{"id":616,"date":"2020-10-01T09:59:00","date_gmt":"2020-10-01T07:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=616"},"modified":"2022-12-30T00:19:46","modified_gmt":"2022-12-29T23:19:46","slug":"das-landgut-der-familie-dmochowski","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=616","title":{"rendered":"Das Landgut der Familie Dmochowski"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Vom Landgut der Familie Dmochowski sind nur noch wenige Relikte erhalten. Zur Jahrhundertwende zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert geh\u00f6rte Sabolotje einer Familie Gierzd\u00f3w oder Gierzoduw, \u00fcber die kaum N\u00e4heres bekannt ist. 1743 erwarb die Familie Dmochowski das Gut; es blieb bis September 1939 in ihrem Besitz. Der letzte Eigent\u00fcmer von Sabolotje war W\u0142adys\u0142aw Dmochowski.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Schwelle des h\u00f6lzernen, auf einem hohen Fundament aus gro\u00dfen Feldsteinen erbauten Herrenhauses war sein Baujahr, 1742, eingemei\u00dfelt. Es verf\u00fcgte \u00fcber weitl\u00e4ufige, als Ziegelgew\u00f6lbe gemauerte Kellerr\u00e4ume. Das Walmdach war anfangs mit Stroh, sp\u00e4ter mit Schindeln gedeckt. Urspr\u00fcnglich war das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild des Gutes also recht zur\u00fcckhaltend, ja bescheiden. Erst nach 1820 verlieh man ihm durch den Bau eines von zwei S\u00e4ulen getragenen, mit einem Gesims verzierten Portikus vor dem Haupteingang ein etwas repr\u00e4sentativeres Gepr\u00e4ge. In den kleinen Giebel war ein halbkreisf\u00f6rmiges Zierfenster mit radialen Sprossen eingesetzt. Die Treppe, die zum Portikus f\u00fchrte, ruhte auf Feldsteinen, wie sie bereits f\u00fcr den Bau des Fundaments Verwendung gefunden hatten. Ein zentraler Kamin leitete die Abluft der im Haus eingebauten \u00d6fen durch das Dachgeschoss nach au\u00dfen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Foto_Jan_Bulgak_vor_1930.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-617\" width=\"500\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Foto_Jan_Bulgak_vor_1930.jpg 724w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Foto_Jan_Bulgak_vor_1930-300x191.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 724px) 100vw, 724px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"font-size:12px\"><em>Aus: Bu\u0142hak, Jan: Polska w krajobrazie i zabytkach. T. 2, Warszawa 1930, S. 409, Abb. 1356<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Durch den Innenraum verlief ein zentraler Flur, der das Geb\u00e4ude in zwei H\u00e4lften teilte. Rechts befand sich die gr\u00f6\u00dfte Kammer mit zwei Fenstern, das Speisezimmer, w\u00e4hrend das angrenzende Eckzimmer mit einem Fenster als Schlafzimmer diente. Auf der linken Seite des Flurs gelangte man zun\u00e4chst in ein Spielzimmer, an das sich an der linken Hausecke wiederum ein Schlafraum anschloss. Zur Gartenseite befand sich ein repr\u00e4sentatives Speisezimmer mit einem angrenzenden gro\u00dfen Raum zum Anrichten der Speisen. Die \u00fcbrigen R\u00e4ume dienten als Wohnr\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Zimmer hatten Balkendecken und wei\u00df get\u00fcnchte W\u00e4nde und B\u00f6den aus lackierten Holzdielen. Nur das Vestib\u00fcl war mit Ziegelsteinen ausgelegt. Im linken vorderen Eckzimmer gab es neben einem mit vier S\u00e4ulen dekorierten Ofen aus Ziegelmauerwerk auch einen klassizistischen Kamin ohne Feuerstelle. Dieser diente als Altar f\u00fcr den Erzbischof von Mogiljow, Kazimierz Dmochowski (1780-1851), der bei Aufenthalten in seinem Familienstammsitz dort die Messe las.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls 1742 wurde nebenan ein Kornspeicher errichtet, dem in den folgenden Jahren und Jahrzehnten weitere Wirtschaftsgeb\u00e4ude folgten. Von ihnen sind nur noch die Grundmauern erhalten, an denen jedoch die damalige Bauweise gut erkennbar wird: In die gemauerten und verputzten St\u00fctzpfeiler waren F\u00fchrungen eingelassen, die die zwischen den Pfeilern eingesetzten h\u00f6lzernen Wandelemente trugen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"828\" height=\"550\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7559.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-618\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7559.jpg 828w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7559-300x199.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7559-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 828px) 100vw, 828px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> <\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"828\" height=\"550\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7562.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-619\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7562.jpg 828w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7562-300x199.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7562-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 828px) 100vw, 828px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> <\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Aus den Archivalien geht hervor, dass das Landgut reich ausgestattet war. In seinen Salons wurden franz\u00f6sische Weine, edle Speisen und Getr\u00e4nke gereicht, es gab stilvolles Mobiliar, kostbares Tafelsilber und eine umfangreiche Bibliothek. 1812, w\u00e4hrend der Invasion Napoleon Bonapartes, wurde das Gut gepl\u00fcndert. Der franz\u00f6sische General Graf Antoine Drouot (1774-1847), der f\u00fcr einige Tage in Sabolotje Halt machte, fand das Herrenhaus fast v\u00f6llig leer vor. Besch\u00e4mt hinterlie\u00df er an einem zur\u00fcckgelassenen Schreibtisch die Note: &#8222;Mit gro\u00dfer Traurigkeit stelle ich fest, dass dieses Haus von meinen Landsleuten zerst\u00f6rt wurde, und ich bedaure aufrichtig , dass die darin lebenden Menschen am 20. Juli 1812 gezwungen waren, ihr Gut zu verlassen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden knapp einhundert Jahren wurden das Haus wieder hergerichtet und erneut mit eleganten M\u00f6beln und erstklassigen Gem\u00e4lden ausgestattet. Im 2. Weltkrieg wurde all dies nach Vilnius verbracht, wo es jedoch in den Kriegswirren verloren ging &#8211; die Notiz von General Drouot eingeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der das Haus umgebende Garten hatte eine Fl\u00e4che von etwa 4 Hektar. Der Baumbestand setzte sich aus Eichen, Linden, Ahornb\u00e4umen und Birken zusammen. Gegen\u00fcber dem Gutshaus lag hinter einem kleinen Teich ein Nadelwald aus sehr hohen, alten Fichten. Jedes Jahr legten Reiher dort etwa 80 Nester an. Dieser Nadelwald wurde bereits im 1. Weltkrieg abgeholzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute findet der Besucher au\u00dfer den wenigen verbliebenen Ruinen kaum noch historische Spuren vor. Dort, wo vordem das h\u00f6lzerne Gutshaus stand, wurde in den 1950-er Jahren die Dorfbibliothek erbaut. Darunter sind die historischen Kellergew\u00f6lbe jedoch erhalten. Jahrzehntelang vernachl\u00e4ssigt und als Lager f\u00fcr Kartoffeln und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse genutzt, ist es der ehrenamtlichen Initiative des Bibliothekspersonals zu verdanken, dass die Keller von Unrat und Feuchtigkeit befreit, gereinigt und konserviert wurden und nun wieder als Denkmal besichtigt werden k\u00f6nnen. Im Erdgeschoss der B\u00fccherei wurde ein Raum als kleines Heimatmuseum hergerichtet, in dem auch einige wenige Gegenst\u00e4nde gezeigt werden, die aus dem ehemaligen Gutshaus stammen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"828\" height=\"550\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7572.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-620\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7572.jpg 828w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7572-300x199.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/DSC7572-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 828px) 100vw, 828px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> <\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Der Ort wird inzwischen von vielen Touristen aus dem In- und Ausland besucht, denn das Geschlecht der Dmochowskis hat einen ber\u00fchmten Sohn hervorgebracht: den Freiheitsk\u00e4mpfer und Bildhauer Henryk Dmochowski (1810-1863). Er beteiligte sich in den 1830-er und 1840-er Jahren an Aufst\u00e4nden und Erhebungen gegen die im ehemaligen, 1795 endg\u00fcltig zerschlagenen K\u00f6nigreich Polen stationierten russischen und \u00f6sterreichischen Truppen, bevor er 1852 in die Vereinigten Staaten von Amerika ging, wo er neun Jahre lang als Bildhauer unter dem Namen Henry Sanders aktiv war. Dort schuf er zwischen 1852 und 1853 die Bildnisse der amerikanischen Pr\u00e4sidenten George Washington, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson, die bis heute das Kapitol in Washington D.C. zieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Henryk Dmochowski kehrte 1861 in seine Heimat zur\u00fcck, machte sich in Vilnius ans\u00e4ssig und wirkte auch dort wieder als Bildhauer. Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde er als Teilnehmer am polnischen Januaraufstand (1863-1864) bei K\u00e4mpfen gegen die russischen Truppen get\u00f6tet. Am Bibliotheksgeb\u00e4ude in Sabolotje wurde vor einigen Jahren eine Gedenktafel f\u00fcr den ber\u00fchmten Sohn des Dorfes angebracht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Landgut der Familie Dmochowski sind nur noch wenige Relikte erhalten. Zur Jahrhundertwende zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert geh\u00f6rte Sabolotje einer Familie Gierzd\u00f3w oder Gierzoduw, \u00fcber die kaum N\u00e4heres bekannt ist. 1743 erwarb die Familie Dmochowski das Gut; es blieb bis September 1939 in ihrem Besitz. 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