Alle Zeitungen sind Mist

An den Kiosken von Belposchta und Belsojuzdruk werden ausschließlich Zeitungen und Zeitschriften verkauft, die entweder regierungstreue Berichterstattung liefern oder sich aus politischen Fragen weitgehend heraushalten. Dazu gehört die auflagenstärkste Belarus Segodnja (früher Sowjetskaja Belarussija), gegründet 1927, in russischer Sprache erscheinend und von der Präsidialverwaltung herausgegeben. Respublika wird vom Ministerrat verlegt, desgleichen Swjazda, als deren Mitherausgeber auch das Parlament fungiert. Respublika erscheint zweisprachig, Swjazda sogar ausschließlich auf Weißrussisch, sie verwendet dabei jedoch ein umstrittenes orthografisch-grammatisches System.

Argumenty i Fakty und Komsomolskaja Prawda sind weißrussische Ableger der bekannten russischen Zeitungen. Gesellschaftlich oder politisch “anrüchige” Themen werden hier kaum berührt.

Als unabhängig können die Organe BelGazeta und Belarusy i Rynok angesehen werden. Sie nehmen eine differenzierte Perspektive auf Politik und Gesellschaft ein und zeichnen sich durch eine distanzierte, zuweilen ironische Haltung gegenüber dem Präsidenten und der Regierung aus.

Narodnaja Wolja und Nascha Niwa (letztere ist mit ihrem Gründungsjahr 1906 die älteste weißrussische Zeitung) können an Kiosken und in Buchhandlungen nicht erworben werden. Unter fadenscheinigen Begründungen wurden sie bereits vor Jahren aus dem staatlichen Vertriebssystem ausgeschlossen. Ihre Verbreitung geschieht unter der Hand.

Repräsentanten ausländischer Investoren, denen über die Belegschaften der von ihrem Konzern gegründeten weißrussischen Dependancen gelegentlich Ausgaben von Narodnaja Wolja und Nascha Niwa angeboten wurden, berichten, dass sie von offizieller Seite – etwa von Vertretern der weißrussischen Handelskammer oder Verwaltungsbeamten der Freihandelszonen – auf ihre Lektüre angesprochen werden, verbunden mit dem Rat, die Zeitung nicht offen im Büro oder im Dienstwagen liegenzulassen, um keine Nachteile für sich selbst und ihr Unternehmen zu riskieren.

Die spontan per Graffito geäußerte Ansicht, dass alle Zeitungen Mist seien, ist vor allem auf das von staatlicher Seite selektierte Angebot zu beziehen. Nimmt man jedoch das Wort alle wörtlich, so mag dies auch darauf zurückzuführen sein, dass selbst unter regierungskritischen Bevölkerungsteilen eine teilweise skeptische Haltung gegenüber der politischen Opposition herrscht. Und schließlich kann man die Aufschrift als Zeichen eines generellen Überdrusses an der in Weißrussland herrschenden politisch-gesellschaftlichen Situation verstehen.

Bialystok – letzte große Stadt vor der Grenze zu Weißrussland

In den nordwestlichen Teil Weißrusslands gelangt man über den Grenzort Kuznice in Polen, das etwa 50 Kilometer von Bialystok entfernt liegt. Bialystok ist seit der Eröffnung der Warschau-Petersburger Eisenbahn (1862) bedeutender Verkehrsknotenpunkt, und auch heute noch steigen Reisende in Richtung Weißrussland am Bahnhof im Stadtzentrum um.

Passagiere nach Grodno legen die letzten Kilometer mit einem Triebwagen zurück, der den kleinen Grenzverkehr der weißrussischen Privatschmuggler ermöglichte, ehe Polen dem Schengener Abkommen beitrat und EU-Visa für weißrussische Staatsbürger seither zurückhaltender ausstellt.

Auch mit dem PKW gelangt man in den nördlichen Landesteil Weißrusslands über den Grenzübergang Kuznica / Brusgi. An der langen Warteschlange wartender LKW geht es direkt zum EU-Schalter der Passabfertigung. Kurz darauf notiert ein weißrussischer Grenzbeamter das Nummernschild des Autos, erkundigt sich nach der Anzahl der Mitreisenden, gibt die Migrationskarten aus (das Ausfüllen ist eine lästige, aber notwendige Formalität), wirft einen Blick in den Kofferraum und stellt einen Passierschein aus, der später beim Verlassen der Grenzstation wieder abgegeben wird.

Danach geht es zur benachbarten „Transport-Inspektion“, wo das Auto, mit dem man einreist, registriert wird. Wenn die Zollbeamten nichts gegen den Inhalt des Kofferraums einzuwenden haben, fährt man etwa einen halben Kilometer weit bis zum Ende der Grenzstation. Dort prüft der Beamte, ob alle Stempel im Passierschein sind, öffnet den Schlagbaum, und man ist in Weißrussland. Bis Grodno, der ersten Großstadt auf weißrussischem Territorium, sind es noch 20 Kilometer.

Eine Baustelle

In Grodno sorgen unweit vom Lenin-Denkmal Bauarbeiter dafür, dass der Boden unter seinen Füßen wieder ansprechend aussieht.

Die Andrzej-Bobola-Kirche in Koslowitschi

Im sommerlichen Himmel singen die Lerchen, das hoch aufgewachsene Wiesengras wiegt sich sacht im Wind, zwischen den Baumkronen schauen zwei niedrige hölzerne Kirchtürme hervor – das ist die Andrzej-Bobola-Kirche in Koslowitschi, ein anmutiges kleines Gebäude, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut und 1859 renoviert wurde.

Ursprünglich als russisch-orthodoxe Mariä-Entschlafungs-Kirche geweiht, wurde das Gotteshaus 1920 katholisch; Kirchenpatron ist seither der heilige Andrzej Bobola (1591 – 1657), der als Pfarrer, Prediger, Klostervorsteher und Missionar im heutigen Weißrussland und der Ukraine wirkte.

Dem annähernd quadratischen Kirchenschiff vorgelagert ist der Eingang unter den beiden kleinen Türmen; an der Rückseite schließt sich die Sakristei an. Schlichte, weiß gerahmte Rundbogen-Fenster erhellen das Innere.

Auf dem von Hecken und einem niedrigen Holzzaun eingerahmten Kirchhof finden sich ein großes Holzkreuz und einige Gräber und Gedenksteine.

Osada Dedino – ist Großvaters Landgut dem Untergang geweiht?

Unweit des Dorfes Dedino (Kreis Mijory, Gebiet Witebsk) steht das Landgut der alteingesessenen Adelsfamilie Rudnitzki. „Osada Dedino“ bedeutet so viel wie „Großväterliche Besitzung“, „Großväterliches Erbe“. Erstmals belegt ist der Ort in Quellen, die ins 16. Jahrhundert datieren, die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1517. Wenige Jahrzehnte später, 1550, wird das Dorf bereits als Siedlung mit einer Kirche geführt.

Ende des 17. Jahrhunderts gelangte das Dorf in den Besitz der Familie Rodominow (Rudominow) – eines uralten Geschlechts im Großfürstentum Litauen, das Kaufleute, Diplomaten, Offiziere und Literaten hervorgebracht hatte. 1768 verkauft die Familie das Dorf und die Ländereien an Jan Rudnitzkij, der im Großfürstentum Litauen den Rang eines Rittmeisters bekleidete. Damit wurde der Ort zum Stammsitz der Rudnitzkis.

1810 veranlasste Alexander Rudnitzkij, der Son Jan Rudnitzkis, den Neubau eines Gutshauses nach Plänen des polnisch-litauischen Architekten Witkowski, von dem Namen und Lebens- und Sterbedaten nicht überliefert sind. 1820 wurde der Bau des Herrenhauses vollendet. Vor dem Gebäude wurde ein Landschaftspark angelegt, dessen Anlage heute noch erkennbar ist.

Beim Gebäude handelt es sich um einen rechteckigen Bau mit Walmdach. Den Zugang überdacht ein von vier Säulen getragener Portikus. Karnise und Risalite gliedern Vorder- und Seitenfassaden. Im Innern führt vom Vestibül eine Treppe ins Obergeschoss. Die Aufteilung der Räumlichkeiten war im Erdgeschoss annähernd quadratisch bzw. rechteckig; im Obergeschoss gab es einen Saal und weitere, großzügig angelegte repräsentative Räumlichkeiten. Im Untergeschoss befanden sich die Wirtschaftsräume.

Das Landgut blieb über Generationen im Besitz der Familie Rudnitzki, bis Siegmund Rudnitzki, bekannt und berüchtigt für seinen aufwendigen, verschwenderischen Lebensstil, gezwungen war, es in den 1930er Jahren an die Familie Wischnewetzki überschreiben zu lassen, um seine Schulden bei ihnen zu begleichen. Neun Jahre später jedoch gelang es Siegmunds Schwägerin Aljona Jablonskaja, den Besitz zurückzukaufen; sie überschrieb ihn jedoch nicht Siegmund, sondern der Universität Winniza (in der heutigen Ukraine gelegen).

Mit Beginn des 2. Weltkriegs kehrte Siegmund Rudnitzki nach Dedino zurück. Als das Gebiet von den deutschen Truppen besetzt wurde, ernannten sie Siegmund zum Dorfältesten. Gegenüber der Dorfbevölkerung verhielt dieser sich jedoch immer gutherzig und erfüllte die Befehle der deutschen Besatzer nicht, wofür er schließlich ermordet wurde, nachdem er zuvor sein eigenes Grab hatte ausheben müssen. Wo sich dies befindet, ist unbekannt; aber gegenüber vom Gutshaus war einst seine Mutter, Maria Rudnitzki, beerdigt. Das Grab wurde von Grabräubern geplündert, aber der Grabstein ist erhalten und befindet sich noch auf dem Gelände.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gutshaus unterschiedlich genutzt, u.a. als Verwaltungsgebäude der Kolchose „Der Weg Lenins“. Seit den 1970-er Jahren verfällt es zusehends. Der Versuch, es an einen Investor zu verkaufen, schlug fehl. Da weder die Gemeinde noch der Landkreis oder die Gebietsverwaltung über die Mittel zur Restaurierung und Unterhaltung des Denkmals verfügen, scheint es dem Untergang geweiht zu sein.

Die Peter-Pauls-Kapelle in Russota

Ursprünglich als Grablege für die Grundbesitzerfamilie Pruschinski im 19. Jahrhundert errichtet, findet heute in der kleinen katholischen Kapelle jeden Sonntag um drei Uhr der Gottesdienst für die Dörfer Russota, Kamennaja Russota, Malyschtschina und Tscheschtschewljany statt.

Die kleine Holzkirche bildet den Mittelpunkt des sie umgebenden alten Friedhofs. Generationen polnischer und weißrussischer Bewohner der Umgebung haben hier ihre letzte Ruhe gefunden; ihre Gräber werden von alten Bäumen beschattet. Von der Rückwand der Apsis aus schweift der Blick über Felder und Wiesen weit ins Land in Richtung Litauen, das gerade zwanzig Kilometer entfernt liegt.

Vor einigen Jahren erhielt die Kapelle einen neuen, gelbgrünen Anstrich, und die Bäume auf dem Friedhof wurden gefällt. Seitdem ist die Kapelle eine weithin sichtbare Landmarke; wenn auch das, ursprünglich links neben der Eingangstür unter einem eisernen Schutz-Dächlein angebrachte Plakat, das in polnischer Sprache verkündete: „Radio Maria – die Stimme des Katholizismus in deinem Haus“, den Renovierungsarbeiten ebenfalls zum Opfer gefallen ist.

Die Franz-Xaver-Kirche in Grodno

Ohne Zweifel ist die Franz-Xaver-Kirche, in der nordöstlichen Ecke des Sowjetskaja-Platzes gelegen, Grodnos auffälligstes historisches Architekturdenkmal. Die erste Messe wurde in der noch nicht fertiggestellten Kirche im Jahre 1700 gefeiert; die Konsekration fand fünf Jahre später im Beisein des polnischen Königs August II. und des russischen Zaren Peter I. statt. Peter war gerade auf dem Rückzug vor den Schweden unter Karl XII., mit dem er im Großen Nordischen Krieg um die Vorherrschaft im Ostseeraum kämpfte, und wurde von August II. zu den Feierlichkeiten eingeladen.

Die dreischiffige Basilika mit zentraler Kuppel und ihrer Fassade aus dem Jahr 1752 ist eines der herausragendsten Barockbauwerke ganz Weißrusslands. In einer ihrer Seitenkapellen wird eine wundertätige Ikone verehrt, die als Kopie eines älteren Werkes bereits im Jahre 1664 aus der Stadt Rom nach Grodno gebracht wurde. Die Ikone ist nicht nur die Schutzpatronin der Stadt, sondern wird vor allem als Patronin der Studenten verehrt, was ihr während der Prüfungszeit der örtlichen Hoch- und Fachschulen besonderen Zulauf beschert.

Rechts und links vom Hauptportal befinden sich die nur scheinbar steinernen Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Während der Zeit der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944 ließen die Priester der Kirche diese Statuen in Trompe-l’œil-Technik so bemalt, dass sie vortäuschten, aus Stein gemeißelt zu sein. Wegen ihres vermeintlich großen Gewichts entgingen sie dem Schicksal, als Raubkunst nach Deutschland verfrachtet zu werden.

Oberhalb des Portals steht der Namenspatron der Kirche, der heilige Franz Xaver. Die im linken Turm angebrachte Uhr befand sich in früheren Zeiten im Grodnoer Rathaus. Nachdem es in den Kriegen des 18. Jahrhunderts zerstört worden war, wurde die Uhr in der Franz-Xaver-Kirche aufgestellt. Sie verfügt über drei Zifferblätter, die mit einem ausgeklügelten Mechanismus synchron gesteuert werden. Das Uhrwerk selbst kann als eines der ältesten sich noch in Betrieb befindenden ganz Europas angesehen werden. Forschungen in jüngster Zeit haben ergeben, dass es im 15. Jahrhundert angefertigt wurde. Die drei Gewichte, eines von 160 Kilogramm, die beiden anderen von jeweils 70 Kilogramm, werden auch heute noch vom Kustos alle zwei Tage von Hand über drei Stockwerke hinaufgezogen. Der Versuch, hierfür einen computergesteuerten Elektromotor zu installieren, bewährte sich wegen der Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen im Turm nicht.

Die Ausstattung der Basilika beeindruckt durch ihre zwölf Seitenaltäre, besonders aber durch den Hauptaltar, der 1736 vom aus der polnischen Stadt Reszel stammenden Bildhauer Jan Chrystian Schmidt (1701-1759) geschaffen wurde. Die dreistöckige monumentale Komposition ist durch jeweils zehn Säulen unterteilt und zeigt die Apostel, die Evangelisten, den heiligen Franz Xaver und Christus, den Erlöser. Den Abschluss bildet eine Gloriole in der Apsis, durch die das Tageslicht in den Altarraum strahlt.

1960 wurde die Kirche für Gottesdienste geschlossen, und der letzte Priester wurde gezwungen, sein Gotteshaus zu verlassen. Die Behörden planten, das Bauwerk in einen Lagerraum, einen Konzertsaal und ein Kulturhaus zu verwandeln, aber selbst in den dunkelsten Zeiten der Sowjet-Diktatur gaben die Gemeindemitglieder und die Bürger Grodnos die Kirche nicht auf, besuchten sie zum Gebet und verhinderten, dass sie ihrer Ausstattung und ihrer Kirchensätze beraubt wurde. Letztes Zeugnis dieses Missbrauchs historischer Werte ist das unmittelbar an die Basilika grenzende Gefängnis. Tatsächlich war die Kirche nämlich architektonischer Hauptbestandteil eines der größten Jesuitenklöster der Rzeczpospolita Polska; sein Territorium ist nun vom Grodnoer Gefängnis belegt, was von vielen Einwohnern der Stadt als städtebauliche Sünde empfunden wird. 1987 wurden die Gottesdienste wieder aufgenommen und finden seither täglich statt.

Das Massaker in Aksamity

Um das Dorf Aksamity (Kreis Kopyl) tobten im Jahr 1943 schwere Kämpfe. Partisaneneinheiten brachten die Truppen der Wehrmacht in immer größere Bedrängnis. Doch am 23. Februar 1943 fielen die Deutschen ins Dorf ein. Ihre Aufgabe war, Zivilisten zu töten, die mit den Partisanen in Verbindung standen. Wenige Stunden später wurden 16 Menschen, darunter sechs Kinder, in einem Haus zusammengetrieben und bei lebendigem Leibe verbrannt. An diesem Ort steht heute eine Scheune zur Trocknung von Getreide.

Swetlana Iwanowna war damals 8 Jahre alt. Ihr Großvater war Verbindungsmann zu den Partisanen, ihr Vater war Kriegskommissar. Als die Deutschen ins Dorf einmarschierten, schickte Swetlanas Mutter sie zu den Nachbarn und gab vor, sie gehöre nicht zur Familie. Swetlana sah durchs Fenster der Nachbarn, wie ihre Familie und Freunde zur Ermordung geführt wurden. „Darunter war ein zweijähriger Junge“, sagt Swetlana. „Wir haben jeden Tag zusammen gespielt. Darum schmerzt all das bis heute so sehr. So etwas vergisst man nicht. So etwas zu vergessen ist unmöglich.“

Im Nachbardorf wurde ein kleines Denkmal aufgestellt, das die Opfer würdigt. Die Inschrift auf dem Gedenkstein lautet: „Ewiges Gedenken den Bewohnern des Dorfes Aksamity, die am 23. Februar 1943 wegen ihrer Verbindungen zu den Partisanen lebendig verbrannt wurden.“ Und dank der Initiative zweier Schüler der örtlichen Mittelschule konnten 2012 die Namen der Ermordeten in den Archiven der Stadt Sluzk ausfindig gemacht werden. Auf dem Massengrab in Aksamity erinnert seitdem ein Grabstein an den Namen jedes einzelnen Toten.

Die Marienkirche in Saretschanka

Im Zentrum des Dorfes Sarteschanka liegt die schlichte, mit Elementen der Neogotik verzierte Marienkirche (1937). Der Besuch der Kirche bietet sich vor allem dann an, wenn Abstecher zu den übrigen, westlich des Neman (Memel) gelegenen Kirchen in der Umgebung von Grodno (u.a. Podlabenie) geplant sind. Man verlässt Grodno in westlicher Richtung, passiert die Brücke über das Flüsschen Losósna, folgt der Straße einen Hügel hinauf und trifft alsbald auf das Hinweisschild zum Ort. Die so bezeichnete Straße führt nach Norden direkt ins Dorf.

Die auf einem Fundament aus Bruchsteinmauerwerk ruhende Kirche ist einschiffig, mit einem zweistufigen Turm über dem Portal, der Turmhelm ist achteckig. An der Rückseite des Kirchenschiffs treten die Sakristei und die dreiseitige Apsis aus dem ansonsten rechteckigen Grundriss hervor. Die Seitenwände sind von neogotischen Fenstern durchbrochen. Im saalartigen Kirchenraum ist das Spitzdach abgeflacht und durch eine geometrische Bemalung verziert.

Die Christi-Verklärungskirche in Bolotschitzy

Bolotschitsy befindet sich zehn Kilometer südwestlich von Sluzk. Ein Gründungsdatum ist nicht überliefert, aber die Ortschaft existiert vermutlich schon seit dem 16. Jahrhundert, als im Zuge einer Agrarreform im Großfürstenturm Litauen der Ortsname mehrfach vergeben wurde.

Über eine breite Allee voller Schlaglöcher müht sich der Wagen die leichte Steigung hinauf, man muss beim Slalom aufpassen, nicht plötzlich einen entgegenkommenden Belarus-Traktor vor sich zu haben. Die ersten Holzhäuser tauchen auf, südlich voraus ist schon die Kuppel der alten Kirche zu sehen – Bolotschitzy liegt an der Flanke einer Anhöhe. Auch im Ort sind die Straßen unbefestigt und krumm, den Blickkontakt zur Kuppel der alten Kirche sollte man nicht verlieren. Schon verlässt man das Dorf wieder; ein paar langgestreckte Kolchos-Gebäude sind zu sehen, noch vor ihnen erhebt sich die gar nicht einmal so kleine Holzkirche. Der Kirchhof ist eher eine Wiese, durch deren kniehohes Gras leise der Wind streicht.

Im Laufe der Jahrhunderte besaß der Ort mehrere Gotteshäuser, anhand derer die Wechselfälle der Geschichte anschaulich werden, denen das heutige Weißrussland unterworfen war.

Seit 1799 gab es in der damaligen Dorfmitte eine katholische Kirche, die bis 1852 existierte. Nach dem Novemberaufstand von 1830 (dem ersten großen Aufstand nach den drei Teilungen Polens, der die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Polens zum Ziele hatte), setzte im heutigen Weißrussland, das damals Teil des russischen Reiches war, eine ausgeprägte Russifizierungspolitik ein, um den Einfluss der polnischen Unabhängigkeitsbefürworter einzudämmen. Dennoch konnte 1834 eine neue katholische Kirche in Bolotschitzy errichtet werden. 18 Jahre darauf wurde die erste russsich-orthodoxe Kirche erbaut, allerdings außerhalb des Dorfes, um keinen Konflikt mit der katholischen Mehrheit der Dorbewohner und mit den kirchlichen Würdenträgern zu riskieren.

Nach der Niederschlagung des Januaraufstandes von 1863 aber wurde die katholische Kirche in Bolotschitzy geschlossen und stand zwei Jahrzehnte lang leer; gegen Ende des 19. Jahrhunderts übernahm die russisch-orthodoxe Gemeinde das Kirchengebäude und weihte es als Christi-Verklärungs-Kirche neu.

Mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts änderte sich die Lage erneut. Nikolaus II. setzte im Oktober 1905, gezwungen durch die Unruhen und massiven Streiks während der Russischen Revolution von 1905, das Oktobermanifest in Kraft, das neben der Einführung eines Parlaments und des allgemeinen Wahlrechts für Männer auch die Gewährung bürgerlicher Grundrechte festschrieb.

Dies ermöglichte es den Katholiken in Bolotschitzy, an der Südgrenze des Dorfes ein neues, aus Holz gebautes Gotteshaus zu errichten – mit rechteckigem, einschiffigem Grundriss ohne Apsis, mit Walmdach, zwei Türmen über dem Portal und einem Dachreiter über dem Altar. Im Innenraum war die Decke flach und bestand aus einem verputzten Geflecht aus Pflanzenfasern und Lehm; über dem Portal befand sich eine auf zwei Säulen ruhende Empore, auf der die Orgel untergebracht war.

In den 1920-er Jahren schloss die Sowjetmacht alle Kirchen des Dorfes  –  katholische wie russisch-orthodoxe, wobei letztere vollständig zerstört wurden. Während des 2. Weltkriegs funktionierte man die verbliebene katholische Kirche in ein russisch-orthodoxes Gotteshaus um. 1956 wurde es endgültig geschlossen und fortan als Pestizid- und Herbizid-Lager für die benachbarte Kolchose genutzt.

Die Perestrojka führte zu Beginn der 1990-er Jahre zur Rückgabe vieler konfiszierter und zweckentfremdeter Kirchen an die Gemeinden. Auch das ursprünglich katholische, von den 1940-er Jahren bis 1956 als russisch-orthodoxe Kirche genutzte Gotteshaus wurde den Gläubigen zurückgegeben. Doch seine Bausubstanz war derart von Chemikalien verseucht, dass Gottesdienste nicht möglich waren. Daher trieb der damalige Kirchenvorsteher den Bau einer neuen Kirche voran. Das Vorhaben wurde aber bei weitem nicht von allen Dorfbewohnern unterstützt. Letztlich aber befürwortete auch der Metropolit den Plan, und so wurde 1998 die neue Christi-Verklärungskirche im Zentrum von Bolotschitzy geweiht – bekrönt mit dem Turm der nicht mehr nutzbaren alten Christi-Verklärungs-Kirche.

Doch auch die alte Kirche erhält weiterhin Pflege und Unterstützung. Eine Dorfbewohnerin finanzierte die Errichtung eines neuen Turmes mit goldener Kuppel über dem Portal der Kirche. Es steht meistenteils offen, um ein langsames Ausdünsten der Giftstoffe zu ermöglichen.

So ist die Kirche mit ihrer gesamten Ausstattung, dem Ikonostas und sonstigem Inventar, meist frei zugänglich. Gottesdienste finden selten statt, meist an hohen kirchlichen Feiertagen.

Das Gymnasium in Sluzk

Das Gymnasium in Sluzk ist das älteste in Weißrussland. Es wurde 1617 von Fürst Janusz Radzivill (1579-1620) gegründet.

Zeittafel zur Geschichte dieser bedeutenden Schule:

20. Mai 1617: Janusz IV. Radzivill unterzeichnet eine Urkunde, in der der Bau einer calvinistischen Kirche und einer angeschlossenen Schule festgelegt wird.

1624: Auf Befehl Chrisztof Radzivills (1585-1640) Umwandlung der Schule in ein Gymnasium.

6. November 1630: Beginn des Lehrbetriebs im neuen, aus Holz erbauten Schulgebäude. Die ersten Schüler rekrutieren sich aus dem niederen Adel (Szlachta), der protestantischen Geistlichkeit und dem vermögenden Bürgertum.

1775-1778: Das calvinistische Gymnasium wird in eine öffentliche protestantische Bezirksschule umgewandelt. Das Schulprogramm sieht keine mittlere Schulausbildung vor.

1824: Die Bezirksschule erhält wieder den Status eines Gymnasiums.

1829-1840: Bau eines neuen, steinernen Schulhauses (Architekt: Karol Podczaszyński, 1790-1860) im Stil des Klassizismus.

1840-1856: Allmählicher Übergang vom Polnischen zum Russischen als Unterrichtssprache. Nach dem von adligen Schichten aus Kongresspolen und den litauisch-weißrussischen Gouvernements des Russischen Reiches angeführten, erfolglosen Januaraufstand von 1863 wird Russsich endgültig zur alleinigen Unterrichtssprache.

1868: Die Schule wird, mit Unterstützung Zar Alexanders II., in ein weltliches Jungengymnasium umgewandelt.

1912-1918: Auch Mädchen erhalten die Möglichkeit, eine Gymnasialbildung zu erhalten, um später vorwiegend als Hauslehrerinnen tätig werden zu können oder eine weiterführende Bildung zu erhalten.In zwei Gebäuden, einem Ziegelbau und einem Holzhaus, werden zeitweilig bis zu 300 Mädchen unterrichtet.

1915-1916: Evakuierung des Gymnasiums während des 1. Weltkriegs vom frontnahen Sluzk nach Pensa.

1922-1927: Nach Umwandlung des Gymnasiums in die Städtische Schule Nr. 1 wird dort eine sieben Jahre umfassende Schulausbildung durchgeführt.

1941-1944: Einstellung des Unterrichtsbetriebs; das Schulgebäude wird während des 2. Weltkriegs fast völlig zerstört.

1. September 1944: Einen Monat nach der Befreiung der Stadt durch die Rote Armee wird in unweit des früheren Gymnasiusms gelegenen, erhaltenen Holzhäusern eine Grundschule eröffnet.

1. September 1949: Als Mittelschule Nr. 1 nimmt das frühere Gymnasium den Lehrbetrieb wieder auf. Die russische Sprache ersetzt als Unterrichtssprache das Weißrussische.

1. September 1989: Die Schule erhält den Status eines Städtischen Gymnasiums mit englischsprachigem Zweig.

2003: Attestierung und Bestätigung des Status eines Gymnasiusms.

Unmittelbar neben dem Gymnasium befindet sich ein Denkmal für die Opfer des 2. Weltkriegs, das die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums pflegen.

Birken

Die Birke spielt im slawischen Volksglauben eine wichtige Rolle. Neben dem Hause wachsend, beschützte sie Familie und Hof. Ihr Saft und auch ihre Blätter dienten zur Nahrungsmittelgewinnung, ihr Holz wurde zur Herstellung von Gefäßen und anderen Alltagsgegenständen verwendet. Die ältesten russischen Schriftzeugnisse wurden zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert vorwiegend in Nowgorod auf Birkenrinde verzeichnet. Nicht zuletzt deshalb gilt der Baum in Russland als nationales Symbol und hat eine ähnliche Bedeutung auch in den westslawischen Gebieten, im Baltikum und in Skandinavien.

Auch in Weißrussland gehört die Birke zum Landschaftsbild. Als anspruchslose Pionierpflanzen gedeiht sie auf nährstoffarmen Böden, kommt mit trockenen wie feuchten Untergründen gleichermaßen gut zurecht und erschließen sich als schnell wachsende Bäume Brachflächen, Feld- und Wiesenraine und Sumpfgebiete.

Alleen in Weißrussland

Weißrussland ist ein sehr flaches Land. Die höchste Erhebung, der Dzerschinski-Berg,  misst gerade einmal 345 Meter. Ein Drittel des Landes sind bewaldet, ein Prozent seiner Fläche machen die mehr als 10.000 Seen aus, die oft nahe beieinander liegen oder durch kleinere und größere Fließgewässer verbunden sind.

Bei Fahrten durchs Land fällt folgerichtig die ausgeprägte Weite der Landschaft auf. Oft sind beidseits der Landstraßen Hecken angepflanzt, die die Verkehrswege vor Witterungseinflüssen schützen, aber auch das Landschaftsbild gliedern. Andernorts fährt man durch kilometerlange Alleen; zwischen den Stämmen und Kronen ihrer Bäume zeichnet das Sonnenlicht flirrende Muster auf den Asphalt.

Auch in Städten und selbst in kleineren Ortschaften findet man oft von Bäumen gesäumte Straßen vor. Oft sind die Stämme weiß bestrichen – nicht nur aus dekorativen Gründen, sondern auch, um Schädlingsbefall vorzubeugen.

Weißrusslands Nationalflagge

Das Aussehen der weißrussischen Nationalfahne wurde am 7. Juni 1995 verabschiedet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten vier Jahre lang die weiß-rot-weißen Landesfarben Bestand, die bereits zwischen 1919 und 1925 von der weißrussischen Exilregierung verwendet worden waren.

Die gegenwärtig gültige Nationalflagge zeigt indessen stärkere Anklänge an die Symbolik der Sowjetunion, es fehlen nur Hammer und Sichel. Das Muster am Rand macht ein Neuntel der Fahnenlänge aus und stellt ein traditionelles weißrussisches Ornament dar. Zwei Drittel der Flaggenhöhe werden von der Farbe Rot eingenommen; sie soll das bei der Verteidigung der Heimat vergossene Blut symbolisieren. Die grüne Fläche schließlich versinnbildlicht Weißrusslands Waldreichtum.

Saporoschez 966 und 968

Die Ursprünge der Saporischjaer Automobilbau-Fabrik (ukrain. Saporisky Awtomobilebudiwny Sawod, SAS) gehen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als der aus Deutschland eingewanderte J. Koop einen Betrieb zur Herstellung von Landmaschinen gründete. 1960 wurde der erste Personenwagen vorgestellt, der Saporoschez 965, dessen Design stark ans Äußere des Fiat 600 angelehnt war. Der kleine Italiener wurde ab 1955 produziert und war so erfolgreich, dass zahlreiche Lizenzproduktionen aufgelegt wurden, u.a. in Spanien (Seat 600), Jugoslawien (Zastava 750) und Deutschland (NSU Fiat Jagst). In der sowjetischen Variante war ein 0,7 Liter großer Heckmotor verbaut.

Stilistisches Vorbild des Nachfolgers Saporoschez 966/968 war unverkennbar der seit 1961 gebaute NSU Prinz 4. Anders als bei diesem war im Saporoschez anfangs ein ebenfalls im Heck angeordneter V4-Motor mit 0,9 Litern Hubraum und 27 PS montiert. Er wurde bald durch einen 1,2-Liter-Reihen-Vierzylindermotor ersetzt, den 1972 erneut ein V4-Motor mit 40 PS ablöste. Der Wagen wurde außer in den Warschauer-Pakt-Staaten auch in Belgien als Jalta 1000 mit einem Motor von Renault verkauft.

Schon bei der ersten Baureihe deuteten die großen Lufteinlässe eines der Hauptprobleme des Fahrzeugs an: die Überhitzung der anfangs luftgekühlten Motoren. Bei in Weißrussland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion erhaltenen 968-Modellen sieht man mitunter die abenteuerlichsten Eigenkonstruktionen zur Verbesserung der thermischen Belastbarkeit des Aggregats. Neben pausbäckigen Luftleitblechen an den hinteren Kotflügeln wurde gern auch unförmige Hutzen über die Kühlschlitze der Motorhaube aufgesetzt.

Wegen seines knatternden Motorensounds, seiner Hochbeinigkeit und seines durch die Heckmotor-Bauweise nicht nur im Grenzbereich problematischen Fahrverhaltens wurde der Wagen nie richtig ernstgenommen, die diversen Schiguli-Varianten etwa (in Westeuropa als Lada Nova bekannt) waren deutlich beliebter. Andererseits erwies sich das ab Werk lieblos verarbeitete Fahrzeug als recht robust und erlangte in ländlichen Gegenden wegen seiner “beispielhaften Federung und Dämpfung” eine gewisse Beliebtheit.

(Für die Details vergleiche Michael Dünnebier; Eberhard Kittler: Personenkraftwagen sozialistischer Länder. Berlin-O. 1990, 167-171).

Baustelle im Nirgendwo

Fast wirkt es so, als wäre diese Baustelle im Niemandsland – tatsächlich handelte es sich aber um Drainage-Arbeiten zur Be- und Entwässerung landwirtschaftlich genutzter Flächen.

Die Kreuzerhöhungskirche in Golynka

Die Kreuzerhöhungskirche im Dorf Golynka wurde in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts aus verputztem Ziegelmauerwerk erbaut. Ursprünglich war es ein russich-orthodoxes, dem Heiligen Michael geweihtes Gotteshaus. 1919 wurde es katholisch und heißt seitdem Kreuzerhöhungskirche.

Über dem Hauptportal des rechteckigen Gebäudes im pseudorussischen Stil erhebt sich ein zweistöckiger Glockenturm mit achteckigem Turmhelm und Zeltdach. Die Vierung ist ebenfalls mit einem Zeltdach gedeckt, das seinerseits mit einem niedrigen Türmchen bekrönt ist. Auf Haupt- und Seitenschiffen liegt jeweils ein einfaches Pultdach. Die Wände sind von rundbogenförmigen Einzel- und Doppelfenstern durchbrochen. Die Deckengewölbe sind mit Holz verkleidet; die Empore wird von zwei achteckigen hölzernen Säulen getragen.