Kategorie: Sehenswürdigkeiten

Das Landgut in Saljadie

Vom Gutshaus in Saljadie ist heute keine Spur mehr erhalten. Das gilt für viele Landgüter im heutigen Weißrussland. Saljadie war zunächst im Besitz des Adelsgeschlechts der Radziwills, später ging es an den Richter Viktor Domanski über, deren Nachkommen es bis Anfang des 20. Jahrhunderts bewohnten. Das klassizistische Gebäude beherbergte eine Orangerie, es gab Möbel, die von lokalen Handwerksmeistern angefertigt worden waren, Familienporträts, sächsisches Porzellan und holländische Fayencen schmückten die Räumlichkeiten. All das ging zusammen mit dem Gutshaus unter.

Heute sind kaum noch Spuren des Landguts zu sehen, das über eine Pappel- und Rosskastanienallee erreicht werden konnte. Sie führte durch einen naturalistisch angelegten Landschaftspark, der ebenso verschwunden ist wie die beiden ältesten Gebäude des Ensembles, ein Wohnspeicher und eine Werkstatt. Ihre Wände bestanden aus mit Lehm beworfenem Reisiggeflecht.

Einziges Relikt des Landguts ist die an der Zufahrt zum ehemaligen Park gelegene Ruine der einstigen Mühle. Äußerlich erinnert sie mit ihrem mittleren, architektonisch hervorgehobenen Teil eher an eine Kornbrennerei oder ein Brauhaus.

Die Seitenflügel verfügen lediglich über ein Stockwerk. Das Ziegelmauerwerk ist nicht nur von hoher baulicher Qualität, sondern zeigt auch dekorative Elemente. Die zentrale Fassade dominieren zwei große Halbbogen-Fensteröffnungen, die Gebäudeecken sind in Form von Eckpfeilern gestaltet. Alle Giebel ziert unterhalb der Dachkante stufenförmig angeordnetes Ziegelmauerwerk; Zinnen- und Zahnfriese gliedern die Fassaden der seitlichen Giebel.

Ruschany – eines der schönsten Baudenkmäler Weißrusslands

Die Geschichte des Palasts von Ruschany – erzählt von Ljubow Michajlowna, einer Bewohnerin des gleichnamigen Dorfes

Die ersten Zeugnisse über Ruzhany stammen aus dem Jahr 1525. Hier lebten die Fürsten Tyschkewitsch. Sie hatten zwei Töchter – Ruscha und Anna, und zu Ehren dieser beiden Töchter nannten sie den Ort Raschana, später Raschany, und heute heißt er schließlich Ruschany.

Nach den Fürsten Tyschkiewitsch ging der Ort an Bartosz Bruchalski über, der ihn im Jahre 1598 an Lew Sapiega (1557–1633) verkaufte, den Kanzler des Großfürstentums Litauen. Zum Aussehen des Schlosses zu jener Zeit gibt es nur wenige Zeugnisse. Der Name des Baumeisters, der den Palast auf den Grundmauern der Tyschkiewitsch-Residenz errichtete, ist nicht überliefert. Die ersten genauen Angaben stammen erst aus dem Jahr 1602. In Dokumenten aus dem Jahr 1605 werden drei Gebäude erwähnt – ein großes, ein mittleres und ein kleines. Für 1611 ist der Abschluss der Bauarbeiten am Palast verzeichnet. Es war damals ein von einem Wall umgebenes, zweistöckiges Gebäude mit drei steinernen Türmen und kreuzförmigem Grundriss.

Wenn Sie sich Ruschany nähern, sehen Sie den Ort gewissermaßen in einer Senke liegen. Sie ist aber nicht natürlichen Ursprungs. Leibeigene Bauern haben sie dort mit eigenen Händen ausgehoben und die Erde hierher gebracht, damit das Schloss auf einer Erhöhung läge. Von welcher Richtung man auch kommt – man sieht immer das Schloss von weitem.

Nach Lew Sapiegas Tod diente der Palast weiterhin als Residenz, in der seine Söhne wichtige Gäste empfingen. Im Laufe des 17. Jahrhunderts erhielt er jedoch eine andere Gestalt. Der italienische Architekt Giovanni Battista Gisleni (1600–1672) gab ihm Stilelemente des Barock. Im Mittelteil waren die Repräsentationsräume, im Seitentrakt die Wohnräume, Arbeitszimmer, das Archiv und die Bibliothek untergebracht. Sie waren mit Marmor und kunstvoller Marmorimitation und mit Malereien verziert. In den zweigeschossigen Kellergewölben befanden sich das Arsenal, ein weiteres Archiv, Vorratsräume und Depots.

Mit einem neuerlichen Umbau des Schlosses beauftragte die Familie Sapiega den französischen Architekten Jan Samuel Becker (1760–1810). Er kam hierher und baute das Schloss zwischen 1784 und 1788 um. Zuvor aber wurden im Dorf Beresniza, das fünf Kilometer südlich von hier liegt, vier Ziegeleien errichtet, in denen die Ziegel für das Schloss gebrannt wurden. Schon damals wurden die Ziegel aus dem Kalk von Hühnereiern hergestellt. Deshalb sind die Ziegel bis heute in recht gutem Zustand. Becker sollte aus dem Schloss einen Palast machen. Der Bogengang umgab das gesamte Territorium, sogar dort, wo Besucher heute ihre Autos parken.

Das gesamte Areal war mit exotischen Blumen, Bäumen und Büschen bepflanzt. Es war sehr, sehr schön. Dazwischen lagen Trottoir-Platten, damit die Pflanzen nicht beschädigt wurden. Sogar noch in heutiger Zeit sind auf unseren Straßen einige Trottoir-Platten aus jener Zeit erhalten – auf zwei Straßen. Nun ja, hier und da einige wenige – aber sie sind noch erhalten.

Dort, die zentrale Zufahrt, war der Eingang für besondere Persönlichkeiten.

Und die Einfahrt, die Sie dort, weiter rechts, sehen, war die Zufahrt zu den Werkstätten.

Im Erdgeschoss des Gebäudes auf der rechten Seite waren technische Werkstätten. Hier wurden goldene Tischdecken und goldene Gürtel gewebt und lackierte Kutschen gefertigt.

Im ersten Stock befand sich ein Opern- und Ballett-Theater. Was meinen Sie, wie viele Menschen waren dort wohl fest angestellt? Sechzig Schauspieler und vierzig Bajanspieler [Akkordeonspieler]. Hier gab es etwas, womit man Europa in Staunen versetzen konnte!

Beachten Sie nun den hervortretenden Bereich der Hauptfassade. Im Erdgeschoss befand sich ein großer Bankettsaal, hier empfing Lew Sapiega seine in- und ausländischen Gäste, unter ihnen König Sigismund III. (1566–1632) und König Stanislaw Poniatowski (1732–1798). Im ersten Stock verfasste Sapiega kostbare Handschriften – dort oben, hinter den großen Fenstern. Im zweiten Stock befand sich eine einzigartige Bibliothek.

Wenn Sie das Schloss betreten, erblicken Sie drei unterirdische Kellerräume. Darin wurden die Weinvorräte aufbewahrt, es gab Waffenkammern und andere Versorgungsräume. Hier, unterhalb des ersten Bogens des rechten Bogengangs, gab es einen 24 Kilometer langen unterirdischen Gang, der bis zum Örtchen Kossowo zum Gut des Thaddäus Kostjuschko führte. Er war rundum mit Marmor ausgekleidet und so breit, dass zwei Pferde nebeneinander hindurch passten!

Im linken vorderen Bereich, wo der linke Bogengang beginnt, befand sich eine Reitbahn. Lew Sapiega hielt Reitpferde. Waren ausländische Gäste bei ihm zu Gast, so sah man sich zuerst eine Theatervorstellung an, bestieg danach die Kutschen und fuhr zur Jagd in verschiedene angrenzende Gebiete und sogar bis in die Bjeloweschskaja Puschtscha. Damals verstanden es die Leute, das Leben zu genießen!

Etwa auf der Höhe des linken Fensters der zentralen Fassade war im Erdgeschoss sogar eine kleine Hauskapelle. Doch als es nach dem Krieg nötig war, Kartoffeln zu verstecken, haben unsere Chefs die nicht mehr genießbaren Reste der Kartoffeln und anderen Gemüses in der Kapelle lagern lassen. Heute ist sie in schlechtem Zustand.

Seit August 1990 trägt der Ort wegen seiner Schönheit den Namen „Weißrussisches Colosseum“ und steht unter den Baudenkmälern Weißrusslands wegen seiner Schönheit an zweiter Stelle.

Im letzten Jahr kam die 78-jährige Ur-Ur-Ur-Enkelin Sapiegas mit ihren Söhnen hierher. Sie sagte „Ich komme vielleicht nie wieder hierher“.

Und so verbrachten sie drei ganze Tage hier und fotografierten alles, was sie nur konnten.

Eine der Einwohnerinnen von Ruschany kam auch zu diesem Treffen hierher und sagte: „Ich habe eine Photographie aufbewahrt. Sagt sie Ihnen etwas?“

Die Sapiega-Enkelin antwortete: „Nun, ich weiß nicht was ich sagen soll, und wie ich es sagen soll… Marika, bist du das etwa?“

„Ja, das bin ich.“

So stellte sich heraus, dass die beiden Frauen, als sie kleine Mädchen waren, Freundinnen waren, und die eine von ihnen diese Photographie über all die Jahre aufbewahrt hatte.

„Weshalb denn nur?“, fragte die Sapiega-Enkelin.

„Weil ich die ganzen Jahre gehofft hatte, dass irgendein Sapiega-Nachkomme herkommen würde, und ich hätte ihm das Foto geschenkt, damit es Ihnen übergeben würde, falls Sie noch am Leben wären. Falls nicht – nun gut, dann hätte man es einem der Verwandten zur Erinnerung schenken können.“

Da gab es natürlich viele Umarmungen und Freudentränen – alles was man sich nur denken konnte.

Auch Wladimir Semjonowitsch Wysotski kam hierher und drehte hier die Filme „Ja rodom is detstwa“ (Ich bin gebürtig aus der Kindheit, 1966), „Zemlja pachnet porochom“ (Die Erde riecht nach Schießpulver) und andere. Als Komparsen wurden wir aus dem unterirdischen Gang mit vorgehaltenen Maschinengewehren hierher nach draußen getrieben – und wir waren froh, Wysotski einmal im Leben gesehen zu haben.

Er hat auch mit mir gesprochen. „Ljubow Michajlowna“, sagte er, „sollten Sie einmal in Moskau sein, achten Sie auf die Schönheit der Bogengänge und Torbögen auf der Poklonnaja Gora. Denken Sie daran, dass Ihre weißrussischen Leibeigenen diese Schönheit zuerst hier bei Ihnen geschaffen haben und danach nach Moskau gefahren sind und dort Bauten von ebensolcher Schönheit errichteten.“

Ich antwortete ihm: „Wladimir Semjonowitsch, ich werde schon nicht mehr nach Moskau fahren können – nicht in meinem Gesundheitszustand.“

Wysotski entgegnete: „Wenn ich dann am Leben sein werde – melden Sie sich unbedingt, ich werde Sie durch Moskau begleiten.“

Achten Sie noch einmal auf den oberen Teil des Haupttores. Sehen Sie das Wappen? Es ist aus Eichenholz, wurde ohne Verwendung eines einzigen Nagels geschaffen und von eben jenem französischen Architekten Jan Samuel Becker entworfen. Lew Sapiega stattete Becker mit einer lebenslangen Leibrente von 2160 Zloty aus.

Im Durchgang des Haupttores sehen Sie eine kleine Nische – sie ist genauso angelegt, wie die Nischen in den Öfen von Häusern auf dem Lande. Darin war ein Schatz verborgen. Vor fünfzehn Jahren kamen Leute aus dem Ausland hierher und entdeckten den Schatz. Genau hier, wo wir jetzt stehen, hatten sie ihr Auto abgestellt, und ich ging gerade vorbei und sah, dass sie auf dem Kofferraumdeckel einen Plan des Schlosses ausgebreitet hatten.

Ich dachte: „Mein Gott! Da haben sie nun doch einen Plan des Palastes gefunden! Vierunddreißig Jahre habe ich in der Bibliothek gearbeitet, mich mit Architekten in Minsk getroffen, und sie sind hierher gekommen, um durch diesen unterirdischen Gang zu gehen! Vier Mal sind sie zu uns gekommen, und niemals und nirgends habe ich je eine Karte des Schlosses gesehen!“

Einer der Männer sagte: „Nun, Großmutter, interessiert Sie das?“ Ich sagte: „Sogar sehr!“ Da meinte ein anderer der Männer: „Dann stapf‘ mal los, Großmutter, wohin du möchtest!“ Ja, da bin ich dann mit großer Freude losgestapft.

Später besuchte ich meinen Mann im Krankenhaus und erzählte ihm davon. Im Nachbarbett lag ein Opa, der meinte dazu: „Ich weiß, was Sache ist – sie sind gekommen, um den Schatz zu suchen.“

Ich fragte: „Wie kann denn hier ein Schatz sein, von dem ich nichts weiß, da doch alle meine Verwandten, meine Großeltern, Urgroßeltern und Ur-Ur-Großeltern hier bei den Sapiegas gearbeitet haben? Niemand von ihnen hat diese Kostbarkeiten jemals gesehen.“

Sagte der Alte im Krankenbett: „Also haben die Ausländer auch nur mit Hilfe der Karte herausgefunden, wo diese Schätze versteckt waren.“

Achten Sie jetzt einmal auf den Putz der Mauern. Er ist über die ganze Länge der Mauern des Torbogens bis zu ein und derselben Höhe abgeschlagen. Sie haben also tatsächlich gesucht – und gefunden, was sie suchten. Es heißt, beim Zoll in Brest habe man den Schatz später konfisziert. Und später wiederum hieß es in der Brester Zeitung, dass sich noch vor Brest eine Frau ans Steuer des Wagens gesetzt habe und die Kostbarkeiten ins Ausland gebracht habe. Wohin, weiß ich aber nicht. Aber da es doch in der Zeitung gestanden hat, ist das wohl die Wahrheit, denke ich.

In der Mitte des Vorplatzes stand eine Büste Sapiegas. Sie war sehr, sehr schön. Einen solchen Mann wie Lew Sapiega habe ich noch nie gesehen. Links gab es Springbrunnen, die aus dem Semlenskaja-Flüßchen gespeist wurden.

Im letzten Jahr kam der Kulturminister hierher. Vorher kamen Architekten aus Minsk und ordneten an, den unterirdischen Gang zuzuschütten, weil unsere Kinder dort immer spielten. Übrigens sind einmal zwei kleine Jungen auf die höchsten Mauern des Palasts geklettert, und die Eltern kamen herbeigeeilt, aber die Jungen konnten nicht mehr hinunter, weil die Steine unter ihren Füßen lose waren. Man holte die Feuerwehr, und mit Hilfe der Drehleiter wurden die Jungen wieder heruntergeholt. Seither habe ich die beiden nie wieder hier am Schloss gesehen.

Als vor dreizehn Jahren schon einmal der Kulturminister kam, sagte er: „Hier, im rechten Seitengebäude des Haupttors, wird ein Museum eingerichtet.“ Aber sehen Sie nur, vergleichen Sie die Qualität der neuen Ziegel mit der der alten. Das ist schon nicht mehr die Qualität wie früher.

In der Zeitung habe ich gelesen, dass das Schloss erst einmal nur teilweise restauriert werden wird. Vor zwei Wochen schrieb unsere Kreiszeitung, dass in diesem Jahr das Schloss restauriert werden wird. In einer anderen Zeitung hieß es, die Restaurierung beginne im Jahr 2010. In wieder einer anderen wurde mitgeteilt, der Palast nehme in der Reihe der zu restaurierenden Denkmäler den 26. Platz ein.

Als Sie durch das Dorf fuhren, sind Sie am zentralen Platz vorbeigekommen mit der katholischen Peter-Pauls-Kirche und der russisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskirche. In einer Ecke des Platzes ist das Wappen von Ruschany aufgestellt. Es ist dem heiligen Kasimir gewidmet, der Rosen in seiner Hand hält. Zu seinen Ehren haben sich die Einwohner von Ruschany verpflichtet, den ganzen Bereich rund um die Zufahrt zum Schloss mit Rosen zu bepflanzen, wenn es restauriert wird. Kommen Sie also wieder und bewundern Sie dann die Schönheit unserer Sehenswürdigkeiten.

Während des Zweiten Weltkriegs ist Ruschany sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Deutschen sind zu jedem Haus gegangen, haben es mit Benzin begossen, ein Streichholz geworfen und sind zum nächsten Haus gegangen. Und schließlich kamen sie hierher zum Palast und haben auch hier alles zerstört. Und nach dem Krieg kamen die Dorfbewohner, die alles verloren hatten, und nahmen sich von hier Ziegel, und jeder baute sich daraus, was er vermochte. Die Reitbahn haben sie komplett abgetragen, die Bogengänge fast vollständig. Schauen Sie zum linken Nachbargrundstück, dort hat man aus den Ziegeln zwei kleine Schuppen errichtet.

Im zentralen Teil des Palasts sehen Sie an den Wänden die Überreste von vier Treppenaufgängen. In den Ecken standen Kamine und Öfen.

Wenn Sie in den Bankettsaal gehen, sehen Sie an den Wänden die Reste von Befestigungen, mit denen Marmortafeln an den Wänden gehalten wurden. Immer wenn ausländische Gäste kamen – ihre Namen habe ich zuvor genannt – haben sie ihre Initialen an diesen Marmortafeln zu Erinnerung hinterlassen. Und heute? Heute ritzen unsere Dorfkinder ihre Initialen in die Wände. Und im letzten Jahr wurde eine Marmortafel angebracht mit der Inschrift „Dieses Denkmal wird vom Staat bewahrt“. Zwei Nächte hing diese Tafel da – in der dritten wurde sie gestohlen.

Noch etwas zu der Peter-Pauls-Kirche im Dorfkern. Früher stand dort eine hölzerne Kirche. Sie wurde irgendwann durch Brandstiftung zerstört, und beim Wiederaufbau fand man die sterblichen Überreste eines Fürsten. Sie wurden hierher in den Palast gebracht, in die Kapelle im Erdgeschoss, von der ich erzählt habe. Und hier sind die sterblichen Überreste dann geblieben und auch die eines Mitglieds der Familie Sapiega.

Wenn Sie Richtung Slonim fahren, finden Sie auf dem Hügel, der dem Schloss gegenüberliegt, unseren Friedhof mit einer kleinen katholischen Kapelle. Hinter der Kapelle liegt ein deutscher Friedhof, auf dessen Grabsteinen man noch die Inschriften sehen kann. Es ist aber schon schwer, sie zu entziffern.

Das Landgut der Familie Mierzejewski

Schon seit dem 16. Jahrhundert ist das etwa 10 Kilometer östlich des Ortes Kopyl gelegene Dorf Grosowo in den Quellen erwähnt. Damals zum Territorium des Großfürstentums Litauen gehörend, war Grosowo zunächst Teil des Besitzes der Familie Opelkowitsch, bevor es an die Wolodkewitschs, Radziwills und schließlich ans Geschlecht der Nesabudkowskis ging. Nach den drei Teilungen Polens im 18. Jahrhundert gehörte der Ort zum Russischen Reich. Auch im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts trugen die Eigentümer des Ortes klangvolle Namen: Merschejewski, Wittgenstein und Hohenlohe.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es in dem Ort zwei Kirchen und ein Kloster, im 19. Jahrhundert kamen eine katholische Kirche, zwei Synagogen und eine Schule hinzu. Auch eine Schnapsbrennerei ist in den Quellen verzeichnet. Gegen Ende des Jahrhunderts lebten in Grosowo gut 150 Bewohner auf 19 Höfen, drei Gasthöfe versorgten Reisende, in elf Läden wurden Waren des täglichen Gebrauchs feilgeboten. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert zählte der Ort schon über 1000 Einwohner auf über 170 Hofstellen. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts ging die Einwohnerzahl stetig zurück; inzwischen gibt es nurmehr kaum 200 Gehöfte und weniger als 500 Einwohner.

Das Herrenhaus stammt aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und ist im frühklassizistischen Stil gebaut. Der Grundriss ist rechteckig, das Gebäude verfügt über zwei Stockwerke mit einem zentralen, ursprünglich von sechs Säulen getragenen Portikus an der Hauptfassade, der Südseite des Baus. Er schützte nicht nur den Zugang zur Eingangshalle mit ihrer zweiflügeligen Haupttreppe, sondern auch einen Balkon in der ersten Etage. An der parkseitigen Fassade (Richtung Norden) sehen wir an dieser Stelle einen Mittelrisalit. Das Gebäude verfügt über weiträumige Gewölbekeller und hatte an seiner Westseite Anbauten, die nicht nur Wirtschaftsräume beherbergten, sondern auch einen Wintergarten und eine Orangerie.

Umgeben war das Gebäude von einem kleinen Landschaftspark, in den der benachbarte Fluss Umanka einbezogen war. Terrassenartige angelegte Wege führten entlang der Gebäudeachse hinunter zum Fluss. Die Auffahrt zum Haus führte durch diesen Park, dessen Gartenparterre mit Rasen bepflanzt war; das Grün wurde durch Blumenrabatten und ein Netz aus Spazierwegen aufgelockert. Keines dieser Gartenelemente ist erhalten, und auch die einstige exponierte Lage des Gebäudes ist heute nur noch zu erahnen, da Mitte der 1970-er Jahre vor dem Gutshaus (d.h. an der Stelle des früheren Gartenparterre) die heutige Mittelschule von Grosow erbaut wurde.

Im 2. Weltkrieg brannte das Gebäude aus und wurde Anfang der 1950-er Jahre wieder aufgebaut. Bis 1975 befand sich darin die Dorfschule, danach war es Kinderheim und später ein Wohnheim – damit teilte es in der Sowjetzeit das Schicksal vieler Landgüter in Belarus. Nach langen Jahren des Leerstandes und des Verfalls wurde das Herrenhaus 2010 vom Soligorsker Betrieb „Dalmant“ für 35.000 belarussische Rubel (umgerechnet etwa 11 US-Dollar) erworben. Es sollte in seiner ursprünglichen Form wiederaufgebaut werden und als Erholungsheim für Arbeiter regionaler Baubetriebe dienen. Nachdem erste Arbeiten zur Sicherung der Ruine unternommen worden waren, wurden die Arbeiten 2015 unterbrochen und seither nicht wieder aufgenommen.

Im derzeitige Zustand stellt das Gebäude ein beredtes Beispiel für die ausgesprochen ernste Lage dar, in der sich das weißrussische architektonisch-kulturelle Erbe befindet. Die Bedeutung der verfallenden Gebäude wird zwar zunehmend erkannt, aber zu deren Erhaltung und fachgerechter Restaurierung fehlt nicht nur das handwerkliche Wissen, sondern auch das Geld. Mag es noch hingehen, dass der obere Fries, auf dem der Dachstuhl auflag, mit modernen Kalksandsteinen ausgebessert wurde, so schlug der Versuch, die Geschossdecken in Form von Betonfertigteilen auf die historischen, vollständig aus Ziegelmauerwerk bestehenden Außen- und Zwischenwände zu legen, katastrophal fehl: Das Mauerwerk vermochte das Gewicht nicht zu tragen und gaben nach. Die neu eingezogenen und sogar mit Stahlträgern zusätzlich gestützten Betonelemente stürzten herab und verursachten dabei noch größeren Schaden, indem sie das Ziegelmauerwerk zertrümmerten.

Der Versuch, ein historisches Gebäude auf diese Weise mittels moderner Baustoffe gleichsam rücksichtslos wieder herzurichten, wirkt nicht zuletzt deshalb schwer nachvollziehbar, da im Innern des Merschejewski-Gutshauses die Konstruktion der erhaltenen Zwischendecken deutlich zu sehen ist: Aus mit Lehm beworfenen Flechtwerk bestehend und anschließend verputzt, waren sie sehr viel leichter als die üblicherweise für Plattenbauten, Brücken und Fahrbahnen verwendeten Beton-Bauteile.

So aber fristet das frühere Gutshaus ein betrübliches Dasein – wie so viele andere Baudenkmäler Weißrusslands.

Die Marienkirche in Podlabenje

Acht Kilometer westlich von Grodno liegt das Dorf Podlabenje mit seiner Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Kirche. Hat man sich durch den Berufsverkehr der Stadt Grodno hindurchgearbeitet, so gelangt man bald über eine gut ausgebaute, hügelige Straße zu dem kleinen Ort.

Die Kirche der Jungfrau Maria sieht man schon von weitem; im Dorf selbst zweigt die Zufahrt links von der Hauptstraße ab. Zweistöckige Plattenbauten, die auf dem Lande noch betrüblicher und deplazierter wirken als in der Stadt, scheinen zunächst keine gute Kulisse für Sehenswürdigkeiten abzugeben, doch die Kirche liegt recht malerisch auf einer Anhöhe.

So ist ihre zweite Bestimmung, neben einem Gotteshaus zugleich einen Vorposten gegen potentielle Eindringlinge zu sein, auch heute noch gut zu erkennen.

Die katholische, neoklassizistische Kirche ist von einer mannshohen Mauer aus Bruchsteinen umgeben; den Kirchhof säumen Tannen, und das ganze Ensemble bietet einen schönen Ausblick auf das Dorf und die Umgebung.

Die Herz-Jesu-Kirche in Sanewitschi

Gut dreißig Kilometer südöstlich von Grodno liegt der Weiler Sanewitschi, zu dem die auf freiem Feld an einer schmalen Landstraße gelegene Herz-Jesu-Kirche gehört. Nähert man sich von Grodno aus über die Landstraße P 44, so hat man auf dem Wege zugleich die Möglichkeit, die Kirchen in Krasowka und Swislotsch zu besuchen, ehe man in Swislotsch nach dem Überqueren des gleichnamigen Flüßchens nach rechts abbiegt. Nach wenigen Kilometern kommt links voraus die Herz-Jesu-Kirche von Sanewitschi in Sicht.

In seiner neoklassizistisch-antikisierenden Form mit vier Säulen, einem flachen Giebel unter dem einfachen Satteldach und jeweils drei Rundbogenfenstern in den blendend weiß gestrichenen Seiten- und Rückwänden stellt das Gotteshaus eine markante Landmarke inmitten der sanft geschwungenen Wiesen und Felder dar. Es wurde im Jahr 1917 erbaut.

An der rechten Seite schließt sich ein mit alten Bäumen bestandener Friedhof an. Die Kirchenglocken befinden sich nicht am oder im Kirchengebäude, sondern sind zwischen den Stämmen zweier abgestorbener Bäume aufgehängt und gemahnen so an die Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Trotzdem ist der Ort malerisch, fast ein wenig verwunschen, und lohnt einen Ausflug sehr.

Die Verkündigungskirche in Perstun

Das Dorf Perstun, nordwestlich von Grodno im Grenzebiet zu Polen gelegen, bestand schon zu Zeiten des Großfürstentums Litauen. Damals kreuzten sich hier mehrere wichtige Verkehrswege, und der Ort war ein regionales Verwaltungszentrum, das auch von staatlichen Würdenträgern häufig besucht wurde. Heute liegt der Ort im Dornröschenschlaf, nicht zuletzt deshalb, weil er als Punkt innerhalb der „Grenzzone“ (pogranitschnaja sona) sowohl für Einheimische als auch besonders für Ausländer nur unter bestimmten Voraussetzungen zugänglich ist.

Die Mariä-Verkündigungskirche in Perstun wurde 1848 erbaut. Die Architektur ist uneinheitlich und am ehesten der Renaissance zuzuordnen, auch wenn das Baujahr weit nach dieser Epoche liegt. Das Gotteshaus gehörte zunächst der unierten Kirche an (in der der Gottesdienst nach russisch-orthodoxem Ritus gefeiert wird, die aber dem Papst unterstellt ist), seit 1919 ist es katholisch.

Im 2. Weltkrieg hinterließen die Deutschen auf dem Rückzug verbrannte Erde und verschonten dabei auch Perstun und seine Kirche nicht. Teilweise zerstört, verfiel sie zusehends und wurde erst 1990 wiederaufgebaut bzw. restauriert. Ihr relativ schmales und hohes Kirchenschiff und der zylindrische Turm mit seinem spitzen Dach beherrschen seitdem wieder das Landschaftsbild, wenn man sich dem Dorf nähert.

Das Gutshaus der Familie Milosz in Idolta

Das am südlichen Rand von Idolta gelegene Gutshaus wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut, nachdem die Fürsten Sapiega den Ort Mitte der 1820-er Jahre an den Richter Jozef Milosz veräußert hatten. Zusammen mit dem das Gutshaus umgebenden Landschaftsgarten, den Wirtschaftsgebäuden und nicht zuletzt der 1862 erbauten Grablege der Familie Milosz bildet es ein für das 19. Jahrhundert charakteristisches herrschaftliches Ensemble.

Das Gutshaus ist eingeschossig, mit einem vorspringenden, von vier Säulen getragenen Portikus, über dem sich eine große Mansarde mit Balkon erhebt. Im Innern gab es außer den Schlafräumen und den mit Gemälden und Gobelins geschmückten Salons einen Speisesaal und eine Bibliothek. Vorräte wurden im weitläufigen Untergeschoss aufbewahrt, in dem ein von Quellwasser gespeisten Brunnen Haus und Bewohner mit frischem Wasser versorgte.

Der Park erfreute das Auge der Lustwandelnden mit verschiedenen Laubbäumen und anderen Ziergehölzen, zwischen denen Brunnen plätscherten. Von dieser Landschaftsarchitektur sind heute lediglich Reste erhalten; das Gutshaus selbst wurde restauriert, und auch einige der historischen Wirtschaftsgebäude sind erhalten.

Die Kirche vom Skapulier der Gottesmutter Maria in Idolta

Der Ort Idolta gehörte im 16. Jahrhundert dem im Großfürstentum Litauen einflussreichen Geschlecht Rudominow-Dusjazki, ehe es Anfang des 18. Jahrhunderts an die Fürsten Sapiega und – wiederum mehr als ein Jahrhundert später – an die Familie Milosz überging. 1921 wurde Idolta polnisch.

Der Bau der katholischen Kirche vom Skapulier der Gottesmutter Maria wurde 1937 begonnen und zwei Jahre später vollendet. Der Grundriss ist rechteckig; alle Gebäudeteile sind aus Ziegelmauerwerk, das auf einem Bruchsteinsockel steht. Die beiden Seitenschiffe sind vom Hauptschiff durch Arkaden getrennt, deren halbkreisförmige Bögen die Rundbögen der Kirchenfenster wiederaufnehmen.

An den Altarraum schließt sich eine runde Apsis an, rechts und links vom Altarraum befinden sich zwei Sakristeiräume mit quadratischem Grundriss. Der Kirchturm ist nicht zentral an den Hauptbau angegliedert, sondern steht rechts von der Hauptfassade. Ihrem zentralen bzw. linken Teil ist eine ebenerdige Galerie vorgesetzt, die ebenfalls von Rundbögen durchbrochen ist.

In Belarus gibt es eine ganze Reihe von Kirchenbauten, die – mehr oder weniger ausgeprägt – dem Jugendstil zugerechnet werden können. Die Kirche in Idolta ist eines dieser Beispiele.

Das Herrenhaus der Familie Wolowitsch

Wenige Kilometer von Grodno entfernt liegt im kleinen Dorf Swjatsk das spätbarocke Wolowitsch-Anwesen. Es wurde von Giuseppe Sacco (1735-1798) im Jahr 1779 erbaut. Umgeben ist es von einem malerischen, von Wasserläufen und kleinen Teichen durchzogenen Park.

Im Zentralbau befinden sich die Haupttreppe und ein achteckiger Saal, in den durch halbkreisförmige Arkaden mit dem Haupthaus verbundenen Seitenflügeln sind die kleineren Räumlichkeiten untergebracht. Die architektonische Gestaltung ist typisch für die Übergangszeit zwischen Barock und Klassizismus: Die Fassade des Hauptgebäudes ist in einen Haupt- und zwei Seitenrisalite gegliedert, die durch ionische Säulenreliefs vertikal betont werden.

Bemerkenswert sind die Gebäude u.a. deshalb, weil ein großer Teil des Interieurs – Wandverkleidungen, Kamine, Öfen, Türen und deren Einfassungen, Spiegeln, Konsolen, Stuck u.a.m. überwiegend erhalten ist.

Selbst die geradezu leitmotivisch angewandte Trompe-l’œil-Technik ist an vielen Stellen fast unversehrt; Säulen, Wandverkleidungen und Kamine vermitteln den Eindruck, aus Marmor geschaffen zu sein – ein Effekt, der der vollkommenen Beherrschung des illusionistischen Malens geschuldet ist.

Die aufwendigen Arbeiten an der Ausstattung der Räume zogen sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hin.

Zweihundert Jahre später war der Zustand von Haupthaus, Nebengebäuden und Park jedoch beklagenswert. Nachdem das Gebäude in neuerer Zeit zunächst als Erholungsheim für Parteikader und später als Tuberkulose-Isolierstation genutzt worden war, stand es danach jahrelang leer und verfiel zusehends. Die Mauern waren an vielen Stellen infolge defekter oder gänzlich fehlender Regenrinnen feucht, die Fenster verzogen und undicht, Verputz und Stuck an der Außenfassade bröckelten. Der Park war verwildert, wenn auch die einst kunstvoll arrangierten Blickachsen noch zu erahnen waren.

Nachdem Versuche, das Ensemble an private Investoren zu veräußern, fehlgeschlagen waren, wurde es Ende 2009 an ein der weißrussischen Nationalbank gehörendes Sanatorium übergeben.

Seit 2017 laufen die Restaurierungsarbeiten. Neben der grundlegenden Wiederherstellung der Gebäudesubstanz sollen auch die Interieurs der einzelnen Räume originalgetreu wiederhergestellt werden. Ein Teil der Räumlichkeiten soll als Hotel dienen, geplant sind außerdem Stallungen zur Unterbringung von Pferden für touristische Ausritte, eine kleine Brauerei mit angeschlossenem Restaurant und nicht zuletzt die Neuanlage des Parks mitsamt der Teichanlagen und Springbrunnen.

Ein Projekt dieser Größenordnung kann nur in Etappen umgesetzt werden. Investiert werden müssen umgerechnet mehr als 10 Millionen US-Dollar. Immerhin laufen die Baumaßnahmen; der linke Gebäudeflügel mitsamt Galerie ist bereits wiederhergestellt. Dennoch bleibt abzuwarten, mit welchem Erfolg die Maßnahmen umgesetzt werden.

Die Andrzej-Bobola-Kirche in Koslowitschi

Im sommerlichen Himmel singen die Lerchen, das hoch aufgewachsene Wiesengras wiegt sich sacht im Wind, zwischen den Baumkronen schauen zwei niedrige hölzerne Kirchtürme hervor – das ist die Andrzej-Bobola-Kirche in Koslowitschi, ein anmutiges kleines Gebäude, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut und 1859 renoviert wurde.

Ursprünglich als russisch-orthodoxe Mariä-Entschlafungs-Kirche geweiht, wurde das Gotteshaus 1920 katholisch; Kirchenpatron ist seither der heilige Andrzej Bobola (1591 – 1657), der als Pfarrer, Prediger, Klostervorsteher und Missionar im heutigen Weißrussland und der Ukraine wirkte.

Dem annähernd quadratischen Kirchenschiff vorgelagert ist der Eingang unter den beiden kleinen Türmen; an der Rückseite schließt sich die Sakristei an. Schlichte, weiß gerahmte Rundbogen-Fenster erhellen das Innere.

Auf dem von Hecken und einem niedrigen Holzzaun eingerahmten Kirchhof finden sich ein großes Holzkreuz und einige Gräber und Gedenksteine.

Osada Dedino – ist Großvaters Landgut dem Untergang geweiht?

Unweit des Dorfes Dedino (Kreis Mijory, Gebiet Witebsk) steht das Landgut der alteingesessenen Adelsfamilie Rudnitzki. „Osada Dedino“ bedeutet so viel wie „Großväterliche Besitzung“, „Großväterliches Erbe“. Erstmals belegt ist der Ort in Quellen, die ins 16. Jahrhundert datieren, die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1517. Wenige Jahrzehnte später, 1550, wird das Dorf bereits als Siedlung mit einer Kirche geführt.

Ende des 17. Jahrhunderts gelangte das Dorf in den Besitz der Familie Rodominow (Rudominow) – eines uralten Geschlechts im Großfürstentum Litauen, das Kaufleute, Diplomaten, Offiziere und Literaten hervorgebracht hatte. 1768 verkauft die Familie das Dorf und die Ländereien an Jan Rudnitzkij, der im Großfürstentum Litauen den Rang eines Rittmeisters bekleidete. Damit wurde der Ort zum Stammsitz der Rudnitzkis.

1810 veranlasste Alexander Rudnitzkij, der Son Jan Rudnitzkis, den Neubau eines Gutshauses nach Plänen des polnisch-litauischen Architekten Witkowski, von dem Namen und Lebens- und Sterbedaten nicht überliefert sind. 1820 wurde der Bau des Herrenhauses vollendet. Vor dem Gebäude wurde ein Landschaftspark angelegt, dessen Anlage heute noch erkennbar ist.

Beim Gebäude handelt es sich um einen rechteckigen Bau mit Walmdach. Den Zugang überdacht ein von vier Säulen getragener Portikus. Karnise und Risalite gliedern Vorder- und Seitenfassaden. Im Innern führt vom Vestibül eine Treppe ins Obergeschoss. Die Aufteilung der Räumlichkeiten war im Erdgeschoss annähernd quadratisch bzw. rechteckig; im Obergeschoss gab es einen Saal und weitere, großzügig angelegte repräsentative Räumlichkeiten. Im Untergeschoss befanden sich die Wirtschaftsräume.

Das Landgut blieb über Generationen im Besitz der Familie Rudnitzki, bis Siegmund Rudnitzki, bekannt und berüchtigt für seinen aufwendigen, verschwenderischen Lebensstil, gezwungen war, es in den 1930er Jahren an die Familie Wischnewetzki überschreiben zu lassen, um seine Schulden bei ihnen zu begleichen. Neun Jahre später jedoch gelang es Siegmunds Schwägerin Aljona Jablonskaja, den Besitz zurückzukaufen; sie überschrieb ihn jedoch nicht Siegmund, sondern der Universität Winniza (in der heutigen Ukraine gelegen).

Mit Beginn des 2. Weltkriegs kehrte Siegmund Rudnitzki nach Dedino zurück. Als das Gebiet von den deutschen Truppen besetzt wurde, ernannten sie Siegmund zum Dorfältesten. Gegenüber der Dorfbevölkerung verhielt dieser sich jedoch immer gutherzig und erfüllte die Befehle der deutschen Besatzer nicht, wofür er schließlich ermordet wurde, nachdem er zuvor sein eigenes Grab hatte ausheben müssen. Wo sich dies befindet, ist unbekannt; aber gegenüber vom Gutshaus war einst seine Mutter, Maria Rudnitzki, beerdigt. Das Grab wurde von Grabräubern geplündert, aber der Grabstein ist erhalten und befindet sich noch auf dem Gelände.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gutshaus unterschiedlich genutzt, u.a. als Verwaltungsgebäude der Kolchose „Der Weg Lenins“. Seit den 1970-er Jahren verfällt es zusehends. Der Versuch, es an einen Investor zu verkaufen, schlug fehl. Da weder die Gemeinde noch der Landkreis oder die Gebietsverwaltung über die Mittel zur Restaurierung und Unterhaltung des Denkmals verfügen, scheint es dem Untergang geweiht zu sein.

Die Peter-Pauls-Kapelle in Russota

Ursprünglich als Grablege für die Grundbesitzerfamilie Pruschinski im 19. Jahrhundert errichtet, findet heute in der kleinen katholischen Kapelle jeden Sonntag um drei Uhr der Gottesdienst für die Dörfer Russota, Kamennaja Russota, Malyschtschina und Tscheschtschewljany statt.

Die kleine Holzkirche bildet den Mittelpunkt des sie umgebenden alten Friedhofs. Generationen polnischer und weißrussischer Bewohner der Umgebung haben hier ihre letzte Ruhe gefunden; ihre Gräber werden von alten Bäumen beschattet. Von der Rückwand der Apsis aus schweift der Blick über Felder und Wiesen weit ins Land in Richtung Litauen, das gerade zwanzig Kilometer entfernt liegt.

Vor einigen Jahren erhielt die Kapelle einen neuen, gelbgrünen Anstrich, und die Bäume auf dem Friedhof wurden gefällt. Seitdem ist die Kapelle eine weithin sichtbare Landmarke; wenn auch das, ursprünglich links neben der Eingangstür unter einem eisernen Schutz-Dächlein angebrachte Plakat, das in polnischer Sprache verkündete: „Radio Maria – die Stimme des Katholizismus in deinem Haus“, den Renovierungsarbeiten ebenfalls zum Opfer gefallen ist.

Die Franz-Xaver-Kirche in Grodno

Ohne Zweifel ist die Franz-Xaver-Kirche, in der nordöstlichen Ecke des Sowjetskaja-Platzes gelegen, Grodnos auffälligstes historisches Architekturdenkmal. Die erste Messe wurde in der noch nicht fertiggestellten Kirche im Jahre 1700 gefeiert; die Konsekration fand fünf Jahre später im Beisein des polnischen Königs August II. und des russischen Zaren Peter I. statt. Peter war gerade auf dem Rückzug vor den Schweden unter Karl XII., mit dem er im Großen Nordischen Krieg um die Vorherrschaft im Ostseeraum kämpfte, und wurde von August II. zu den Feierlichkeiten eingeladen.

Die dreischiffige Basilika mit zentraler Kuppel und ihrer Fassade aus dem Jahr 1752 ist eines der herausragendsten Barockbauwerke ganz Weißrusslands. In einer ihrer Seitenkapellen wird eine wundertätige Ikone verehrt, die als Kopie eines älteren Werkes bereits im Jahre 1664 aus der Stadt Rom nach Grodno gebracht wurde. Die Ikone ist nicht nur die Schutzpatronin der Stadt, sondern wird vor allem als Patronin der Studenten verehrt, was ihr während der Prüfungszeit der örtlichen Hoch- und Fachschulen besonderen Zulauf beschert.

Rechts und links vom Hauptportal befinden sich die nur scheinbar steinernen Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Während der Zeit der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944 ließen die Priester der Kirche diese Statuen in Trompe-l’œil-Technik so bemalt, dass sie vortäuschten, aus Stein gemeißelt zu sein. Wegen ihres vermeintlich großen Gewichts entgingen sie dem Schicksal, als Raubkunst nach Deutschland verfrachtet zu werden.

Oberhalb des Portals steht der Namenspatron der Kirche, der heilige Franz Xaver. Die im linken Turm angebrachte Uhr befand sich in früheren Zeiten im Grodnoer Rathaus. Nachdem es in den Kriegen des 18. Jahrhunderts zerstört worden war, wurde die Uhr in der Franz-Xaver-Kirche aufgestellt. Sie verfügt über drei Zifferblätter, die mit einem ausgeklügelten Mechanismus synchron gesteuert werden. Das Uhrwerk selbst kann als eines der ältesten sich noch in Betrieb befindenden ganz Europas angesehen werden. Forschungen in jüngster Zeit haben ergeben, dass es im 15. Jahrhundert angefertigt wurde. Die drei Gewichte, eines von 160 Kilogramm, die beiden anderen von jeweils 70 Kilogramm, werden auch heute noch vom Kustos alle zwei Tage von Hand über drei Stockwerke hinaufgezogen. Der Versuch, hierfür einen computergesteuerten Elektromotor zu installieren, bewährte sich wegen der Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen im Turm nicht.

Die Ausstattung der Basilika beeindruckt durch ihre zwölf Seitenaltäre, besonders aber durch den Hauptaltar, der 1736 vom aus der polnischen Stadt Reszel stammenden Bildhauer Jan Chrystian Schmidt (1701-1759) geschaffen wurde. Die dreistöckige monumentale Komposition ist durch jeweils zehn Säulen unterteilt und zeigt die Apostel, die Evangelisten, den heiligen Franz Xaver und Christus, den Erlöser. Den Abschluss bildet eine Gloriole in der Apsis, durch die das Tageslicht in den Altarraum strahlt.

1960 wurde die Kirche für Gottesdienste geschlossen, und der letzte Priester wurde gezwungen, sein Gotteshaus zu verlassen. Die Behörden planten, das Bauwerk in einen Lagerraum, einen Konzertsaal und ein Kulturhaus zu verwandeln, aber selbst in den dunkelsten Zeiten der Sowjet-Diktatur gaben die Gemeindemitglieder und die Bürger Grodnos die Kirche nicht auf, besuchten sie zum Gebet und verhinderten, dass sie ihrer Ausstattung und ihrer Kirchensätze beraubt wurde. Letztes Zeugnis dieses Missbrauchs historischer Werte ist das unmittelbar an die Basilika grenzende Gefängnis. Tatsächlich war die Kirche nämlich architektonischer Hauptbestandteil eines der größten Jesuitenklöster der Rzeczpospolita Polska; sein Territorium ist nun vom Grodnoer Gefängnis belegt, was von vielen Einwohnern der Stadt als städtebauliche Sünde empfunden wird. 1987 wurden die Gottesdienste wieder aufgenommen und finden seither täglich statt.

Die Marienkirche in Saretschanka

Im Zentrum des Dorfes Sarteschanka liegt die schlichte, mit Elementen der Neogotik verzierte Marienkirche (1937). Der Besuch der Kirche bietet sich vor allem dann an, wenn Abstecher zu den übrigen, westlich des Neman (Memel) gelegenen Kirchen in der Umgebung von Grodno (u.a. Podlabenie) geplant sind. Man verlässt Grodno in westlicher Richtung, passiert die Brücke über das Flüsschen Losósna, folgt der Straße einen Hügel hinauf und trifft alsbald auf das Hinweisschild zum Ort. Die so bezeichnete Straße führt nach Norden direkt ins Dorf.

Die auf einem Fundament aus Bruchsteinmauerwerk ruhende Kirche ist einschiffig, mit einem zweistufigen Turm über dem Portal, der Turmhelm ist achteckig. An der Rückseite des Kirchenschiffs treten die Sakristei und die dreiseitige Apsis aus dem ansonsten rechteckigen Grundriss hervor. Die Seitenwände sind von neogotischen Fenstern durchbrochen. Im saalartigen Kirchenraum ist das Spitzdach abgeflacht und durch eine geometrische Bemalung verziert.

Das Gymnasium in Sluzk

Das Gymnasium in Sluzk ist das älteste in Weißrussland. Es wurde 1617 von Fürst Janusz Radzivill (1579-1620) gegründet.

Zeittafel zur Geschichte dieser bedeutenden Schule:

20. Mai 1617: Janusz IV. Radzivill unterzeichnet eine Urkunde, in der der Bau einer calvinistischen Kirche und einer angeschlossenen Schule festgelegt wird.

1624: Auf Befehl Chrisztof Radzivills (1585-1640) Umwandlung der Schule in ein Gymnasium.

6. November 1630: Beginn des Lehrbetriebs im neuen, aus Holz erbauten Schulgebäude. Die ersten Schüler rekrutieren sich aus dem niederen Adel (Szlachta), der protestantischen Geistlichkeit und dem vermögenden Bürgertum.

1775-1778: Das calvinistische Gymnasium wird in eine öffentliche protestantische Bezirksschule umgewandelt. Das Schulprogramm sieht keine mittlere Schulausbildung vor.

1824: Die Bezirksschule erhält wieder den Status eines Gymnasiums.

1829-1840: Bau eines neuen, steinernen Schulhauses (Architekt: Karol Podczaszyński, 1790-1860) im Stil des Klassizismus.

1840-1856: Allmählicher Übergang vom Polnischen zum Russischen als Unterrichtssprache. Nach dem von adligen Schichten aus Kongresspolen und den litauisch-weißrussischen Gouvernements des Russischen Reiches angeführten, erfolglosen Januaraufstand von 1863 wird Russsich endgültig zur alleinigen Unterrichtssprache.

1868: Die Schule wird, mit Unterstützung Zar Alexanders II., in ein weltliches Jungengymnasium umgewandelt.

1912-1918: Auch Mädchen erhalten die Möglichkeit, eine Gymnasialbildung zu erhalten, um später vorwiegend als Hauslehrerinnen tätig werden zu können oder eine weiterführende Bildung zu erhalten.In zwei Gebäuden, einem Ziegelbau und einem Holzhaus, werden zeitweilig bis zu 300 Mädchen unterrichtet.

1915-1916: Evakuierung des Gymnasiums während des 1. Weltkriegs vom frontnahen Sluzk nach Pensa.

1922-1927: Nach Umwandlung des Gymnasiums in die Städtische Schule Nr. 1 wird dort eine sieben Jahre umfassende Schulausbildung durchgeführt.

1941-1944: Einstellung des Unterrichtsbetriebs; das Schulgebäude wird während des 2. Weltkriegs fast völlig zerstört.

1. September 1944: Einen Monat nach der Befreiung der Stadt durch die Rote Armee wird in unweit des früheren Gymnasiusms gelegenen, erhaltenen Holzhäusern eine Grundschule eröffnet.

1. September 1949: Als Mittelschule Nr. 1 nimmt das frühere Gymnasium den Lehrbetrieb wieder auf. Die russische Sprache ersetzt als Unterrichtssprache das Weißrussische.

1. September 1989: Die Schule erhält den Status eines Städtischen Gymnasiums mit englischsprachigem Zweig.

2003: Attestierung und Bestätigung des Status eines Gymnasiusms.

Unmittelbar neben dem Gymnasium befindet sich ein Denkmal für die Opfer des 2. Weltkriegs, das die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums pflegen.

Die Kreuzerhöhungskirche in Golynka

Die Kreuzerhöhungskirche im Dorf Golynka wurde in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts aus verputztem Ziegelmauerwerk erbaut. Ursprünglich war es ein russich-orthodoxes, dem Heiligen Michael geweihtes Gotteshaus. 1919 wurde es katholisch und heißt seitdem Kreuzerhöhungskirche.

Über dem Hauptportal des rechteckigen Gebäudes im pseudorussischen Stil erhebt sich ein zweistöckiger Glockenturm mit achteckigem Turmhelm und Zeltdach. Die Vierung ist ebenfalls mit einem Zeltdach gedeckt, das seinerseits mit einem niedrigen Türmchen bekrönt ist. Auf Haupt- und Seitenschiffen liegt jeweils ein einfaches Pultdach. Die Wände sind von rundbogenförmigen Einzel- und Doppelfenstern durchbrochen. Die Deckengewölbe sind mit Holz verkleidet; die Empore wird von zwei achteckigen hölzernen Säulen getragen.

Poststationen in Weißrussland

Die Entstehung von Poststationen geht auf dem Territorium des Russischen Reiches bis in die Zeit Peters d. Gr. (1672-1725) zurück. Im Zuge der Entwicklung von Verkehrswegen musste die für die schnelle Beförderung von Depeschen und anderen Dokumenten nötige Infrastruktur ausgebaut werden – insbesondere der regelmäßige Wechsel der Postpferde war von großer Bedeutung. Zunächst nur in hölzernen Bauernhäusern und improvosierten landwirtschaftlichen Gebäuden untergebracht, wurde die Entwicklung solcher Stationen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmend planvoll angegangen („Plan zur Einführung von Poststationen und Amtsbezeichnungen ihrer Inhaber“ vom 22.03.1770).

Das Gebiet des heutigen Weißrussland gehörte zu dieser Zeit zum Doppelstaat Polen-Litauen, der in drei Teilungen zwischen 1772 und 1793 zerschlagen wurde. Weißrussland fiel dabei vollständig unter russische Herrschaft, was die rasche Angleichung der Verkehrs-Infrastruktur an die im russischen Reich üblichen Standards erforderlich machte.

Die bis dahin in unregelmäßigen Entfernungen unterhaltenen hölzernen Stationsgebäude, die sich kaum von gewöhnlichen Bauernhütten unterschieden, wurden bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts durch besser geeignete Bauten ersetzt. In den 1830-er Jahren existierten – insbesondere auf den wichtigen Verkehrswegen nach Westeuropa – um die 70 Poststationen, von denen etwa ein Drittel aus Stein erbaut war. Grundriss und Architektur folgten der (auch im übrigen Gebiet des Reiches erst 1820 per Dekret festgelegten) Typologie: Die Fassade des eingeschossigen Stationsgebäudes war der Straße zugewandt; im Innern befanden sich das Büro des Stationsvorstehers und Räumlichkeiten für die Fahrgäste. Je nach Bedeutung und Größe der Station waren hier Tische, Stühle und ein Buffet untergebracht, wo die Reisenden Kaffee, Tee und auch Spirituosen kaufen konnten.

Rechts und links des Gebäudes schlossen sich die Tore für Zu- und Abfahrt der Fuhrwerke und Equipagen an. Das gesamte Grundstück war seitlich und nach hinten durch einen Zaun oder eine Mauer eingefasst, an deren Längs- und Querseiten sich Wirtschaftsgebäude, eine Remise, Scheunen, Stallungen und Unterkünfte für die Bediensteten der Fahrgäste befanden.

Abb. aus: Tschatorowa, E. R.: Architekturnaja tipologija potschtowych stanzionnych domow Moskowsko-Sibirskogo trakta w Tomskoj gubernii XIX v. (Die architektonische Typologie der Poststationshäuser des Fernweges von Moskau nach Sibirien im Gouvernement Tomsk im XIX Jahrhundert), Tomsk 2015, S. 78.

Es handelte sich bei diesen Poststationen also nicht nur um ein einzelnes Gebäude sondern um einen zusammenhängenden, zweckmäßigen architektonischen Komplex. 1823, 1843 und 1846 überarbeitete die Regierung die 1820 eingeführte Typologie dieser Anlagen. Je nach Größe entsprach die einzelne Station einer festgelegten, von I bis IV nummerierten Kategorie. Kleinere und größere Stationen wechselten sich entlang der Straße ab. Auf drei bis vier kleinere Stationen, teilweise ohne eignen Hof und Wirtschaftsgebäude, folgte eine größere mit den bereits erwähnten Annehmlichkeiten für Reisende und Bedienstete. In historischen Akten ebenso wie in zeitgenössischen Reiseberichten gibt es jedoch Hinweise darauf, dass die Bauvorschriften oft nicht immer eingehalten wurden, sondern sich im Gegenteil Anspruch und Wirklichkeit deutlich unterschieden und der Reisende anstelle einer zweckmäßigen, einen gewissen Komfort bietenden Anlage vernachlässigte Gebäude vorfand, die sich kaum von den Bauernhütten der angrenzenden Weiler unterschieden.

Heute gibt es in Weißrussland noch rund fünfzig historische Poststationen. Ihrem ursprünglichen Zweck dienen nur noch wenige; gelegentlich ist eine Postfiliale darin untergebracht, aber viele werden als Wohnhäuser genutzt, andere beherbergen Geschäfte, und nicht wenige befinden sich – seit Jahren ungenutzt – in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Ihr geschlossener Grundriss und ihre einstige Bestimmung sind jedoch vielfach noch gut erkennbar, insbesondere, wenn nicht nur das Stationsgebäude selbst erhalten ist, sondern auch die Hofanlage dahinter. Oft finden sich diese Denkmäler inzwischen innerhalb der Ortschaften, die sie einst miteinander verbanden. Im Laufe der Jahrezehnte erweitert, erreichte die städtische Besiedlung schließlich die vormals einzeln gelegenen Poststationen, die ins Stadtbild eingegliedert wurden.

Puppentheater in Russland und Weißrussland

Die frühesten Zeugnisse über das Puppentheater in Russland stammen von dem deutschen Gelehrten Adam Olearius (1599–1671). Als Mitglied einer über Russland nach Persien reisenden Gesandtschaft weilte er zwischen März und Dezember 1636 in Russland, wo er die skomorochi erlebte, die Spielmänner und fahrenden Komödianten:

Es pflegen auch solche abscheuliche Dinge die Bierfidler auf öffentlicher Strasse zu singen / etliche dem jungen Volcke und Kindern in einem Kunzgen- oder Poppenspiel umbs Geld zu zeigen. Dan ihre Bärendäntzer haben auch solche Comedianten bey sich / die unter andern alsbald einen Possen […] mit Poppen agiren können; Binden umb den Leib eine Decke / und staffeln sie über sich / machen also ein theatrum portatile oder Schauplatz / mit welchen sie durch die Gassen umbher lauffen / und darauf die Poppen spielen lassen können (Olearius, Adamus: Des Welt-berühmten Adami Olearii colligirte und viel vermehrte Reise-Beschreibungen Bestehend in der nach Mußkau und Persien. Hamburg 1696. 3. Buch, S. 98.). Wie in anderen Regionen Westeuropas ist das Puppenspiel auch in Russland zunächst auf traditionelle Bräuche und heidnische Lebensvorstellungen zurückführbar und nahm erst später – ebenfalls nach ausländischem Vorbild – satirischen Charakter an. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert erfreute sich die Figur des Petruschka besonderer Popularität. Er überwindet nicht nur die weltliche und geistliche Obrigkeit, sondern erweist sich sich auch in Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Teufel als der Stärkere.

Die Untermalung der zumeist von 1–2 Personen gespielten Szenen besorgten zunächst Gusli- und Pfeifenspieler. Ab Ende des 19. Jahrhunderts begleiten immer häufiger Drehorgeln die Vorstellungen. Die „Bühne“ gaben Schürzen ab, die am Gürtel der Puppenspieler befestigt und nach oben über die Köpfe gezogen wurden, später wurden einfache, ein- bis dreiteilige Wandschirme verwendet, oder man warf ein größeres Stück Stoff über eine zwischen zwei Stangen gespannte Schnur. Die Puppenspieler benutzten Handpuppen mit großen, aus Holz geschnitzten oder aus Lappen und Karton geformten und auf den Zeigefinger gesteckten Köpfen. Der allegorische Charakter der Handlung bewirkte eine stark verallgemeinerte Darstellung der Charaktere ohne detailliertere Ausgestaltung.

In Weißrussland verbreitete sich bereits an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert das mystisch-religiöse Theater (Batlejka), in dem zunächst Szenen aus den Evangelien dargestellt wurden. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts fanden auch Sujets aus dem täglichen Leben der Menschen Einzug in die Vorstellungen. Die Charaktere wurden vielfältiger: Neben den „Moskowiter“ traten Zigeuner, polnische Pani (Herren), Schankwirte, der Bauer Mosej und andere Personen.

Die Figur des Petruschka verlor seit Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich an Kontur, als die Rückständigkeit der traditionellen Komödie mit dem Erwachen eines bürgerlichen Gesellschaftsbewusstseins immer offenkundiger wurde. Die fahrenden Puppenspieler gerieten unter Verfolgung, und auch die Versuche satirischer Schriftsteller wie W. S. Kurotschkin (1831–1875), das Puppentheater durch die Erweiterung des Repertoires zu erneuern, waren wegen der allgegenwärtigen zaristischen Zensur nicht von Erfolg gekrönt. Gleichzeitig versuchten Anhänger wie Gegner der Autokratie, die Volksnähe des Puppentheaters für sich zu nutzen.

Bis zur Oktoberrevolution hatten solche Bemühungen nur geringen Erfolg. Nach 1918 gewann jedoch das Puppentheater als Theater für Kinder wie als Bühne für politische Agitation erneut an Bedeutung. Zur Aufführung kamen sowohl Klassiker (z.B. Das Märchen vom Zaren Saltan und die Fabeln I. A. Krylovs, 1769–1844) als auch allegorische Sujets wie David und Goliath (David i Goliaf) oder Der Krieg der Kartenkönige (Wojna kartotschnych korolej). Das sog. Agit-Theater verbreitete sich besonders stark in den Jahren des Bürgerkriegs; aufgeführt wurden Werke von W. W. Majakowski (1893–1930), Demjan Bednyj (1883–1945) und anderen zeitgenössischen Dichtern und Schriftstellern.

Als folgenreich für die Geschichte des sowjetischen Puppentheaters erwies sich das Mitte der 1920-er Jahre gegründete Leningrader Puppentheater (Leningradski teatr kukol), an dem professionelle Dramaturgen, Komponisten, Maler und Bildhauer beschäftigt waren und bald auch professionelle Puppenspieler ausgebildet wurden. Diesem Beispiel folgend, wurden auch in anderen Städten der Sowjetunion Puppen- und Marionettentheater wiederbelebt oder ins Leben gerufen. Das Zentrale Puppentheater (Cetral’nyj teatr kukol; 1930) erweiterte und systematisierte die darstellerischen Möglichkeiten dieser speziellen Form der szenischen Darstellung. Auch hier wurden Klassiker der Weltliteratur neben Werken sowjetischer Schriftsteller auf die Bühne gebracht.

Während des 2. Weltkriegs wurde die Tradition des Agit-Theaters wiederbelebt. In den 1950-er und 1960-er Jahren erfuhr das Figurentheater immer stärkere Verbreitung; die Zahl der Theater wuchs, man organisierte nationale und internationale Wettbewerbe. In ganz Osteuropa wurden feste staatliche Bühnen eingerichtet, die damit verknüpften Berufe wurden in umfangreichen Ausbildungen vermittelt. Bis heute existieren viele dieser Häuser auch in Weißrussland. Weiterhin staatlich organisiert und finanziert, haben sie zwar mit baufälligen Gebäuden und wachsenden Betriebskosten zu kämpfen, sind jedoch zugleich fester Bestandteil der weißrussischen Kulturlandschaft. Das Repertoire richtet sich nicht nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene und umfasst wie bisher die Klassiker der Weltliteratur, der russischen und sowjetischen Literaturgeschichte sowie neue, speziell für die Puppenbühnen geschriebene Stücke.

Die Mariä-Verkündigungs-Kirche in Adamowitschi

Die Mariä-Verkündigungskirche in Adamowitschi (1854), einem nur wenige Kilometer von der Grenze zu Polen entfernten Dörfchen, ist schon von weitem zu sehen und leicht zu finden. Es ist Samstag Mittag. Im blauen Himmel singt eine Lerche, irgendwo im Dorf kräht ein Hahn, die Bäume hinter der Kirche veranstalten Schattenspiele auf dem idyllischen Friedhof.

An der Straße zwischen Friedhof und Kirche tuckert auf seinem Traktor ein Bauer vorbei. Er empfiehlt, die im ehemaligem Bauernhäuschen neben der Kirche lebenden Nonnen zu bitten, die Kirche aufzuschließen. Das Haus liegt inmitten eines liebevoll gestalteten „Kloster“-Gartens, aus dessen Zentrum eine buntbemalte Marienfigur aus Gips die Gegend segnet.

Hinter dem Haus sitzt eine kleine Festgesellschaft beisammen – es ist Hochzeit. So nennt man es hier offenbar wirklich, wenn eine Novizin die ewigen Gelübde ablegt und so Braut Christi wird. Einen Kranz aus weißen Rosen auf dem schwarzen Schleier, sitzt sie mit entrücktem Lächeln unter ihrer Verwandten.

Mit einem altertümlichen eisernen Schlüssel öffnet die Oberin, begleitet von einer weiteren Schwester, das Seitenportal der Kirche. Es ist ein viereckiger, spätklassizistischer Bau mit Spitzdach und quadratischem Glockenturm. Über dem Hauptportal finder sich eine Statue der heiligen Thekla, die im ersten nachchristlichen Jahrundert lebte und der die Kirche nach ihrer Vollendung im Jahr 1854 zunächst geweiht wurde.

Der Innenraum ist ebenfalls im Stil des Spätklassizismus gestaltet. Die Wände sind weiß verputzt, Pilaster und verzierte Fensterbögen gliedern sie. Allerheiligstes und Chor sind durch eine Zwischenwand vom Kirchenschiff abgetrennt. Die beiden Ordensfrauen haben sich in einer der hölzernen Kirchenbänke niedergelassen und schauen schweigend zum Hauptaltar und zu den rechts und links vor dem Chor stehenden beiden Seitenaltären.

Es ist ein Glücksfall, wenn es gelingt, Zugang zu einer der vielen Dorfkirchen zu erhalten. In aller Regel sind sie verschlossen. Allzuviel ist zerstört und gestohlen worden, als die Kirchentüren tagsüber für die Gläubigen noch geöffnet waren. Weil die Kirchlein von der Pfarrei im nächsten größeren Ort betreut werden, hilft oft nur die Nachfrage nach einem Diakon in der Nachbarschaft. Für die einzige Sonntagsmesse kommt ein Priester aus der Stadt; danach wird die Kirchentür wieder verriegelt.

Eine Gruft für die geliebte Gattin

Das Dorf Idolta liegt im Kreis Mjora. Unweit von Idolta liegt das Dorf Milaschowo. Die beiden Dörfer sind durch eine Holzbrücke verbunden, die sich an der schmalsten Stelle des Idolta-Sees von Ufer zu Ufer spannt.

Erstmals erwähnt wird Idolta bereits im 16. Jahrhundert. 1600 gelangte es in den Besitz des Adelsgeschlechts Sapiega, deren Nachkomme ihn 1824 an Jozef Milosz veräußerte. Dessen Sohn Eugeniusz (Jewgeni; 1813-1885) ) erbte den Ort und das umliegende Land. Nachdem seine Frau Emilia (geb. Targoński) 1857 früh verstorben war, ließ Jewgeni Milosz 1862 für sie die Grabkapelle bauen, die auch heute noch, umgeben von mittlerweile hundertjährigen Linden, über dem Idolta-See und den Dörfern Idolta und Milaszowo thront. Auch Jewgeni selbst ist hier begraben, ebenso seine Kinder.

In sowjetischer Zeit entweihte man das Gotteshaus. In seinen weißgetünchten Mauern wurde Dünger gelagert, die Gruft wurde geplündert, und die lokalen Halbstarken spielten mit aus den Gräbern geraubten Schädeln Fußball. Vom neben der Kapelle angelegten Friedhof kündet lediglich ein einziges erhaltenes Grabmal mit Lebens- und Sterbedatum von Konrad Milosz (1849-1852), einem der Söhne von Jewgeni und Emilia Milosz.

1990 wurde die Kapelle der katholischen Kirche zurückgegeben, und der damalige Priester baute sie zusammen mit den Gläubigen wieder auf. Ursprünglich der unbefleckten Empfängnis Mariens geweiht, dient die Kirche heute als Filialkirche der umliegenden, größeren römisch-katholischen Pfarreien und ist Johannes dem Täufer geweiht. An kirchlichen Feiertagen finden regelmäßig Gottesdienste statt.

Erinnerungen über Jewgeni Milosz sind erhalten geblieben. Sie stammen von dem Adligen Zygmunt Guz, dem das Landgut Konstantijanova Druja gehörte: „Milosz war bescheiden und fleißig. Bei den Menschen am Ort hinterließ er die besten Erinnerungen. Er schätzte seine Bauern und hatte niemals Streit mit ihnen. Wegen ihres umsichtigen Wirtschaftens waren die Bauern der Miloszovsker Volost wohlhabender als andere. Enkel jener Bauern absolvierten nicht nur die Mittelschule, sondern besuchten auch Hochschulen. Unter ihnen waren Priester, Ärzte und Offiziere. Viele von ihnen starben in den Weltkriegen in Solowki oder in Katyn während Stalins Repressionen.“

Die kleine Kirche in Malki: letztes Relikt eines Adelsgeschlechts

Die kleine hölzerne Kirche liegt etwas abseits des Weilers Malki. Es ist ein warmer Sommertag, die Lerchen haben sich so hoch in den Himmel aufgeschwungen, dass sie nicht mehr zu sehen sind. Ihr Gesang aber erfüllt die ganze Gegend. Nebenan auf dem Feld zieht ein Traktor seine Bahnen.

Die Kapelle wurde 1792 von Jan Szauman unweit seines Landgutes erbaut. Alte Fotografien belegen, dass die Kirche einst ein Reetdach hatte; heute schützt ein Gipsbeton-Dach das Innere vor den Einflüssen des Wetters. In den 1930-er Jahren wurde die Kirche augenscheinlich zum Portal hin verlängert. Die auf dem Kirchhof erhaltenen Grabsteine dokumentieren eine jahrhundertelange Geschichte dieses Geschlechts. Im „Register der Wolosti und ländlichen Gesellschaften des Gouvernement Vilnius des Jahres 1873“ ist ein Andrzej Szauman urkundlich belegt.

Ein Kleinbus hält vor der Kapelle. Sein Fahrer stellt sich als Nachkomme des Geschlechts der Szaumans vor. Er lebt schon lange in der Hauptstadt Minsk, kommt aber im Urlaub regelmäßig in sein Heimatdorf. „Was hat Lukaschenko bloß aus unserem Land gemacht?“, sagt er und deutet auf die Felder ringsum. „Glauben Sie etwa, dieser Traktor düngt die Felder, weil es nötig ist? Nein – er düngt sie, weil eben gerade Dünger geliefert worden ist, und er wird hier so lange auf und ab fahren, bis sein Tank leer ist. Und dann holt er Nachschub und düngt auch die Flächen, die brachliegen und nicht zur Kolchose gehören. Und wenn danach immer noch Dünger übrig ist, versprüht er ihn auf den Feldrainen und Straßenrändern.“ Das Getreide verdorre auf den Feldern, weil Misswirtschaft und mangelnde Organisation die rechtzeitige Ernte verhindern, und im Herbst werde dann alles wieder untergepflügt – und neue Gerste eingesät.

„Schauen Sie auf diese Grabsteine! Jahrhunderte polnisch-litausich-russischer Geschichte! Und diese armselige Kirche ist alles, was die verdammten Kommunisten übriggelassen haben.“ Er deutet auf eine bewaldete Anhöhe ganz in der Nähe. „Dort hat das Landgut meiner Familie gestanden! Ein wunderschönes, großzügiges Gebäude mit Ballsaal und Bibliothek. Dann kamen die Sowjets, vertrieben meine Vorfahren, vernichteten alles und bauten später aus Betonfertigteilen eine Schule dorthin. Es ist eine Schande.“

Tatsächlich finden sich auf dem Hügel im Wäldchen die Ruinen eines neuzeitlichen Baus. Sein Grundriss ist noch erkennbar: Tatsächlich war dies früher eine Schule. Vom einstigen Herrenhaus des Szauman-Geschlechts ist indessen nichts erhalten.

Die Erzengel-Michael-Kathedrale in Sluzk

Die Erzengel-Michael-Kathedrale wird erstmals in einer Urkunde des Fürsten Alexander Wladimirowitsch von 1392 erwähnt. Es handelt sich dabei um die älteste Erwähnung geistlicher Heiligtümer der etwa 100 Kilometer südlich von Minsk gelegenen Stadt Sluzk.

Damals befand sich die Kirche im heutigen historischen Stadtzentrum. Auf dem zugehörigen Friedhof neben der Kirche stand ein weiteres, kleineres Gotteshaus, das dem Erzengel Gabriel geweiht war und das in der kalten Jahreszeit als Gemeindekirche genutzt wurde, da die Hauptkirche nicht beheizt war.

Die Erzengel-Michael-Kirche ist die einzige in Sluzk erhaltene Kirche, die der Sluzker Polesje-Holzarchitektur des 18. Jahrhunderts zugeschrieben werden kann und die in ganz Weißrussland einzigartig ist. Im Innern gliedert sie sich in drei Räume, die von einer niedrigen Galerie eingefasst sind. Außen verfügt jeder Raum über seinen eigenen Turm bzw. Dachreiter.

In den 1990-er Jahren wurde die Kirche zu einem Zentrum des auch in Sluzk wieder auflebenden russisch-orthodoxen Glaubens. Seitdem sind historische Kirche und neue Gebäude (u.a. eine Taufkapelle, eine Sonntagsschule und eine Bibliothek) zu einem zusammenhängenden architektonischen Ensemble vereinigt.

Die Große Synagoge in Grodno

In Grodno steht an der Bolshaja-Troizkaja-Straße 29a die eindrucksvolle Große Synagoge von Grodno, sichtbares Zeugnis einer siebenhundertjährigen Tradition jüdischen Lebens in dieser Stadt.


Das Gebäude der heutigen Synagoge, erbaut im neorussischen Stil, datiert vom Anfang des 20. Jahrhunderts und steht am Platz einer sehr viel älteren, hölzernen Synagoge aus dem 16. Jahrhundert, die 1902 abgebrannt war. Während der Besatzungszeit durch das nationalsozialistische Deutschland entging Grodno aufgrund seiner grenznahen Lage als eine der wenigen weißrussischen Städte der Vernichtung. Auch die Synagoge blieb erstaunlicherweise erhalten, wurde jedoch ausgeraubt und erlitt tiefgreifende Schäden durch Geschützeinschläge. Nach dem Krieg wurde sie nicht restauriert, sondern als Lager eines Geflügelzuchtkombinats und der Apothekenverwaltung verwendet; später befanden sich hier Werkstätten für industrielles Kunsthandwerk. 1991 wurde das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde Grodno zurückgegeben.

Die Fotos auf dieser Seite zeigen den Zustand der Synagoge während der Restaurierungsarbeiten. Die Fassade war bereits gesichert, das Dach neu eingedeckt und der Hauptgebetsraum größtenteils wiederhergestellt.


Man nimmt an, dass Juden in Grodno bereits im 12. Jahrhundert lebten; sichere Zeugnisse liegen seit dem 14. Jahrhundert vor. Im 17. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde Grodnos neben denen in Brest und Pinsk eine der drei bedeutendsten Litauens, und zu Beginn des 18. Jahrhunderts machten die jüdischen Bewohner den größten Teil der Stadtbevölkerung aus. Ihre Hauptbetätigungsfelder waren Handel, Handwerk und Industrie.

Im Laufe der Jahrhunderte hatten die Juden in Grodno immer wieder unter Diskriminierungen zu leiden, die vielfach in Pogromen gipfelten. Bereits 1495 wurden alle Juden des Fürstentums Litauen von ihren Wohnsitzen vertrieben und ihr Eigentum beschlagnahmt. Auch im 20. Jahrhundert litten die Grodnoer Juden unter solchen Maßnahmen, und zwar nicht erst während der deutschen Besatzungszeit. So vertrieben im April 1915 Kosakeneinheiten der russischen Armee die gesamte jüdische Bevölkerung aus der Stadt.

In der kurzen Zugehörigkeit Grodnos zu Polen (1920-1939) stieg der Anteil der jüdischen Einwohner wieder auf über 50 Prozent der Gesamtbevölkerung an, sie waren jedoch weiterhin fortgesetzten Benachteiligungen ausgesetzt. Als Grodno im Jahre 1939 von sowjetischen Truppen eingenommen wurde, kam es in dem kurzen Zeitabschnitt zwischen dem Abzug der polnischen Verbände und der Einnahme der Stadt durch die sowjetische Armee zu einem weiteren großen Pogrom. Im Folgejahr 1940 wurde die Synagoge geschlossen.

Am 23. Juni 1941 schließlich nahmen nationalsozialistische Verbände die Stadt ein. Die jüdische Bevölkerung (ca. 25.000 Menschen) wurde enteignet und in zwei Ghettos interniert. Ihnen stand ein „Judenrat“ vor, der nicht nur das Leben im Ghetto zu organisieren hatte, sondern auch gezwungen wurde, die Listen der in die Vernichtungslager zu deportierenden Menschen zu führen. Innerhalb der Ghettos kam es wiederholt zu willkürlichen Erschießungsaktionen, so z.B. im Juli 1941, als die sogenannte „Einsatzgruppe B“ etwa 100 jüdische Intellektuelle ermordete. Auch in der Folgezeit rächte sich die deutsche Besatzungsmacht mit solchen Aktionen für Sabotageakte einer Untergrundorganisation, die sich in den Ghettos gebildet hatte.

Im November und Dezember 1942 wurde das Ghetto Nr. 2 aufgelöst, im Januar und Februar darauf das Ghetto Nr. 1. Die Juden wurden in ein Verteilungslager nahe Grodno getrieben, in dem bereits viele Menschen starben. Die Überlebenden kamen später in den deutschen Konzentrationslagern in Polen um.

Wenige Überlebende kehrten nach dem Krieg in die Stadt zurück, aber die Gemeinde erholt sich bis heute nur langsam von ihrer fast vollständigen Vernichtung. Sie umfasst gegenwärtig nur einen Bruchteil ihrer früheren Größe. Die verbliebenen Gemeindemitglieder verhinderten den vollständigen Verfall ihrer Synagoge durch großes privates praktisches wie finanzielles Engagement. Gleichwohl reichte dieser Einsatz nicht aus, um das Gotteshaus für kommende Generationen zu erhalten. Seit dem Sommer 2008 wurde in Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 880-jährigen Stadtjubiläum Grodnos die Fassade restauriert. Der Innenraum, ebenfalls aufwendig wiederhergestellt, ist der einzige vollständig erhaltene jüdische Gebetsraum des Landes und beeindruckt mit seiner mit neogotischen Elementen angereicherte Monumentalität.

Ein Brand im Jahr 2013 zerstörte einen Raum im Obergeschoss.

Schitomlja

Das Dorf mit weniger als tausend Einwohnern liegt etwa 15 Kilometer von Grodno entfernt. Folgt man der Fernstraße M6 (E28) südöstlich in Richtung Minsk (oder nimmt die nördlich parallel verlaufende, malerische Landstraße), so gelangt man nach kurzer Fahrt zu dem kleinen Ort. Die Mariä-Verkündigungs-Kirche ist schon von weitem zu erkennen; ihr kleiner Turm ist in der flachen Wiesenlandschaft gut sichtbar. Das hölzerne, russisch-orthodoxe Gotteshaus stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Es ist in leuchtend blauer Farbe gestrichen; durch ein eisernes Tor gelangt man auf den Kirchhof.

Im Jahr 1864 änderte sich das Erscheinungsbild der Kirche: das Kirchenschiff erhielt ein Satteldach, der Glockenturm wurde mit einem Zeltdach in Form einer mehreckigen Pyramide versehen. Der Haupteingang im Turm ist in Form einer einfachen Außentreppe unter einem kleinen Vordach ausgeführt.

Sehenswert sind die filigranen, holzgeschnitzten Fensterrahmen, und bei einem Gang rund um die Kirche wird beim Studieren der Inschriften auf den Grabsteinen Geschichte lebendig. Im Innern, das, wie im Falle vieler Dorfkirchen, nur zu den Gottesdienstzeiten zugänglich ist, beeindruckt besonders der geschnitzte Ikonostas.

Das Eisenbahnmuseum in Brest

Wenige hundert Meter vor der Festung von Brest, die heute ein Denkmal an die Opfer des 2. Weltkriegs ist, liegt ein kleines Eisenbahnmuseum. Es steht in keinem Reiseführer und mag dem westlichen Besucher als unverhofftes Kleinod erscheinen, als eine Möglichkeit, in die vermeintlich gute alte Zeit zurückzureisen.

Dieser Eindruck ändert sich, wenn man nach dem Betreten der Freifläche die kleine Tafel studiert, die vor den auf mehreren Gleisen nebeneinander abgestellten eisernen Dampf-, Elektro- und Diesellokomotiven installiert wurde. Auf dieser Tafel steht ein Gedicht des Dampflokomotivführers N. W. Gribtschuk.

Ins Deutsche übertragen, lautet es etwa so:

 

Es stehen am Prellbock voll Würde
Die Freunde auf schwierigem Weg.
Wir trugen gemeinsam die Bürde
Von Aufruhr und Siegen und Ehr.

Nicht weht mehr die tiefrote Fahne,
Die Heroik der Tage – so fern
Erloschen im Kessel die Flamme
Und das Licht vorn im grellroten Stern.

 

Ach, seid nicht betrübt, meine Freunde:
Nie stoppen die Läufe der Zeit.
Und tadelt uns in euren Träumen
Der Muße nicht, die euch ereilt.

Ihr Teuren, zu euch wolln wir eilen,
Sobald neues Unglück uns naht.
Bedenkt nur, ihr Rösser aus Eisen
Wie oft unsre Rettung ihr wart.

Von Schüssen wie Hagel getroffen.
Doch so viele Leben bewahrt!
Ihr habt durch die Hölle gezogen
Granaten und Brot jede Fahrt.

Die Feuerung klagt nicht. Ist müde.
Kein Dampf in den Kesseln mehr geht.
Ihr steht nun voll Stolz und voll Würde:
Wr haben gemeinsam gelebt.

Und voll Schwermut, voll schmerzhaftem Sehnen
Hab ich den Weg hierher wieder gemacht,
Wo alle sie stillgelegt stehen
Gleichsam auf ewiger Wacht.