jeweils zehn Säulen unterteilt und zeigt die Apostel, die Evangelisten, den heiligen Franz Xaver und Christus, den Erlöser. Den Abschluss bildet eine Gloriole in der Apsis, durch die das Tageslicht in den Altarraum strahlt.

1960 wurde die Kirche für Gottesdienste geschlossen, und der letzte Priester wurde gezwungen, sein Gotteshaus zu verlassen. Die Behörden planten, das Bauwerk in einen Lagerraum, einen Konzertsaal und ein Kulturhaus zu verwandeln, aber selbst in den dunkelsten Zeiten der Sowjet-Diktatur gaben die Gemeindemitglieder und die Bürger Grodnos die Kirche nicht auf, besuchten sie zum Gebet und verhinderten, dass sie ihrer Ausstattung und ihrer Kirchensätze beraubt wurde. Letztes Zeugnis dieses Missbrauchs historischer Werte ist das unmittelbar an die Basilika grenzende Gefängnis. Tatsächlich war die Kirche nämlich architektonischer Hauptbestandteil eines der größten Jesuitenklöster der Rzeczpospolita Polska; sein Territorium ist nun vom Grodnoer Gefängnis belegt, was von vielen Einwohnern der Stadt als städtebauliche Sünde empfunden wird. 1987 wurden die Gottesdienste wieder aufgenommen und finden seither täglich statt.

Die Marienkirche in Saretschanka

Im Zentrum des Dorfes Sarteschanka liegt die schlichte, mit Elementen der Neogotik verzierte Marienkirche (1937). Der Besuch der Kirche bietet sich vor allem dann an, wenn Abstecher zu den übrigen, westlich des Neman (Memel) gelegenen Kirchen in der Umgebung von Grodno (u.a. Podlabenie) geplant sind. Man verlässt Grodno in westlicher Richtung, passiert die Brücke über das Flüsschen Losósna, folgt der Straße einen Hügel hinauf und trifft alsbald auf das Hinweisschild zum Ort. Die so bezeichnete Straße führt nach Norden direkt ins Dorf.

Die auf einem Fundament aus Bruchsteinmauerwerk ruhende Kirche ist einschiffig, mit einem zweistufigen Turm über dem Portal, der Turmhelm ist achteckig. An der Rückseite des Kirchenschiffs treten die Sakristei und die dreiseitige Apsis aus dem ansonsten rechteckigen Grundriss hervor. Die Seitenwände sind von neogotischen Fenstern durchbrochen. Im saalartigen Kirchenraum ist das Spitzdach abgeflacht und durch eine geometrische Bemalung verziert.