Kategorie: Sehenswürdigkeiten

Die Herz-Jesu-Kirche in Sanewitschi

Gut dreißig Kilometer südöstlich von Grodno liegt der Weiler Sanewitschi, zu dem die auf freiem Feld an einer schmalen Landstraße gelegene Herz-Jesu-Kirche gehört. Nähert man sich von Grodno aus über die Landstraße P 44, so hat man auf dem Wege zugleich die Möglichkeit, die Kirchen in Krasowka und Swislotsch zu besuchen, ehe man in Swislotsch nach dem Überqueren des gleichnamigen Flüßchens nach rechts abbiegt. Nach wenigen Kilometern kommt links voraus die Herz-Jesu-Kirche von Sanewitschi in Sicht.

In seiner neoklassizistisch-antikisierenden Form mit vier Säulen, einem flachen Giebel unter dem einfachen Satteldach und jeweils drei Rundbogenfenstern in den blendend weiß gestrichenen Seiten- und Rückwänden stellt das Gotteshaus eine markante Landmarke inmitten der sanft geschwungenen Wiesen und Felder dar. Es wurde im Jahr 1917 erbaut.

An der rechten Seite schließt sich ein mit alten Bäumen bestandener Friedhof an. Die Kirchenglocken befinden sich nicht am oder im Kirchengebäude, sondern sind zwischen den Stämmen zweier abgestorbener Bäume aufgehängt und gemahnen so an die Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Trotzdem ist der Ort malerisch, fast ein wenig verwunschen, und lohnt einen Ausflug sehr.

Die Verkündigungskirche in Perstun

Das Dorf Perstun, nordwestlich von Grodno im Grenzebiet zu Polen gelegen, bestand schon zu Zeiten des Großfürstentums Litauen. Damals kreuzten sich hier mehrere wichtige Verkehrswege, und der Ort war ein regionales Verwaltungszentrum, das auch von staatlichen Würdenträgern häufig besucht wurde. Heute liegt der Ort im Dornröschenschlaf, nicht zuletzt deshalb, weil er als Punkt innerhalb der „Grenzzone“ (pogranitschnaja sona) sowohl für Einheimische als auch besonders für Ausländer nur unter bestimmten Voraussetzungen zugänglich ist.

Die Mariä-Verkündigungskirche in Perstun wurde 1848 erbaut. Die Architektur ist uneinheitlich und am ehesten der Renaissance zuzuordnen, auch wenn das Baujahr weit nach dieser Epoche liegt. Das Gotteshaus gehörte zunächst der unierten Kirche an (in der der Gottesdienst nach russisch-orthodoxem Ritus gefeiert wird, die aber dem Papst unterstellt ist), seit 1919 ist es katholisch.

Im 2. Weltkrieg hinterließen die Deutschen auf dem Rückzug verbrannte Erde und verschonten dabei auch Perstun und seine Kirche nicht. Teilweise zerstört, verfiel sie zusehends und wurde erst 1990 wiederaufgebaut bzw. restauriert. Ihr relativ schmales und hohes Kirchenschiff und der zylindrische Turm mit seinem spitzen Dach beherrschen seitdem wieder das Landschaftsbild, wenn man sich dem Dorf nähert.

Das Gutshaus der Familie Milosz in Idolta

Das am südlichen Rand von Idolta gelegene Gutshaus wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut, nachdem die Fürsten Sapiega den Ort Mitte der 1820-er Jahre an den Richter Jozef Milosz veräußert hatten. Zusammen mit dem das Gutshaus umgebenden Landschaftsgarten, den Wirtschaftsgebäuden und nicht zuletzt der 1862 erbauten Grablege der Familie Milosz bildet es ein für das 19. Jahrhundert charakteristisches herrschaftliches Ensemble.

Das Gutshaus ist eingeschossig, mit einem vorspringenden, von vier Säulen getragenen Portikus, über dem sich eine große Mansarde mit Balkon erhebt. Im Innern gab es außer den Schlafräumen und den mit Gemälden und Gobelins geschmückten Salons einen Speisesaal und eine Bibliothek. Vorräte wurden im weitläufigen Untergeschoss aufbewahrt, in dem ein von Quellwasser gespeisten Brunnen Haus und Bewohner mit frischem Wasser versorgte.

Der Park erfreute das Auge der Lustwandelnden mit verschiedenen Laubbäumen und anderen Ziergehölzen, zwischen denen Brunnen plätscherten. Von dieser Landschaftsarchitektur sind heute lediglich Reste erhalten; das Gutshaus selbst wurde restauriert, und auch einige der historischen Wirtschaftsgebäude sind in gutem Zustand.

Die Kirche vom Skapulier der Gottesmutter Maria in Idolta

Der Ort Idolta gehörte im 16. Jahrhundert dem im Großfürstentum Litauen einflussreichen Geschlecht Rudominow-Dusjazki, ehe es Anfang des 18. Jahrhunderts an die Fürsten Sapiega und – wiederum mehr als ein Jahrhundert später – an die Familie Milosz überging. 1921 wurde Idolta polnisch.

Der Bau der katholischen Kirche vom Skapulier der Gottesmutter Maria wurde 1937 begonnen und zwei Jahre später vollendet. Der Grundriss ist rechteckig; alle Gebäudeteile sind aus Ziegelmauerwerk, das auf einem Bruchsteinsockel steht. Die beiden Seitenschiffe sind vom Hauptschiff durch Arkaden getrennt, deren halbkreisförmige Bögen die Rundbögen der Kirchenfenster wiederaufnehmen.

An den Altarraum schließt sich eine runde Apsis an, rechts und links vom Altarraum befinden sich zwei Sakristeiräume mit quadratischem Grundriss. Der Kirchturm ist nicht zentral an den Hauptbau angegliedert, sondern steht rechts von der Hauptfassade. Ihrem zentralen bzw. linken Teil ist eine ebenerdige Galerie vorgesetzt, die ebenfalls von Rundbögen durchbrochen ist.

In Belarus gibt es eine ganze Reihe von Kirchenbauten, die – mehr oder weniger ausgeprägt – dem Jugendstil zugerechnet werden können. Die Kirche in Idolta ist eines dieser Beispiele.

Osada Dedino – ist Großvaters Landgut dem Untergang geweiht?

Unweit des Dorfes Dedino (Kreis Mijory, Gebiet Witebsk) steht das Landgut der alteingesessenen Adelsfamilie Rudnitzki. „Osada Dedino“ bedeutet so viel wie „Großväterliche Besitzung“, „Großväterliches Erbe“. Erstmals belegt ist der Ort in Quellen, die ins 16. Jahrhundert datieren, die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1517. Wenige Jahrzehnte später, 1550, wird das Dorf bereits als Siedlung mit einer Kirche geführt.

Ende des 17. Jahrhunderts gelangte das Dorf in den Besitz der Familie Rodominow (Rudominow) – eines uralten Geschlechts im Großfürstentum Litauen, das Kaufleute, Diplomaten, Offiziere und Literaten hervorgebracht hatte. 1768 verkauft die Familie das Dorf und die Ländereien an Jan Rudnitzkij, der im Großfürstentum Litauen den Rang eines Rittmeisters bekleidete. Damit wurde der Ort zum Stammsitz der Rudnitzkis.

1810 veranlasste Alexander Rudnitzkij, der Son Jan Rudnitzkis, den Neubau eines Gutshauses nach Plänen des polnisch-litauischen Architekten Witkowski, von dem Namen und Lebens- und Sterbedaten nicht überliefert sind. 1820 wurde der Bau des Herrenhauses vollendet. Vor dem Gebäude wurde ein Landschaftspark angelegt, dessen Anlage heute noch erkennbar ist.

Beim Gebäude handelt es sich um einen rechteckigen Bau mit Walmdach. Den Zugang überdacht ein von vier Säulen getragener Portikus. Karnise und Risalite gliedern Vorder- und Seitenfassaden. Im Innern führt vom Vestibül eine Treppe ins Obergeschoss. Die Aufteilung der Räumlichkeiten war im Erdgeschoss annähernd quadratisch bzw. rechteckig; im Obergeschoss gab es einen Saal und weitere, großzügig angelegte repräsentative Räumlichkeiten. Im Untergeschoss befanden sich die Wirtschaftsräume.

Das Landgut blieb über Generationen im Besitz der Familie Rudnitzki, bis Siegmund Rudnitzki, bekannt und berüchtigt für seinen aufwendigen, verschwenderischen Lebensstil, gezwungen war, es in den 1930er Jahren an die Familie Wischnewetzki überschreiben zu lassen, um seine Schulden bei ihnen zu begleichen. Neun Jahre später jedoch gelang es Siegmunds Schwägerin Aljona Jablonskaja, den Besitz zurückzukaufen; sie überschrieb ihn jedoch nicht Siegmund, sondern der Universität Winniza (in der heutigen Ukraine gelegen).

Mit Beginn des 2. Weltkriegs kehrte Siegmund Rudnitzki nach Dedino zurück. Als das Gebiet von den deutschen Truppen besetzt wurde, ernannten sie Siegmund zum Dorfältesten. Gegenüber der Dorfbevölkerung verhielt dieser sich jedoch immer gutherzig und erfüllte die Befehle der deutschen Besatzer nicht, wofür er schließlich ermordet wurde, nachdem er zuvor sein eigenes Grab hatte ausheben müssen. Wo sich dies befindet, ist unbekannt; aber gegenüber vom Gutshaus war einst seine Mutter, Maria Rudnitzki, beerdigt. Das Grab wurde von Grabräubern geplündert, aber der Grabstein ist erhalten und befindet sich noch auf dem Gelände.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gutshaus unterschiedlich genutzt, u.a. als Verwaltungsgebäude der Kolchose „Der Weg Lenins“. Seit den 1970-er Jahren verfällt es zusehends. Der Versuch, es an einen Investor zu verkaufen, schlug fehl. Da weder die Gemeinde noch der Landkreis oder die Gebietsverwaltung über die Mittel zur Restaurierung und Unterhaltung des Denkmals verfügen, scheint es dem Untergang geweiht zu sein.

Die Kreuzerhöhungskirche in Golynka

Die Kreuzerhöhungskirche im Dorf Golynka wurde in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts aus verputztem Ziegelmauerwerk erbaut. Ursprünglich war es ein russich-orthodoxes, dem Heiligen Michael geweihtes Gotteshaus. 1919 wurde es katholisch und heißt seitdem Kreuzerhöhungskirche.

Über dem Hauptportal des rechteckigen Gebäudes im pseudorussischen Stil erhebt sich ein zweistöckiger Glockenturm mit achteckigem Turmhelm und Zeltdach. Die Vierung ist ebenfalls mit einem Zeltdach gedeckt, das seinerseits mit einem niedrigen Türmchen bekrönt ist. Auf Haupt- und Seitenschiffen liegt jeweils ein einfaches Pultdach. Die Wände sind von rundbogenförmigen Einzel- und Doppelfenstern durchbrochen. Die Deckengewölbe sind mit Holz verkleidet; die Empore wird von zwei achteckigen hölzernen Säulen getragen.

Poststationen in Weißrussland

Die Entstehung von Poststationen geht auf dem Territorium des Russischen Reiches bis in die Zeit Peters d. Gr. (1672-1725) zurück. Im Zuge der Entwicklung von Verkehrswegen musste die für die schnelle Beförderung von Depeschen und anderen Dokumenten nötige Infrastruktur ausgebaut werden – insbesondere der regelmäßige Wechsel der Postpferde war von großer Bedeutung. Zunächst nur in hölzernen Bauernhäusern und improvosierten landwirtschaftlichen Gebäuden untergebracht, wurde die Entwicklung solcher Stationen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmend planvoll angegangen („Plan zur Einführung von Poststationen und Amtsbezeichnungen ihrer Inhaber“ vom 22.03.1770).

Das Gebiet des heutigen Weißrussland gehörte zu dieser Zeit zum Doppelstaat Polen-Litauen, der in drei Teilungen zwischen 1772 und 1793 zerschlagen wurde. Weißrussland fiel dabei vollständig unter russische Herrschaft, was die rasche Angleichung der Verkehrs-Infrastruktur an die im russischen Reich üblichen Standards erforderlich machte.

Die bis dahin in unregelmäßigen Entfernungen unterhaltenen hölzernen Stationsgebäude, die sich kaum von gewöhnlichen Bauernhütten unterschieden, wurden bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts durch besser geeignete Bauten ersetzt. In den 1830-er Jahren existierten – insbesondere auf den wichtigen Verkehrswegen nach Westeuropa – um die 70 Poststationen, von denen etwa ein Drittel aus Stein erbaut war. Grundriss und Architektur folgten der (auch im übrigen Gebiet des Reiches erst 1820 per Dekret festgelegten) Typologie: Die Fassade des eingeschossigen Stationsgebäudes war der Straße zugewandt; im Innern befanden sich das Büro des Stationsvorstehers und Räumlichkeiten für die Fahrgäste. Je nach Bedeutung und Größe der Station waren hier Tische, Stühle und ein Buffet untergebracht, wo die Reisenden Kaffee, Tee und auch Spirituosen kaufen konnten.

Rechts und links des Gebäudes schlossen sich die Tore für Zu- und Abfahrt der Fuhrwerke und Equipagen an. Das gesamte Grundstück war seitlich und nach hinten durch einen Zaun oder eine Mauer eingefasst, an deren Längs- und Querseiten sich Wirtschaftsgebäude, eine Remise, Scheunen, Stallungen und Unterkünfte für die Bediensteten der Fahrgäste befanden.

Abb. aus: Tschatorowa, E. R.: Architekturnaja tipologija potschtowych stanzionnych domow Moskowsko-Sibirskogo trakta w Tomskoj gubernii XIX v. (Die architektonische Typologie der Poststationshäuser des Fernweges von Moskau nach Sibirien im Gouvernement Tomsk im XIX Jahrhundert), Tomsk 2015, S. 78.

Es handelte sich bei diesen Poststationen also nicht nur um ein einzelnes Gebäude sondern um einen zusammenhängenden, zweckmäßigen architektonischen Komplex. 1823, 1843 und 1846 überarbeitete die Regierung die 1820 eingeführte Typologie dieser Anlagen. Je nach Größe entsprach die einzelne Station einer festgelegten, von I bis IV nummerierten Kategorie. Kleinere und größere Stationen wechselten sich entlang der Straße ab. Auf drei bis vier kleinere Stationen, teilweise ohne eignen Hof und Wirtschaftsgebäude, folgte eine größere mit den bereits erwähnten Annehmlichkeiten für Reisende und Bedienstete. In historischen Akten ebenso wie in zeitgenössischen Reiseberichten gibt es jedoch Hinweise darauf, dass die Bauvorschriften oft nicht immer eingehalten wurden, sondern sich im Gegenteil Anspruch und Wirklichkeit deutlich unterschieden und der Reisende anstelle einer zweckmäßigen, einen gewissen Komfort bietenden Anlage vernachlässigte Gebäude vorfand, die sich kaum von den Bauernhütten der angrenzenden Weiler unterschieden.

Heute gibt es in Weißrussland noch rund fünfzig historische Poststationen. Ihrem ursprünglichen Zweck dienen nur noch wenige; gelegentlich ist eine Postfiliale darin untergebracht, aber viele werden als Wohnhäuser genutzt, andere beherbergen Geschäfte, und nicht wenige befinden sich – seit Jahren ungenutzt – in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Ihr geschlossener Grundriss und ihre einstige Bestimmung sind jedoch vielfach noch gut erkennbar, insbesondere, wenn nicht nur das Stationsgebäude selbst erhalten ist, sondern auch die Hofanlage dahinter. Oft finden sich diese Denkmäler inzwischen innerhalb der Ortschaften, die sie einst miteinander verbanden. Im Laufe der Jahrezehnte erweitert, erreichte die städtische Besiedlung schließlich die vormals einzeln gelegenen Poststationen, die ins Stadtbild eingegliedert wurden.

Puppentheater in Russland und Weißrussland

Die frühesten Zeugnisse über das Puppentheater in Russland stammen von dem deutschen Gelehrten Adam Olearius (1599–1671). Als Mitglied einer über Russland nach Persien reisenden Gesandtschaft weilte er zwischen März und Dezember 1636 in Russland, wo er die skomorochi erlebte, die Spielmänner und fahrenden Komödianten:

Es pflegen auch solche abscheuliche Dinge die Bierfidler auf öffentlicher Strasse zu singen / etliche dem jungen Volcke und Kindern in einem Kunzgen- oder Poppenspiel umbs Geld zu zeigen. Dan ihre Bärendäntzer haben auch solche Comedianten bey sich / die unter andern alsbald einen Possen […] mit Poppen agiren können; Binden umb den Leib eine Decke / und staffeln sie über sich / machen also ein theatrum portatile oder Schauplatz / mit welchen sie durch die Gassen umbher lauffen / und darauf die Poppen spielen lassen können (Olearius, Adamus: Des Welt-berühmten Adami Olearii colligirte und viel vermehrte Reise-Beschreibungen Bestehend in der nach Mußkau und Persien. Hamburg 1696. 3. Buch, S. 98.). Wie in anderen Regionen Westeuropas ist das Puppenspiel auch in Russland zunächst auf traditionelle Bräuche und heidnische Lebensvorstellungen zurückführbar und nahm erst später – ebenfalls nach ausländischem Vorbild – satirischen Charakter an. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert erfreute sich die Figur des Petruschka besonderer Popularität. Er überwindet nicht nur die weltliche und geistliche Obrigkeit, sondern erweist sich sich auch in Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Teufel als der Stärkere.

Die Untermalung der zumeist von 1–2 Personen gespielten Szenen besorgten zunächst Gusli- und Pfeifenspieler. Ab Ende des 19. Jahrhunderts begleiten immer häufiger Drehorgeln die Vorstellungen. Die „Bühne“ gaben Schürzen ab, die am Gürtel der Puppenspieler befestigt und nach oben über die Köpfe gezogen wurden, später wurden einfache, ein- bis dreiteilige Wandschirme verwendet, oder man warf ein größeres Stück Stoff über eine zwischen zwei Stangen gespannte Schnur. Die Puppenspieler benutzten Handpuppen mit großen, aus Holz geschnitzten oder aus Lappen und Karton geformten und auf den Zeigefinger gesteckten Köpfen. Der allegorische Charakter der Handlung bewirkte eine stark verallgemeinerte Darstellung der Charaktere ohne detailliertere Ausgestaltung.

In Weißrussland verbreitete sich bereits an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert das mystisch-religiöse Theater (Batlejka), in dem zunächst Szenen aus den Evangelien dargestellt wurden. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts fanden auch Sujets aus dem täglichen Leben der Menschen Einzug in die Vorstellungen. Die Charaktere wurden vielfältiger: Neben den „Moskowiter“ traten Zigeuner, polnische Pani (Herren), Schankwirte, der Bauer Mosej und andere Personen.

Die Figur des Petruschka verlor seit Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich an Kontur, als die Rückständigkeit der traditionellen Komödie mit dem Erwachen eines bürgerlichen Gesellschaftsbewusstseins immer offenkundiger wurde. Die fahrenden Puppenspieler gerieten unter Verfolgung, und auch die Versuche satirischer Schriftsteller wie W. S. Kurotschkin (1831–1875), das Puppentheater durch die Erweiterung des Repertoires zu erneuern, waren wegen der allgegenwärtigen zaristischen Zensur nicht von Erfolg gekrönt. Gleichzeitig versuchten Anhänger wie Gegner der Autokratie, die Volksnähe des Puppentheaters für sich zu nutzen.

Bis zur Oktoberrevolution hatten solche Bemühungen nur geringen Erfolg. Nach 1918 gewann jedoch das Puppentheater als Theater für Kinder wie als Bühne für politische Agitation erneut an Bedeutung. Zur Aufführung kamen sowohl Klassiker (z.B. Das Märchen vom Zaren Saltan und die Fabeln I. A. Krylovs, 1769–1844) als auch allegorische Sujets wie David und Goliath (David i Goliaf) oder Der Krieg der Kartenkönige (Wojna kartotschnych korolej). Das sog. Agit-Theater verbreitete sich besonders stark in den Jahren des Bürgerkriegs; aufgeführt wurden Werke von W. W. Majakowski (1893–1930), Demjan Bednyj (1883–1945) und anderen zeitgenössischen Dichtern und Schriftstellern.

Als folgenreich für die Geschichte des sowjetischen Puppentheaters erwies sich das Mitte der 1920-er Jahre gegründete Leningrader Puppentheater (Leningradski teatr kukol), an dem professionelle Dramaturgen, Komponisten, Maler und Bildhauer beschäftigt waren und bald auch professionelle Puppenspieler ausgebildet wurden. Diesem Beispiel folgend, wurden auch in anderen Städten der Sowjetunion Puppen- und Marionettentheater wiederbelebt oder ins Leben gerufen. Das Zentrale Puppentheater (Cetral’nyj teatr kukol; 1930) erweiterte und systematisierte die darstellerischen Möglichkeiten dieser speziellen Form der szenischen Darstellung. Auch hier wurden Klassiker der Weltliteratur neben Werken sowjetischer Schriftsteller auf die Bühne gebracht.

Während des 2. Weltkriegs wurde die Tradition des Agit-Theaters wiederbelebt. In den 1950-er und 1960-er Jahren erfuhr das Figurentheater immer stärkere Verbreitung; die Zahl der Theater wuchs, man organisierte nationale und internationale Wettbewerbe. In ganz Osteuropa wurden feste staatliche Bühnen eingerichtet, die damit verknüpften Berufe wurden in umfangreichen Ausbildungen vermittelt. Bis heute existieren viele dieser Häuser auch in Weißrussland. Weiterhin staatlich organisiert und finanziert, haben sie zwar mit baufälligen Gebäuden und wachsenden Betriebskosten zu kämpfen, sind jedoch zugleich fester Bestandteil der weißrussischen Kulturlandschaft. Das Repertoire richtet sich nicht nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene und umfasst wie bisher die Klassiker der Weltliteratur, der russischen und sowjetischen Literaturgeschichte sowie neue, speziell für die Puppenbühnen geschriebene Stücke.

Die Mariä-Verkündigungs-Kirche in Adamowitschi

Die Mariä-Verkündigungskirche in Adamowitschi (1854), einem nur wenige Kilometer von der Grenze zu Polen entfernten Dörfchen, ist schon von weitem zu sehen und leicht zu finden. Es ist Samstag Mittag. Im blauen Himmel singt eine Lerche, irgendwo im Dorf kräht ein Hahn, die Bäume hinter der Kirche veranstalten Schattenspiele auf dem idyllischen Friedhof.

An der Straße zwischen Friedhof und Kirche tuckert auf seinem Traktor ein Bauer vorbei. Er empfiehlt, die im ehemaligem Bauernhäuschen neben der Kirche lebenden Nonnen zu bitten, die Kirche aufzuschließen. Das Haus liegt inmitten eines liebevoll gestalteten „Kloster“-Gartens, aus dessen Zentrum eine buntbemalte Marienfigur aus Gips die Gegend segnet.

Hinter dem Haus sitzt eine kleine Festgesellschaft beisammen – es ist Hochzeit. So nennt man es hier offenbar wirklich, wenn eine Novizin die ewigen Gelübde ablegt und so Braut Christi wird. Einen Kranz aus weißen Rosen auf dem schwarzen Schleier, sitzt sie mit entrücktem Lächeln unter ihrer Verwandten.

Mit einem altertümlichen eisernen Schlüssel öffnet die Oberin, begleitet von einer weiteren Schwester, das Seitenportal der Kirche. Es ist ein viereckiger, spätklassizistischer Bau mit Spitzdach und quadratischem Glockenturm. Über dem Hauptportal finder sich eine Statue der heiligen Thekla, die im ersten nachchristlichen Jahrundert lebte und der die Kirche nach ihrer Vollendung im Jahr 1854 zunächst geweiht wurde.

Der Innenraum ist ebenfalls im Stil des Spätklassizismus gestaltet. Die Wände sind weiß verputzt, Pilaster und verzierte Fensterbögen gliedern sie. Allerheiligstes und Chor sind durch eine Zwischenwand vom Kirchenschiff abgetrennt. Die beiden Ordensfrauen haben sich in einer der hölzernen Kirchenbänke niedergelassen und schauen schweigend zum Hauptaltar und zu den rechts und links vor dem Chor stehenden beiden Seitenaltären.

Es ist ein Glücksfall, wenn es gelingt, Zugang zu einer der vielen Dorfkirchen zu erhalten. In aller Regel sind sie verschlossen. Allzuviel ist zerstört und gestohlen worden, als die Kirchentüren tagsüber für die Gläubigen noch geöffnet waren. Weil die Kirchlein von der Pfarrei im nächsten größeren Ort betreut werden, hilft oft nur die Nachfrage nach einem Diakon in der Nachbarschaft. Für die einzige Sonntagsmesse kommt ein Priester aus der Stadt; danach wird die Kirchentür wieder verriegelt.

Eine Gruft für die geliebte Gattin

Das Dorf Idolta liegt im Kreis Mjora. Unweit von Idolta liegt das Dorf Milaschowo. Die beiden Dörfer sind durch eine Holzbrücke verbunden, die sich an der schmalsten Stelle des Idolta-Sees von Ufer zu Ufer spannt.

Erstmals erwähnt wird Idolta bereits im 16. Jahrhundert. 1600 gelangte es in den Besitz des Adelsgeschlechts Sapiega, deren Nachkomme ihn 1824 an Jozef Milosz veräußerte. Dessen Sohn Eugeniusz (Jewgeni; 1813-1885) ) erbte den Ort und das umliegende Land. Nachdem seine Frau Emilia (geb. Targoński) 1857 früh verstorben war, ließ Jewgeni Milosz 1862 für sie die Grabkapelle bauen, die auch heute noch, umgeben von mittlerweile hundertjährigen Linden, über dem Idolta-See und den Dörfern Idolta und Milaszowo thront. Auch Jewgeni selbst ist hier begraben, ebenso seine Kinder.

In sowjetischer Zeit entweihte man das Gotteshaus. In seinen weißgetünchten Mauern wurde Dünger gelagert, die Gruft wurde geplündert, und die lokalen Halbstarken spielten mit aus den Gräbern geraubten Schädeln Fußball. Vom neben der Kapelle angelegten Friedhof kündet lediglich ein einziges erhaltenes Grabmal mit Lebens- und Sterbedatum von Konrad Milosz (1849-1852), einem der Söhne von Jewgeni und Emilia Milosz.

1990 wurde die Kapelle der katholischen Kirche zurückgegeben, und der damalige Priester baute sie zusammen mit den Gläubigen wieder auf. Ursprünglich der unbefleckten Empfängnis Mariens geweiht, dient die Kirche heute als Filialkirche der umliegenden, größeren römisch-katholischen Pfarreien und ist Johannes dem Täufer geweiht. An kirchlichen Feiertagen finden regelmäßig Gottesdienste statt.

Erinnerungen über Jewgeni Milosz sind erhalten geblieben. Sie stammen von dem Adligen Zygmunt Guz, dem das Landgut Konstantijanova Druja gehörte: „Milosz war bescheiden und fleißig. Bei den Menschen am Ort hinterließ er die besten Erinnerungen. Er schätzte seine Bauern und hatte niemals Streit mit ihnen. Wegen ihres umsichtigen Wirtschaftens waren die Bauern der Miloszovsker Volost wohlhabender als andere. Enkel jener Bauern absolvierten nicht nur die Mittelschule, sondern besuchten auch Hochschulen. Unter ihnen waren Priester, Ärzte und Offiziere. Viele von ihnen starben in den Weltkriegen in Solowki oder in Katyn während Stalins Repressionen.“

Die kleine Kirche in Malki: letztes Relikt eines Adelsgeschlechts

Die kleine hölzerne Kirche liegt etwas abseits des Weilers Malki. Es ist ein warmer Sommertag, die Lerchen haben sich so hoch in den Himmel aufgeschwungen, dass sie nicht mehr zu sehen sind. Ihr Gesang aber erfüllt die ganze Gegend. Nebenan auf dem Feld zieht ein Traktor seine Bahnen.

Die Kapelle wurde 1792 von Jan Szauman unweit seines Landgutes erbaut. Alte Fotografien belegen, dass die Kirche einst ein Reetdach hatte; heute schützt ein Gipsbeton-Dach das Innere vor den Einflüssen des Wetters. In den 1930-er Jahren wurde die Kirche augenscheinlich zum Portal hin verlängert. Die auf dem Kirchhof erhaltenen Grabsteine dokumentieren eine jahrhundertelange Geschichte dieses Geschlechts. Im „Register der Wolosti und ländlichen Gesellschaften des Gouvernement Vilnius des Jahres 1873“ ist ein Andrzej Szauman urkundlich belegt.

Ein Kleinbus hält vor der Kapelle. Sein Fahrer stellt sich als Nachkomme des Geschlechts der Szaumans vor. Er lebt schon lange in der Hauptstadt Minsk, kommt aber im Urlaub regelmäßig in sein Heimatdorf. „Was hat Lukaschenko bloß aus unserem Land gemacht?“, sagt er und deutet auf die Felder ringsum. „Glauben Sie etwa, dieser Traktor düngt die Felder, weil es nötig ist? Nein – er düngt sie, weil eben gerade Dünger geliefert worden ist, und er wird hier so lange auf und ab fahren, bis sein Tank leer ist. Und dann holt er Nachschub und düngt auch die Flächen, die brachliegen und nicht zur Kolchose gehören. Und wenn danach immer noch Dünger übrig ist, versprüht er ihn auf den Feldrainen und Straßenrändern.“ Das Getreide verdorre auf den Feldern, weil Misswirtschaft und mangelnde Organisation die rechtzeitige Ernte verhindern, und im Herbst werde dann alles wieder untergepflügt – und neue Gerste eingesät.

„Schauen Sie auf diese Grabsteine! Jahrhunderte polnisch-litausich-russischer Geschichte! Und diese armselige Kirche ist alles, was die verdammten Kommunisten übriggelassen haben.“ Er deutet auf eine bewaldete Anhöhe ganz in der Nähe. „Dort hat das Landgut meiner Familie gestanden! Ein wunderschönes, großzügiges Gebäude mit Ballsaal und Bibliothek. Dann kamen die Sowjets, vertrieben meine Vorfahren, vernichteten alles und bauten später aus Betonfertigteilen eine Schule dorthin. Es ist eine Schande.“

Tatsächlich finden sich auf dem Hügel im Wäldchen die Ruinen eines neuzeitlichen Baus. Sein Grundriss ist noch erkennbar: Tatsächlich war dies früher eine Schule. Vom einstigen Herrenhaus des Szauman-Geschlechts ist indessen nichts erhalten.

Die Erzengel-Michael-Kathedrale in Sluzk

Die Erzengel-Michael-Kathedrale wird erstmals in einer Urkunde des Fürsten Alexander Wladimirowitsch von 1392 erwähnt. Es handelt sich dabei um die älteste Erwähnung geistlicher Heiligtümer der etwa 100 Kilometer südlich von Minsk gelegenen Stadt Sluzk.

Damals befand sich die Kirche im heutigen historischen Stadtzentrum. Auf dem zugehörigen Friedhof neben der Kirche stand ein weiteres, kleineres Gotteshaus, das dem Erzengel Gabriel geweiht war und das in der kalten Jahreszeit als Gemeindekirche genutzt wurde, da die Hauptkirche nicht beheizt war.

Die Erzengel-Michael-Kirche ist die einzige in Sluzk erhaltene Kirche, die der Sluzker Polesje-Holzarchitektur des 18. Jahrhunderts zugeschrieben werden kann und die in ganz Weißrussland einzigartig ist. Im Innern gliedert sie sich in drei Räume, die von einer niedrigen Galerie eingefasst sind. Außen verfügt jeder Raum über seinen eigenen Turm bzw. Dachreiter.

In den 1990-er Jahren wurde die Kirche zu einem Zentrum des auch in Sluzk wieder auflebenden russisch-orthodoxen Glaubens. Seitdem sind historische Kirche und neue Gebäude (u.a. eine Taufkapelle, eine Sonntagsschule und eine Bibliothek) zu einem zusammenhängenden architektonischen Ensemble vereinigt.

Die Große Synagoge in Grodno

In Grodno steht an der Bolshaja-Troizkaja-Straße 29a die eindrucksvolle Große Synagoge von Grodno, sichtbares Zeugnis einer siebenhundertjährigen Tradition jüdischen Lebens in dieser Stadt.


Das Gebäude der heutigen Synagoge, erbaut im neorussischen Stil, datiert vom Anfang des 20. Jahrhunderts und steht am Platz einer sehr viel älteren, hölzernen Synagoge aus dem 16. Jahrhundert, die 1902 abgebrannt war. Während der Besatzungszeit durch das nationalsozialistische Deutschland entging Grodno aufgrund seiner grenznahen Lage als eine der wenigen weißrussischen Städte der Vernichtung. Auch die Synagoge blieb erstaunlicherweise erhalten, wurde jedoch ausgeraubt und erlitt tiefgreifende Schäden durch Geschützeinschläge. Nach dem Krieg wurde sie nicht restauriert, sondern als Lager eines Geflügelzuchtkombinats und der Apothekenverwaltung verwendet; später befanden sich hier Werkstätten für industrielles Kunsthandwerk. 1991 wurde das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde Grodno zurückgegeben.

Die Fotos auf dieser Seite zeigen den Zustand der Synagoge während der Restaurierungsarbeiten. Die Fassade war bereits gesichert, das Dach neu eingedeckt und der Hauptgebetsraum größtenteils wiederhergestellt.


Man nimmt an, dass Juden in Grodno bereits im 12. Jahrhundert lebten; sichere Zeugnisse liegen seit dem 14. Jahrhundert vor. Im 17. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde Grodnos neben denen in Brest und Pinsk eine der drei bedeutendsten Litauens, und zu Beginn des 18. Jahrhunderts machten die jüdischen Bewohner den größten Teil der Stadtbevölkerung aus. Ihre Hauptbetätigungsfelder waren Handel, Handwerk und Industrie.

Im Laufe der Jahrhunderte hatten die Juden in Grodno immer wieder unter Diskriminierungen zu leiden, die vielfach in Pogromen gipfelten. Bereits 1495 wurden alle Juden des Fürstentums Litauen von ihren Wohnsitzen vertrieben und ihr Eigentum beschlagnahmt. Auch im 20. Jahrhundert litten die Grodnoer Juden unter solchen Maßnahmen, und zwar nicht erst während der deutschen Besatzungszeit. So vertrieben im April 1915 Kosakeneinheiten der russischen Armee die gesamte jüdische Bevölkerung aus der Stadt.

In der kurzen Zugehörigkeit Grodnos zu Polen (1920-1939) stieg der Anteil der jüdischen Einwohner wieder auf über 50 Prozent der Gesamtbevölkerung an, sie waren jedoch weiterhin fortgesetzten Benachteiligungen ausgesetzt. Als Grodno im Jahre 1939 von sowjetischen Truppen eingenommen wurde, kam es in dem kurzen Zeitabschnitt zwischen dem Abzug der polnischen Verbände und der Einnahme der Stadt durch die sowjetische Armee zu einem weiteren großen Pogrom. Im Folgejahr 1940 wurde die Synagoge geschlossen.

Am 23. Juni 1941 schließlich nahmen nationalsozialistische Verbände die Stadt ein. Die jüdische Bevölkerung (ca. 25.000 Menschen) wurde enteignet und in zwei Ghettos interniert. Ihnen stand ein „Judenrat“ vor, der nicht nur das Leben im Ghetto zu organisieren hatte, sondern auch gezwungen wurde, die Listen der in die Vernichtungslager zu deportierenden Menschen zu führen. Innerhalb der Ghettos kam es wiederholt zu willkürlichen Erschießungsaktionen, so z.B. im Juli 1941, als die sogenannte „Einsatzgruppe B“ etwa 100 jüdische Intellektuelle ermordete. Auch in der Folgezeit rächte sich die deutsche Besatzungsmacht mit solchen Aktionen für Sabotageakte einer Untergrundorganisation, die sich in den Ghettos gebildet hatte.

Im November und Dezember 1942 wurde das Ghetto Nr. 2 aufgelöst, im Januar und Februar darauf das Ghetto Nr. 1. Die Juden wurden in ein Verteilungslager nahe Grodno getrieben, in dem bereits viele Menschen starben. Die Überlebenden kamen später in den deutschen Konzentrationslagern in Polen um.

Wenige Überlebende kehrten nach dem Krieg in die Stadt zurück, aber die Gemeinde erholt sich bis heute nur langsam von ihrer fast vollständigen Vernichtung. Sie umfasst gegenwärtig nur einen Bruchteil ihrer früheren Größe. Die verbliebenen Gemeindemitglieder verhinderten den vollständigen Verfall ihrer Synagoge durch großes privates praktisches wie finanzielles Engagement. Gleichwohl reichte dieser Einsatz nicht aus, um das Gotteshaus für kommende Generationen zu erhalten. Seit dem Sommer 2008 wurde in Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 880-jährigen Stadtjubiläum Grodnos die Fassade restauriert. Der Innenraum, ebenfalls aufwendig wiederhergestellt, ist der einzige vollständig erhaltene jüdische Gebetsraum des Landes und beeindruckt mit seiner mit neogotischen Elementen angereicherte Monumentalität.

Ein Brand im Jahr 2013 zerstörte einen Raum im Obergeschoss.

Schitomlja

Das Dorf mit weniger als tausend Einwohnern liegt etwa 15 Kilometer von Grodno entfernt. Folgt man der Fernstraße M6 (E28) südöstlich in Richtung Minsk (oder nimmt die nördlich parallel verlaufende, malerische Landstraße), so gelangt man nach kurzer Fahrt zu dem kleinen Ort. Die Mariä-Verkündigungs-Kirche ist schon von weitem zu erkennen; ihr kleiner Turm ist in der flachen Wiesenlandschaft gut sichtbar. Das hölzerne, russisch-orthodoxe Gotteshaus stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Es ist in leuchtend blauer Farbe gestrichen; durch ein eisernes Tor gelangt man auf den Kirchhof.

Im Jahr 1864 änderte sich das Erscheinungsbild der Kirche: das Kirchenschiff erhielt ein Satteldach, der Glockenturm wurde mit einem Zeltdach in Form einer mehreckigen Pyramide versehen. Der Haupteingang im Turm ist in Form einer einfachen Außentreppe unter einem kleinen Vordach ausgeführt.

Sehenswert sind die filigranen, holzgeschnitzten Fensterrahmen, und bei einem Gang rund um die Kirche wird beim Studieren der Inschriften auf den Grabsteinen Geschichte lebendig. Im Innern, das, wie im Falle vieler Dorfkirchen, nur zu den Gottesdienstzeiten zugänglich ist, beeindruckt besonders der geschnitzte Ikonostas.

Das Eisenbahnmuseum in Brest

Wenige hundert Meter vor der Festung von Brest, die heute ein Denkmal an die Opfer des 2. Weltkriegs ist, liegt ein kleines Eisenbahnmuseum. Es steht in keinem Reiseführer und mag dem westlichen Besucher als unverhofftes Kleinod erscheinen, als eine Möglichkeit, in die vermeintlich gute alte Zeit zurückzureisen.

Dieser Eindruck ändert sich, wenn man nach dem Betreten der Freifläche die kleine Tafel studiert, die vor den auf mehreren Gleisen nebeneinander abgestellten eisernen Dampf-, Elektro- und Diesellokomotiven installiert wurde. Auf dieser Tafel steht ein Gedicht des Dampflokomotivführers N. W. Gribtschuk.

Ins Deutsche übertragen, lautet es etwa so:

 

Es stehen am Prellbock voll Würde
Die Freunde auf schwierigem Weg.
Wir trugen gemeinsam die Bürde
Von Aufruhr und Siegen und Ehr.

Nicht weht mehr die tiefrote Fahne,
Die Heroik der Tage – so fern
Erloschen im Kessel die Flamme
Und das Licht vorn im grellroten Stern.

 

Ach, seid nicht betrübt, meine Freunde:
Nie stoppen die Läufe der Zeit.
Und tadelt uns in euren Träumen
Der Muße nicht, die euch ereilt.

Ihr Teuren, zu euch wolln wir eilen,
Sobald neues Unglück uns naht.
Bedenkt nur, ihr Rösser aus Eisen
Wie oft unsre Rettung ihr wart.

Von Schüssen wie Hagel getroffen.
Doch so viele Leben bewahrt!
Ihr habt durch die Hölle gezogen
Granaten und Brot jede Fahrt.

Die Feuerung klagt nicht. Ist müde.
Kein Dampf in den Kesseln mehr geht.
Ihr steht nun voll Stolz und voll Würde:
Wr haben gemeinsam gelebt.

Und voll Schwermut, voll schmerzhaftem Sehnen
Hab ich den Weg hierher wieder gemacht,
Wo alle sie stillgelegt stehen
Gleichsam auf ewiger Wacht.