Die Brauerei in Grodno

An der Stelle der heutigen Brauerei in Grodno stand bereits im 17. Jahrhundert der Palast der Familie Oginski. 1868 gelangte der Komplex in den Besitz des tschechischen Kaufmanns Johann Kunz. Nachdem er Bürger des Russischen Reiches geworden war, nahm er den Namen Osip Matwejewitsch Kunz an, baute die Palastgebäude um und nahm darin 1877 eine Brauerei in Betrieb. Zu dieser Zeit gab es in der Stadt knapp ein Dutzend kleinerer Brauhäuser, gegen die sich die neue Brauerei behaupten musste. Dank dieser Konkurrenz erfreute sich das in Grodno gebraute Bier über lange Jahre und Jahrzehnte eines ausgezeichneten Rufes, und über ein Jahrhundert lang wuchs der Erfahrungsschatz der Braumeister der Brauerei von Osip Kunz kontinuierlich an, wodurch ein gleichbleibend hohes Niveau des dort gebrauten Bieres gewährleistet wurde.

Doch mit der Zeit veralteten die technischen Anlagen, die Entwicklung neuer Rezepturen wurde versäumt, und ab den 1990-er Jahren sank die Qualität des Bieres merklich. Zunächst konnte dies durch die Einführung von Schutzzöllen gemildert werden, was den Import ausländischen Bieres verhinderte. Gleichzeitig stellten mehrere inländische Brauereien ihren Betrieb zeitweilig ein und modernisierten ihre Brauereien grundlegend. Nach dieser letzten Gnadenfrist geriet die Brauerei in ernsthafte Schwierigkeiten, als die großen belarussischen Brauereien auf den Markt zurückkehrten. 2007 stellte die Brauerei die Bierherstellung ein.

Im selben Jahr verfolgte Pläne einer Übernahme durch die russische Großbrauerei „Baltika“ scheiterten. Fünf Jahre später übernahm eine Investment-Firma namens „Ekoprominvest“ den maroden Betrieb und versprach Stadtvätern und Bürgern, ihn zu modernisieren, ein angegliedertes Hotel zu errichten und ein Biermuseum zu eröffnen. Auch eine kleine Hausbrauerei sollte in Betrieb gehen.

Tatsächlich aber hatte man nichts Eiligeres zu tun, als sämtliches verwertbare Metall, darunter auch Anfang des 20. Jahrhunderts eingebaute historische Braukessel, aus der Brauerei abzutransportieren und als Altmetall zu Geld zu machen. Da „Ekoprominvest“ weder den Kaufpreis vollständig entrichten konnte, noch die mit dem Kauf verbundenen Auflagen erfüllen konnte, Gebäude und Grundstück zu sichern und für eine künftige Nutzung vorzubereiten, wurde das gesamte Areal 2014 ohne Zustimmung der Behörden an eine weitere Firma „Scha-Wa-S-Invest“ weiterverkauft. Der neue Eigentümer war somit nicht mehr an die dem Vorbesitzer auferlegten Bedingungen gebunden.

Eine behördliche Begehung der Gebäude ergab, dass sie teilweise einsturzgefährdet waren und sich der gesamte Komplex in beklagenswertem, heruntergewirtschafteten Zustand befand. Durch richterliche Anordnung wurden sämtliche Kaufverträge anulliert und die Brauerei wieder in kommunalen Besitz zurückgeführt. Im Frühjahr 2020 wurde die Anlage für 1,3 Millionen belarussische Rubel – umgerechnet gut 524.000 Euro – an einen polnisch-belarussischen Investor verkauft, der nun vier Jahre Zeit hat, die Gebäude zu restaurieren und für die Nutzung herzurichten. Angedacht sind erneut ein Biermuseum, ein Hotel-Restaurant und eine kleine Hausbrauerei. Die Stadt Grodno hat aber auch eine partielle Nutzung für die Ansiedlung von Verwaltungs- und Dienstleistungseinrichtungen erlaubt. So bleibt abzuwarten, ob die Pläne diesmal in die Tat umgesetzt werden und der Brauerei Grodno ein zweites Leben beschieden sein wird.

Die St. Wladimir-Kirche in Grodno

Die St- Wladimir-Kirche in Grodno ist ein Baudenkmal der neorussischen, russifizierend-historistischen Architektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie wurde im Mai 1895 nach Plänen des Ingenieurs I. K. Plotnikow erbaut und am 29. Dezember 1896 feierlich geweiht. Das Interieur der Kirche war im Mai 1896 vollendet, der Ikonostas stammte von dem Moskauer Maler und Restaurator Dmitri M. Strukow (1828-1899). Finanziert wurde der Bau überwiegend mit Hilfe von Spenden von Gläubigen aus dem ganzen Land.

Belarus verfügt über ein reiches, vielgestaltiges religiöses Erbe. Neben der russisch-orthodoxen und der katholischen Religion spielten besonders das Judentum, der Protestantismus und auch der Islam eine wichtige Rolle. Nachdem Ende des 18. Jahrhunderts das Königreich Polen zwischen Russland, Preußen und Österreich-Ungarn aufgeteilt worden war, entstanden in den dem Russischen Reich zugeschlagenen Gebieten vermehrt Kirchen- und Gemeindeschulen; die Unterrichtung der Zöglinge fand mitunter direkt in den Kirchenräumen statt. So war es auch in der St. Wladimir-Kirche in Grodno.

Das Gebäude besteht aus vier Teilen: dem zweigeschossigen Glockenturm, der Vorhalle, dem Kirchenschiff und dem Altarraum in der fünfeckigen Apsis. Das Ziegelmauerwerk wird durch halbkreisförmige Fensteröffnungen und verschiedene dekorative Elemente aufgelockert.

Das Gotteshaus blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück, es überstand Kriege, Revolutionen und staatliche Repressalien. Ungeachtet dieser historischen Erschütterungen wurde der kirchliche Betrieb jedoch nie dauerhaft eingestellt.

In den 1920-er und 1930-er Jahren wurden die Bänke und Tische der Kirchenschule aus dem Gebäude entfernt, was Platz für die Gläubigen schuf. Ein neuer Ikonostas wurde errichtet. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Kirche von neu angesiedelten Industriebetrieben förmlich umzingelt: von einer Glasbrennerei, einer Fabrik zur Herstellung von Kardanwellen und weiteren Großbetrieben.

Eine Brücke überspannt seither die unmittelbar an den Kirchhof angrenzenden Bahnanlagen, und die Kuppeln der Kirchtürme verlieren sich zwischen den Fabrikanlagen und ihren Kaminen und Schloten.

Versuchen, die Kirche in einen Arbeiterklub des Glaswerks umzuwandeln oder sie gleich ganz abzureißen, widerstand die Kirchengemeinde mit Erfolg. Allerdings unterscheidet sich ihr äußeres und inneres Erscheinungsbild deutlich von dem früherer Jahrzehnte.

Das ehemalige Priesterseminar in Slutzk

Das spätklassizistische Gebäude der ehemaligen Slutzker Schule für geistliche Berufe befindet sich im Zentrum der Stadt. Es wurde 1767 erbaut. An der Front springen die Seitenrisalite hervor und lockern die ansonsten streng gegliederte, nur durch den umlaufenden Zahnfries und die Fensteröffnungen unterbrochene Fassade auf.

Der mittige Haupteingang tritt ein wenig hervor; darüber erhebt sich ein bis unter die Dachkante reichendes Pilasterpaar.

Heute ist in dem Gebäude eine Schule für medizinische Berufe untergebracht. Im hübschen Innenhof verbringen die Schülerinnen und Schüler gern die Pausen zwischen den Lehrveranstaltungen.

Das Landgut der Familie Dmochowski

Vom Landgut der Familie Dmochowski sind nur noch wenige Relikte erhalten. Zur Jahrhundertwende zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert gehörte Sabolotje einer Familie Gierzdów oder Gierzoduw, über die kaum Näheres bekannt ist. 1743 erwarb die Familie Dmochowski das Gut; es blieb bis September 1939 in ihrem Besitz. Der letzte Eigentümer von Sabolotje war Władysław Dmochowski.

Auf der Schwelle des hölzernen, auf einem hohen Fundament aus großen Feldsteinen erbauten Herrenhauses war sein Baujahr, 1742, eingemeißelt. Es verfügte über weitläufige, als Ziegelgewölbe gemauerte Kellerräume. Das Walmdach war anfangs mit Stroh, später mit Schindeln gedeckt. Ursprünglich war das äußere Erscheinungsbild des Gutes also recht zurückhaltend, ja bescheiden. Erst nach 1820 verlieh man ihm durch den Bau eines von zwei Säulen getragenen, mit einem Gesims verzierten Portikus vor dem Haupteingang ein etwas repräsentativeres Gepräge. In den kleinen Giebel war ein halbkreisförmiges Zierfenster mit radialen Sprossen eingesetzt. Die Treppe, die zum Portikus führte, ruhte auf Feldsteinen, wie sie bereits für den Bau des Fundaments Verwendung gefunden hatten. Ein zentraler Kamin leitete die Abluft der im Haus eingebauten Öfen durch das Dachgeschoss nach außen.

Aus: Bułhak, Jan: Polska w krajobrazie i zabytkach. T. 2, Warszawa 1930, S. 409, Abb. 1356

Durch den Innenraum verlief ein zentraler Flur, der das Gebäude in zwei Hälften teilte. Rechts befand sich die größte Kammer mit zwei Fenstern, das Speisezimmer, während das angrenzende Eckzimmer mit einem Fenster als Schlafzimmer diente. Auf der linken Seite des Flurs gelangte man zunächst in ein Spielzimmer, an das sich an der linken Hausecke wiederum ein Schlafraum anschloss. Zur Gartenseite befand sich ein repräsentatives Speisezimmer mit einem angrenzenden großen Raum zum Anrichten der Speisen. Die übrigen Räume dienten als Wohnräume.

Alle Zimmer hatten Balkendecken und weiß getünchte Wände und Böden aus lackierten Holzdielen. Nur das Vestibül war mit Ziegelsteinen ausgelegt. Im linken vorderen Eckzimmer gab es neben einem mit vier Säulen dekorierten Ofen aus Ziegelmauerwerk auch einen klassizistischen Kamin ohne Feuerstelle. Dieser diente als Altar für den Erzbischof von Mogiljow, Kazimierz Dmochowski (1780-1851), der bei Aufenthalten in seinem Familienstammsitz dort die Messe las.

Ebenfalls 1742 wurde nebenan ein Kornspeicher errichtet, dem in den folgenden Jahren und Jahrzehnten weitere Wirtschaftsgebäude folgten. Von ihnen sind nur noch die Grundmauern erhalten, an denen jedoch die damalige Bauweise gut erkennbar wird: In die gemauerten und verputzten Stützpfeiler waren Führungen eingelassen, die die zwischen den Pfeilern eingesetzten hölzernen Wandelemente trugen.

Aus den Archivalien geht hervor, dass das Landgut reich ausgestattet war. In seinen Salons wurden französische Weine, edle Speisen und Getränke gereicht, es gab stilvolles Mobiliar, kostbares Tafelsilber und eine umfangreiche Bibliothek. 1812, während der Invasion Napoleon Bonapartes, wurde das Gut geplündert. Der französische General Graf Antoine Drouot (1774-1847), der für einige Tage in Sabolotje Halt machte, fand das Herrenhaus fast völlig leer vor. Beschämt hinterließ er an einem zurückgelassenen Schreibtisch die Note: „Mit großer Traurigkeit stelle ich fest, dass dieses Haus von meinen Landsleuten zerstört wurde, und ich bedaure aufrichtig , dass die darin lebenden Menschen am 20. Juli 1812 gezwungen waren, ihr Gut zu verlassen.“

In den folgenden knapp einhundert Jahren wurden das Haus wieder hergerichtet und erneut mit eleganten Möbeln und erstklassigen Gemälden ausgestattet. Im 2. Weltkrieg wurde all dies nach Vilnius verbracht, wo es jedoch in den Kriegswirren verloren ging – die Notiz von General Drouot eingeschlossen.

Der das Haus umgebende Garten hatte eine Fläche von etwa 4 Hektar. Der Baumbestand setzte sich aus Eichen, Linden, Ahornbäumen und Birken zusammen. Gegenüber dem Gutshaus lag hinter einem kleinen Teich ein Nadelwald aus sehr hohen, alten Fichten. Jedes Jahr legten Reiher dort etwa 80 Nester an. Dieser Nadelwald wurde bereits im 1. Weltkrieg abgeholzt.

Heute findet der Besucher außer den wenigen verbliebenen Ruinen kaum noch historische Spuren vor. Dort, wo vordem das hölzerne Gutshaus stand, wurde in den 1950-er Jahren die Dorfbibliothek erbaut. Darunter sind die historischen Kellergewölbe jedoch erhalten. Jahrzehntelang vernachlässigt und als Lager für Kartoffeln und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse genutzt, ist es der ehrenamtlichen Initiative des Bibliothekspersonals zu verdanken, dass die Keller von Unrat und Feuchtigkeit befreit, gereinigt und konserviert wurden und nun wieder als Denkmal besichtigt werden können. Im Erdgeschoss der Bücherei wurde ein Raum als kleines Heimatmuseum hergerichtet, in dem auch einige wenige Gegenstände gezeigt werden, die aus dem ehemaligen Gutshaus stammen.

Der Ort wird inzwischen von vielen Touristen aus dem In- und Ausland besucht, denn das Geschlecht der Dmochowskis hat einen berühmten Sohn hervorgebracht: den Freiheitskämpfer und Bildhauer Henryk Dmochowski (1810-1863). Er beteiligte sich in den 1830-er und 1840-er Jahren an Aufständen und Erhebungen gegen die im ehemaligen, 1795 endgültig zerschlagenen Königreich Polen stationierten russischen und österreichischen Truppen, bevor er 1852 in die Vereinigten Staaten von Amerika ging, wo er neun Jahre lang als Bildhauer unter dem Namen Henry Sanders aktiv war. Dort schuf er zwischen 1852 und 1853 die Bildnisse der amerikanischen Präsidenten George Washington, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson, die bis heute das Kapitol in Washington D.C. zieren.

Henryk Dmochowski kehrte 1861 in seine Heimat zurück, machte sich in Vilnius ansässig und wirkte auch dort wieder als Bildhauer. Zwei Jahre später wurde er als Teilnehmer am polnischen Januaraufstand (1863-1864) bei Kämpfen gegen die russischen Truppen getötet. Am Bibliotheksgebäude in Sabolotje wurde vor einigen Jahren eine Gedenktafel für den berühmten Sohn des Dorfes angebracht.

Ein Museum in Eigeninitiative

Pokraschewo, unweit der Stadt Slutzk gelegen, wird in den alten Chroniken schon im Jahr 1535 erwähnt. Seit 1875 bestand an dem Ort eine Schnapsbrennerei, deren historische Gebäude noch immer existieren. Seit über fünfundzwanzig Jahren leitet Alexander Walentinowitsch Rybak den Betrieb, führte ihn in den 1990-er Jahren aus einer existenzbedrohenden Krise und machte ihn zum nationalen Marktführer für Obst- und Branntweinessig.

Alexander Rybak bewirkt aber noch weit mehr. So überzeugte er die Dorfbewohner ebenso wie die Beschäftigten seiner Fabrik, die nahegelegene verfallene, über 100-jährige Windmühle zu restaurieren, das Mahlwerk teilweise wieder herzurichten, neue Windmühlenflügel herzustellen und anzubringen und das Innere des Gebäudes in ein Heimatmuseum zu verwandeln.

Hier findet der Besucher Dinge vor, die die Einwohner aus Pokraschewo und den umliegenden Dörfer stifteten: Möbel, Werkzeuge und Gegenstände des bäuerlichen Alltags, Erzeugnisse der ländlichen Heimarbeit, wie Garn, selbstgewebte, bestickte Stoffe, aber auch Kirchengesangbücher, Küchengeräte und andere Dinge des täglichen Lebens.

Auf einer Etage ist eine Bauernstube eingerichtet, von lebensgroßen Figuren bevölkert, die eine Lehrerin aus dem Nachbarort liebevoll angefertigt hat.

Und um das Gebäude herum künden Mühlsteine, der Nachbau eines Ziehbrunnens und andere großformatige Exponate vom dörflichen Leben vergangener Zeiten.

Ende August 2010 wurde an der Dorfgrenze von Pokraschewo von katholischen und russisch-orthodoxen Geistlichen eine Quelle geweiht, die seither ein von Pilgern, aber auch von Hochzeitspaaren gern besuchter Wallfahrtsort geworden ist. Ihre Erschließung ist ebenfalls ein Verdienst des rührigen Fabrikdirektors. Auch hier investierten er und viele Freiwillige der Belegschaft viel Zeit und Engagement.

Über der Quelle errichteten sie einen Pavillon, der das – ebenfalls neu angelegte – Wasserbecken vor Witterungseinflüssen schützt und dem Besucher Sichtschutz für ein Bad im als heilkräftig bekannten Quellwasser bietet. Im Innern ist der Pavillon mit russisch-orthodoxen Ikonen und katholischen Heiligenbildern ausgestattet. Ein kleiner Parkplatz wurde angelegt, und ein kurzer, bei Dunkelheit beleuchteter Fußweg führt direkt zur Quelle.

Die St. Euphrasia-Kirche in Borowka

In dem kleinen, heute 1300 Einwohner zählenden Ort Borowka wurde zwischen 1840 und 1844 die russisch-orthodoxe St.-Euphrasia-Kirche im klassizistischen Stil erbaut. Sie war für 300 Gläubige vorgesehen. Ab 1889 ist eine angegliederte kirchliche Schule nachgewiesen, die 1916 von 95 Schülern besucht wurde. Mitte der 1930-er Jahre wurde die Kirche von den Sowjets geschlossen und diente bis in die 1990-er Jahre als Clubhaus und Lager.

Danach wurde das Gotteshaus der Gemeinde zurückgegeben, und die Instandsetzungsarbeiten begannen. Der Ikonostas wurde 2000 restauriert und erneuert, fünf Jahre später konnte die Gemeinde drei neue Glocken gießen lassen, und der Kirchhof wurde neu gestaltet.

Euphrasia von Polozk (um 1110 – 1167) war die erste auf dem Gebiet des heutigen Belarus heiliggesprochene Frau und gilt als Nationalheilige des Landes. Sie war die Tochter von Fürst Swjatoslaw Wsjeslawitsch von Witebsk (1101 – 1129). Nach Erreichen der Volljährigkeit, die damals bei 12 Jahren lag, ging sie ins Kloster und bezog nach ihrem Noviziat eine Mönchszelle in der Sophienkathedrale in Polozk. Im Scriptorium der angegliederten Bibliothek kopierte sie kirchliche Schriften, arbeitete als Übersetzerin und war seelsorgerisch tätig.

Nachdem Euphrasia drei Mal ein Engel erschienen war, gündete sie im unweit von Polozk gelegenen Ort Selzo ein Kloster. Seine Erlöserkirche (1161) ist auf dem Gebiet des heutigen Belarus eines der bedeutendsten Beispiele der Polozker Sakralarchitektur.

Euphrasia stiftete ebenfalls ein aufwendig gestaltetes, mit Edelsteinen und Reliquien versehenes Altarkreuz, das im Laufe der Jahrhunderte immer wieder aus der Kirche entfernt wurde, aber jedes Mal seinen Weg zurück in die Erlöserkirche fand. 1929, in der Sowjetzeit, ließ der Direktor des Minsker Belarussischen Staatsmuseums das Kreuz ins Staatliche Belarussische Museum nach Mogiljow bringen. In den Übergabeprotokollen wurde festgehalten, dass sich das Kreuz in schlechtem Zustand befand: 13 Heiligenbilder waren herausgebrochen bzw. zerstört, von den ursprünglich zahlreichen Edelsteinen waren lediglich noch zwei vorhanden; viele der massiv goldenen und silbernen Verzierungen fehlten, und der Korpus selbst zeigte Spuren mehrfacher, unsachgemäßer Reparaturen. Während des Zweiten Weltkriegs verschwand das Kreuz beim Rückzugs der Roten Armee endgültig. Bis heute ist dieses belarussiche Nationalheiligtum nicht wieder aufgetaucht. Seit 1997 wird in der Erlöserkirche des Klosters in Polozk eine Neuanfertigung verehrt und bewahrt.

Euphrasia veranlasste noch weitere Klostergründungen und rief auch ihre Schwester und eine Cousine zu sich ins Erlöserkloster. 1167 gelangte sie als Pilgerin nach Jerusalem, wo sie nach kurzer Krankheit im gleichen Jahr starb.

Eine Kapelle am See

Die Ortschaft Bogino im Gebiet Braslaw befindet sich am Zusammenfluss zweier Seen (Wysokoje Osero, „Der Obere See“ und Boginskoje Osero, „Der Bogino-See“). Der größte Teil des Ortes befindet sich am westlichen Ufer und ist mit dem zweiten, östlichen Ortsteil durch eine Brücke verbunden. Ganz in der Nähe liegt auf einer Anhöhe die kleine, katholische Ignatius-von Loyola-Kirche, die zur nächstgrößeren Pfarrei im benachbarten Städtchen Daljokie gehört.

Es gibt wenige Informationen zu diesem Gebäude. Erbaut wurde es vermutlich Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts. Es wird verschiedentlich als Friedhofskapelle bezeichnet, ohne dass in der Nähe ein solcher zu finden ist.

Das schlichte, einschiffige Gotteshaus mit rechteckigem Grundriss und Satteldach verfügt über einen Dachreiter, der die Glocke beherbergt, und an Ost- und Westseite sind zwei schlichte Rundbogenfenster eingelassen.

Die Wände bestehen aus Bruchsteinmauerwerk. Der die Steine verbindende Mörtel ist mit kleinen, mosaikartig eingelegten Kieseln verziert.

Einen interessanten Kontrast bildet ein Silo mit runder Kuppel, das zum benachbarten landwirtschaftlichen Betrieb gehört.

Das Landgut der Swjatopolk-Mirskis

Fünf Kilometer vom Städtchen Miory entfernt liegt, etwas versteckt in einem verwilderten Park in Kamenpole, das Gutshaus der Adelsfamilie Swjatopolk-Mirski, deren ursprünglicher Familienname (Mirski) auf den Ortsnamen Miory zurückgeht. Die Flur Kamenpole war bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts Teil einer großen Besitzung mit Zentrum in Miory. Als die Swjatopolk-Mirskis 1637 einen Teil davon erwarben, errichteten sie in Kamenpole ein erstes Gebäude. Bis in die 1930-er Jahre existierten eine (nicht erhaltene) hölzerne Kapelle, ein Ljamus (ein zweistöckiges Wirtschaftsgebäude mit umlaufender Galerie im oberen Stockwerk). Das noch heute erhaltene Gutshaus wurde 1873 erbaut. Das hölzerne Gebäude hatte einen von sechs Säulen getragenen Portikus über dem zentralen Eingang.

Grundriss des Gutshauses der Familie Swjatapolk-Mirski

Aus: Akademie der Wissenschaften der Belarussischen SSR (Hg.): Sbor pominkau i kultury Belarusi. Wizebskaja woblaz (Sammlung der Geschichts- und Kulturdenkmäler der Belarussischen SSR. Gebiet Witebsk). Minsk 1985, S. 309, Nr. 1683.

Beidseits des Zufahrtsweges wurden Anfang des 20. Jahrhunderts weitere Wirtschaftsgebäude gebaut. Besonders repräsentativ war der 1907 errichtete Pferdestall aus rotem Ziegelmauerwerk mit seiner dreifach gegliederten im Stil der Neogotik gestalteten Fassade. Die bis vor wenigen Jahren noch stehenden Außenmauern sind mittlerweile vollständig eingestürzt.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gutshaus verklinkert und von der Verwaltung der Kolchose „Prawda“ (Wahrheit) genutzt. Dadurch veränderten sich sein Äußeres und Inneres bis zur Unkenntlichkeit.

Auch vom weitläufigen Park ist wenig erhalten, doch die Allee als Zufahrt und die vielen jahrhundertealten Bäume, für die das Areal einst berühmt war, lassen die einstige Schönheit der Anlage bis heute erahnen. Der formale Gartenteil grenzte direkt ans Landhaus und wurde durch einen rechteckigen Wassergraben begrenzt. Ein größerer, u-förmiger Wassergraben umgab wiederum die gesamte Anlage.

Plan des Landguts der Familie Swjatapolk-Mirski

1: Gutshaus; 2-5: Gutshof mit Pferdestall; 6, 7, 8: Wirtschaftsgebäude; 9: Eiskeller; 10: Schmiede

Aus: Akademie der Wissenschaften der Belarussischen SSR (Hg.): Sbor pominkau i kultury Belarusi. Wizebskaja woblaz (Sammlung der Geschichts- und Kulturdenkmäler der Belarussischen SSR. Gebiet Witebsk). Minsk 1985, S. 309, Nr. 1683.

Heute ist der Park vollkommen verwildert. Neben dem Gutshaus rosten eine Schaukel und eine Wippe vor sich hin; etwas weiter hat man einige weitere Gebäude, errichtet aus Betonfertigteilen und in unbeholfen-sozialistischer Art dekoriert, rücksichtslos in den einstigen Landschaftsgarten gesetzt. Die Stimmung ist geprägt von Trübnis und Verfall; erstaunlich, dass sich die Dorfjugend ausgerechnet diesen Ort als Refugium für Liebespaare erkoren hat.

 

Die Alexander-Newski-Kirche in Wertelischki

Wo heute das Dorf Wertelischki (weißrussisch Werzjalischki) liegt, befand sich im 14. Jahrhundert das Landgut von David Grodnenski (weißrussisch Davyd Garadsenski; 1289-1326), einem der bedeutendsten Heerführer des Großfürstentums Litauen und Kastellan des Grodnoer Schlosses.  Das Landgut wurde 1324 von Kreuzrittern zerstört. Die Siedlung als solche wird erstmals 1506 erwähnt. 1588 wurde Wertelischki von Grodno aus verwaltet.

Die Existenz einer hölzernen Kirche ist für die 1830-er Jahre nachgewiesen; 1850 gab es bereits ein größeres, steinernes Gotteshaus – die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kirche, die auch heute noch im Nordwesten des Ortes zu finden ist.

Bis 1950 war Wertelischki ein typisches, kleines landwirtschaftliches Dorf – das änderte sich mit der Gründung der Kolchose „Progress“ und der Ansiedlung eines Großbetriebes zum Torfabbau. Ende der 1960-er Jahre wurde Wertelischki zu einem agrarwirtschaftlichen Modellstädtchen: anstelle des alten Dorfes trat eine von Georgij Wladimirowitsch Saborski (1909-1999) geplante, idealtypische Siedlung mit modernen, freistehenden, ein- bis zweistöckigen Häusern, die sich um den Ortskern mit Kulturhaus, Pionierpalast und Verwaltungsgebäude gruppierten und auch heute noch an ein Gartenstädtchen erinnern. Die ursprüngliche Struktur und Architektur des Dorfes ist indessen fast vollständig verloren.

(Abbildung aus: Bolschaja Sowjetskaja Enziklopedija online, abgefragt am 25.02.2020)