Kategorie: Endgültig verloren

Das verschwundene Landgut bei Kurapolje

Auf der Karte des westlichen Rußlands, 1917 herausgegeben von der Kartographischen Abteilung der Königlich Preußischen Landesaufnahme ist es noch eingezeichnet: das Landgut nahe dem Dorf Kurapolje, nur wenige Kilometer von der Grenze zum benachbarten Litauen entfernt.

Bis vor wenigen Jahren standen hier noch die Ruinen zweier Wirtschaftsgebäude.

Das größere der beiden Häuser war sogar unterkellert und diente vielleicht der Aufbewahrung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Vorräte; möglicherweise handelte es sich aber auch um ein Wohngebäude für Bedienstete des Gutes.

Unweit von diesem größeren Bauwerk befand sich ein kleineres Haus – offenkundig diente es weder als Wohnhaus noch als Speicher oder Scheune; dafür war sein Grundriss zu klein. Wahrscheinlicher ist, dass es ehedem eine Pumpe beherbergte, die Teile des Landgutes entwässert haben mag.

In unmittelbarer Nähe fließt nämlich das Flüsschen Lutschajka vorbei.

Vermittelten die aufgegebenen historischen Bauten jahrelang ein betrübliches Bild, so sind sie inzwischen vollständig abgetragen, und es erinnert kaum mehr etwas an die Geschichte des nun endgültig verschwundenen Landguts.

Kali Laska

Anders als im polnischen Nowa Huta, wo dem Sozialismus als gesellschaftlichem Experiment architektonische Gestalt verliehen wurde, stößt man in Weißrussland eher unvermutet auf Orte, die als Relikte einer alltäglich sozialistisch-realistischen Weltanschauung inmitten des sich Bahn brechenden Kapitalismus eine ganz eigentümliche Ästhetik aufweisen, die man, mangels treffenderer Termini, als ungewollt bezeichnen könnte.

Die so erbauten Kulissen lassen vielfach das Bestreben erkennen, mit einfachen, überdies nur begrenzt zur Verfügung stehenden Mitteln größtmögliche Ästhetik zu erreichen. Das Resultat sind Zweckbauten, die in ihrer merkwürdigen Mischung aus Schlichtheit, Symmetrie und unterschwelliger Verspieltheit besonders viel Raum für die unsichtbaren Spuren ihrer gegenwärtigen und früheren Bewohner zu bieten scheinen.

Dass diese Orte von den Einheimischen als Relikte einer als überkommen empfundenen Zeit angesehen werden, ist verständlich, aber zugleich bedauerlich. Denn dem Wunsch, zu demonstrieren, dass man sich durchaus am Puls der Zeit befinde, müssen diese Wohnhäuser, Kioske und Geschäfte sich meist als Erste weichen – zugunsten moderner Bürogebäude oder großzügiger Straßenkreuzungen.

Auch der kleine Schuhreparatur-Laden Kali Laska, im Zentrum Grodnos gelegen, existiert nicht mehr.