{"id":440,"date":"2019-12-17T08:33:31","date_gmt":"2019-12-17T07:33:31","guid":{"rendered":"http:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=440"},"modified":"2019-12-10T23:43:15","modified_gmt":"2019-12-10T22:43:15","slug":"ruschany-eines-der-schoensten-baudenkmaeler-weissrusslands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=440","title":{"rendered":"Ruschany &#8211; eines der sch\u00f6nsten Baudenkm\u00e4ler Wei\u00dfrusslands"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Geschichte des Palasts von Ruschany &#8211; erz\u00e4hlt von Ljubow Michajlowna, einer Bewohnerin des gleichnamigen Dorfes<\/strong><\/p>\n<p>Die ersten Zeugnisse \u00fcber Ruzhany stammen aus dem Jahr 1525. Hier lebten die F\u00fcrsten Tyschkewitsch. Sie hatten zwei T\u00f6chter \u2013 Ruscha und Anna, und zu Ehren dieser beiden T\u00f6chter nannten sie den Ort Raschana, sp\u00e4ter Raschany, und heute hei\u00dft er schlie\u00dflich Ruschany.<\/p>\n<p>Nach den F\u00fcrsten Tyschkiewitsch ging der Ort an Bartosz Bruchalski \u00fcber, der ihn im Jahre 1598 an Lew Sapiega (1557\u20131633) verkaufte, den Kanzler des Gro\u00dff\u00fcrstentums Litauen. Zum Aussehen des Schlosses zu jener Zeit gibt es nur wenige Zeugnisse. Der Name des Baumeisters, der den Palast auf den Grundmauern der Tyschkiewitsch-Residenz errichtete, ist nicht \u00fcberliefert. Die ersten genauen Angaben stammen erst aus dem Jahr 1602. In Dokumenten aus dem Jahr 1605 werden drei Geb\u00e4ude erw\u00e4hnt \u2013 ein gro\u00dfes, ein mittleres und ein kleines. F\u00fcr 1611 ist der Abschluss der Bauarbeiten am Palast verzeichnet. Es war damals ein von einem Wall umgebenes, zweist\u00f6ckiges Geb\u00e4ude mit drei steinernen T\u00fcrmen und kreuzf\u00f6rmigem Grundriss.<\/p>\n<p>Wenn Sie sich Ruschany n\u00e4hern, sehen Sie den Ort gewisserma\u00dfen in einer Senke liegen. Sie ist aber nicht nat\u00fcrlichen Ursprungs. Leibeigene Bauern haben sie dort mit eigenen H\u00e4nden ausgehoben und die Erde hierher gebracht, damit das Schloss auf einer Erh\u00f6hung l\u00e4ge. Von welcher Richtung man auch kommt \u2013 man sieht immer das Schloss von weitem.<\/p>\n<p>Nach Lew Sapiegas Tod diente der Palast weiterhin als Residenz, in der seine S\u00f6hne wichtige G\u00e4ste empfingen. Im Laufe des 17. Jahrhunderts erhielt er jedoch eine andere Gestalt. Der italienische Architekt Giovanni Battista Gisleni (1600\u20131672) gab ihm Stilelemente des Barock. Im Mittelteil waren die Repr\u00e4sentationsr\u00e4ume, im Seitentrakt die Wohnr\u00e4ume, Arbeitszimmer, das Archiv und die Bibliothek untergebracht. Sie waren mit Marmor und kunstvoller Marmorimitation und mit Malereien verziert. In den zweigeschossigen Kellergew\u00f6lben befanden sich das Arsenal, ein weiteres Archiv, Vorratsr\u00e4ume und Depots.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-442\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/01_ruzh_ges_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"700\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/01_ruzh_ges_gr.jpg 700w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/01_ruzh_ges_gr-300x300.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/01_ruzh_ges_gr-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>Mit einem neuerlichen Umbau des Schlosses beauftragte die Familie Sapiega den franz\u00f6sischen Architekten Jan Samuel Becker (1760\u20131810). Er kam hierher und baute das Schloss zwischen 1784 und 1788 um. Zuvor aber wurden im Dorf Beresniza, das f\u00fcnf Kilometer s\u00fcdlich von hier liegt, vier Ziegeleien errichtet, in denen die Ziegel f\u00fcr das Schloss gebrannt wurden. Schon damals wurden die Ziegel aus dem Kalk von H\u00fchnereiern hergestellt. Deshalb sind die Ziegel bis heute in recht gutem Zustand. Becker sollte aus dem Schloss einen Palast machen. Der Bogengang umgab das gesamte Territorium, sogar dort, wo Besucher heute ihre Autos parken.<\/p>\n<p>Das gesamte Areal war mit exotischen Blumen, B\u00e4umen und B\u00fcschen bepflanzt. Es war sehr, sehr sch\u00f6n. Dazwischen lagen Trottoir-Platten, damit die Pflanzen nicht besch\u00e4digt wurden. Sogar noch in heutiger Zeit sind auf unseren Stra\u00dfen einige Trottoir-Platten aus jener Zeit erhalten \u2013 auf zwei Stra\u00dfen. Nun ja, hier und da einige wenige \u2013 aber sie sind noch erhalten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-448\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/10_ruzh_htor_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"467\" height=\"700\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/10_ruzh_htor_gr.jpg 467w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/10_ruzh_htor_gr-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 467px) 100vw, 467px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Dort, die zentrale Zufahrt, war der Eingang f\u00fcr besondere Pers\u00f6nlichkeiten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-446\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/07_ruzh_tor_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"825\" height=\"550\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/07_ruzh_tor_gr.jpg 825w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/07_ruzh_tor_gr-300x200.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/07_ruzh_tor_gr-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 825px) 100vw, 825px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Und die Einfahrt, die Sie dort, weiter rechts, sehen, war die Zufahrt zu den Werkst\u00e4tten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-443\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/03_ruzh_re_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"700\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/03_ruzh_re_gr.jpg 700w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/03_ruzh_re_gr-300x300.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/03_ruzh_re_gr-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Im Erdgeschoss des Geb\u00e4udes auf der rechten Seite waren technische Werkst\u00e4tten. Hier wurden goldene Tischdecken und goldene G\u00fcrtel gewebt und lackierte Kutschen gefertigt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-444\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/04_ruzh_re_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"700\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/04_ruzh_re_gr.jpg 700w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/04_ruzh_re_gr-300x300.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/04_ruzh_re_gr-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Im ersten Stock befand sich ein Opern- und Ballett-Theater. Was meinen Sie, wie viele Menschen waren dort wohl fest angestellt? Sechzig Schauspieler und vierzig Bajanspieler [Akkordeonspieler]. Hier gab es etwas, womit man Europa in Staunen versetzen konnte!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-445\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/05_ruzh_mi_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"467\" height=\"700\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/05_ruzh_mi_gr.jpg 467w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/05_ruzh_mi_gr-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 467px) 100vw, 467px\" \/><\/p>\n<p>Beachten Sie nun den hervortretenden Bereich der Hauptfassade. Im Erdgeschoss befand sich ein gro\u00dfer Bankettsaal, hier empfing Lew Sapiega seine in- und ausl\u00e4ndischen G\u00e4ste, unter ihnen K\u00f6nig Sigismund III. (1566\u20131632) und K\u00f6nig Stanislaw Poniatowski (1732\u20131798). Im ersten Stock verfasste Sapiega kostbare Handschriften \u2013 dort oben, hinter den gro\u00dfen Fenstern. Im zweiten Stock befand sich eine einzigartige Bibliothek.<\/p>\n<p>Wenn Sie das Schloss betreten, erblicken Sie drei unterirdische Kellerr\u00e4ume. Darin wurden die Weinvorr\u00e4te aufbewahrt, es gab Waffenkammern und andere Versorgungsr\u00e4ume. Hier, unterhalb des ersten Bogens des rechten Bogengangs, gab es einen 24 Kilometer langen unterirdischen Gang, der bis zum \u00d6rtchen Kossowo zum Gut des Thadd\u00e4us Kostjuschko f\u00fchrte. Er war rundum mit Marmor ausgekleidet und so breit, dass zwei Pferde nebeneinander hindurch passten!<\/p>\n<p>Im linken vorderen Bereich, wo der linke Bogengang beginnt, befand sich eine Reitbahn. Lew Sapiega hielt Reitpferde. Waren ausl\u00e4ndische G\u00e4ste bei ihm zu Gast, so sah man sich zuerst eine Theatervorstellung an, bestieg danach die Kutschen und fuhr zur Jagd in verschiedene angrenzende Gebiete und sogar bis in die Bjeloweschskaja Puschtscha. Damals verstanden es die Leute, das Leben zu genie\u00dfen!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-447\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/08_ruzh_mi_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"700\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/08_ruzh_mi_gr.jpg 700w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/08_ruzh_mi_gr-300x300.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/08_ruzh_mi_gr-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>Etwa auf der H\u00f6he des linken Fensters der zentralen Fassade war im Erdgeschoss sogar eine kleine Hauskapelle. Doch als es nach dem Krieg n\u00f6tig war, Kartoffeln zu verstecken, haben unsere Chefs die nicht mehr genie\u00dfbaren Reste der Kartoffeln und anderen Gem\u00fcses in der Kapelle lagern lassen. Heute ist sie in schlechtem Zustand.<\/p>\n<p>Seit August 1990 tr\u00e4gt der Ort wegen seiner Sch\u00f6nheit den Namen \u201eWei\u00dfrussisches Colosseum\u201c und steht unter den Baudenkm\u00e4lern Wei\u00dfrusslands wegen seiner Sch\u00f6nheit an zweiter Stelle.<\/p>\n<p>Im letzten Jahr kam die 78-j\u00e4hrige Ur-Ur-Ur-Enkelin Sapiegas mit ihren S\u00f6hnen hierher. Sie sagte \u201eIch komme vielleicht nie wieder hierher\u201c.<\/p>\n<p>Und so verbrachten sie drei ganze Tage hier und fotografierten alles, was sie nur konnten.<\/p>\n<p>Eine der Einwohnerinnen von Ruschany kam auch zu diesem Treffen hierher und sagte: \u201eIch habe eine Photographie aufbewahrt. Sagt sie Ihnen etwas?\u201c<\/p>\n<p>Die Sapiega-Enkelin antwortete: \u201eNun, ich wei\u00df nicht was ich sagen soll, und wie ich es sagen soll&#8230; Marika, bist du das etwa?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, das bin ich.\u201c<\/p>\n<p>So stellte sich heraus, dass die beiden Frauen, als sie kleine M\u00e4dchen waren, Freundinnen waren, und die eine von ihnen diese Photographie \u00fcber all die Jahre aufbewahrt hatte.<\/p>\n<p>\u201eWeshalb denn nur?\u201c, fragte die Sapiega-Enkelin.<\/p>\n<p>\u201eWeil ich die ganzen Jahre gehofft hatte, dass irgendein Sapiega-Nachkomme herkommen w\u00fcrde, und ich h\u00e4tte ihm das Foto geschenkt, damit es Ihnen \u00fcbergeben w\u00fcrde, falls Sie noch am Leben w\u00e4ren. Falls nicht \u2013 nun gut, dann h\u00e4tte man es einem der Verwandten zur Erinnerung schenken k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Da gab es nat\u00fcrlich viele Umarmungen und Freudentr\u00e4nen \u2013 alles was man sich nur denken konnte.<\/p>\n<p>Auch Wladimir Semjonowitsch Wysotski kam hierher und drehte hier die Filme \u201eJa rodom is detstwa\u201c (Ich bin geb\u00fcrtig aus der Kindheit, 1966), \u201eZemlja pachnet porochom\u201c (Die Erde riecht nach Schie\u00dfpulver) und andere. Als Komparsen wurden wir aus dem unterirdischen Gang mit vorgehaltenen Maschinengewehren hierher nach drau\u00dfen getrieben \u2013 und wir waren froh, Wysotski einmal im Leben gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Er hat auch mit mir gesprochen. \u201eLjubow Michajlowna\u201c, sagte er, \u201esollten Sie einmal in Moskau sein, achten Sie auf die Sch\u00f6nheit der Bogeng\u00e4nge und Torb\u00f6gen auf der Poklonnaja Gora. Denken Sie daran, dass Ihre wei\u00dfrussischen Leibeigenen diese Sch\u00f6nheit zuerst hier bei Ihnen geschaffen haben und danach nach Moskau gefahren sind und dort Bauten von ebensolcher Sch\u00f6nheit errichteten.\u201c<\/p>\n<p>Ich antwortete ihm: \u201eWladimir Semjonowitsch, ich werde schon nicht mehr nach Moskau fahren k\u00f6nnen \u2013 nicht in meinem Gesundheitszustand.\u201c<\/p>\n<p>Wysotski entgegnete: \u201eWenn ich dann am Leben sein werde \u2013 melden Sie sich unbedingt, ich werde Sie durch Moskau begleiten.\u201c<\/p>\n<p>Achten Sie noch einmal auf den oberen Teil des Haupttores. Sehen Sie das Wappen? Es ist aus Eichenholz, wurde ohne Verwendung eines einzigen Nagels geschaffen und von eben jenem franz\u00f6sischen Architekten Jan Samuel Becker entworfen. Lew Sapiega stattete Becker mit einer lebenslangen Leibrente von 2160 Zloty aus.<\/p>\n<p>Im Durchgang des Haupttores sehen Sie eine kleine Nische \u2013 sie ist genauso angelegt, wie die Nischen in den \u00d6fen von H\u00e4usern auf dem Lande. Darin war ein Schatz verborgen. Vor f\u00fcnfzehn Jahren kamen Leute aus dem Ausland hierher und entdeckten den Schatz. Genau hier, wo wir jetzt stehen, hatten sie ihr Auto abgestellt, und ich ging gerade vorbei und sah, dass sie auf dem Kofferraumdeckel einen Plan des Schlosses ausgebreitet hatten.<\/p>\n<p>Ich dachte: \u201eMein Gott! Da haben sie nun doch einen Plan des Palastes gefunden! Vierunddrei\u00dfig Jahre habe ich in der Bibliothek gearbeitet, mich mit Architekten in Minsk getroffen, und sie sind hierher gekommen, um durch diesen unterirdischen Gang zu gehen! Vier Mal sind sie zu uns gekommen, und niemals und nirgends habe ich je eine Karte des Schlosses gesehen!\u201c<\/p>\n<p>Einer der M\u00e4nner sagte: \u201eNun, Gro\u00dfmutter, interessiert Sie das?\u201c Ich sagte: \u201eSogar sehr!\u201c Da meinte ein anderer der M\u00e4nner: \u201eDann stapf&#8216; mal los, Gro\u00dfmutter, wohin du m\u00f6chtest!\u201c Ja, da bin ich dann mit gro\u00dfer Freude losgestapft.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter besuchte ich meinen Mann im Krankenhaus und erz\u00e4hlte ihm davon. Im Nachbarbett lag ein Opa, der meinte dazu: \u201eIch wei\u00df, was Sache ist \u2013 sie sind gekommen, um den Schatz zu suchen.\u201c<\/p>\n<p>Ich fragte: \u201eWie kann denn hier ein Schatz sein, von dem ich nichts wei\u00df, da doch alle meine Verwandten, meine Gro\u00dfeltern, Urgro\u00dfeltern und Ur-Ur-Gro\u00dfeltern hier bei den Sapiegas gearbeitet haben? Niemand von ihnen hat diese Kostbarkeiten jemals gesehen.\u201c<\/p>\n<p>Sagte der Alte im Krankenbett: \u201eAlso haben die Ausl\u00e4nder auch nur mit Hilfe der Karte herausgefunden, wo diese Sch\u00e4tze versteckt waren.\u201c<\/p>\n<p>Achten Sie jetzt einmal auf den Putz der Mauern. Er ist \u00fcber die ganze L\u00e4nge der Mauern des Torbogens bis zu ein und derselben H\u00f6he abgeschlagen. Sie haben also tats\u00e4chlich gesucht \u2013 und gefunden, was sie suchten. Es hei\u00dft, beim Zoll in Brest habe man den Schatz sp\u00e4ter konfisziert. Und sp\u00e4ter wiederum hie\u00df es in der Brester Zeitung, dass sich noch vor Brest eine Frau ans Steuer des Wagens gesetzt habe und die Kostbarkeiten ins Ausland gebracht habe. Wohin, wei\u00df ich aber nicht. Aber da es doch in der Zeitung gestanden hat, ist das wohl die Wahrheit, denke ich.<\/p>\n<p>In der Mitte des Vorplatzes stand eine B\u00fcste Sapiegas. Sie war sehr, sehr sch\u00f6n. Einen solchen Mann wie Lew Sapiega habe ich noch nie gesehen. Links gab es Springbrunnen, die aus dem Semlenskaja-Fl\u00fc\u00dfchen gespeist wurden.<\/p>\n<p>Im letzten Jahr kam der Kulturminister hierher. Vorher kamen Architekten aus Minsk und ordneten an, den unterirdischen Gang zuzusch\u00fctten, weil unsere Kinder dort immer spielten. \u00dcbrigens sind einmal zwei kleine Jungen auf die h\u00f6chsten Mauern des Palasts geklettert, und die Eltern kamen herbeigeeilt, aber die Jungen konnten nicht mehr hinunter, weil die Steine unter ihren F\u00fc\u00dfen lose waren. Man holte die Feuerwehr, und mit Hilfe der Drehleiter wurden die Jungen wieder heruntergeholt. Seither habe ich die beiden nie wieder hier am Schloss gesehen.<\/p>\n<p>Als vor dreizehn Jahren schon einmal der Kulturminister kam, sagte er: \u201eHier, im rechten Seitengeb\u00e4ude des Haupttors, wird ein Museum eingerichtet.\u201c Aber sehen Sie nur, vergleichen Sie die Qualit\u00e4t der neuen Ziegel mit der der alten. Das ist schon nicht mehr die Qualit\u00e4t wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p>In der Zeitung habe ich gelesen, dass das Schloss erst einmal nur teilweise restauriert werden wird. Vor zwei Wochen schrieb unsere Kreiszeitung, dass in diesem Jahr das Schloss restauriert werden wird. In einer anderen Zeitung hie\u00df es, die Restaurierung beginne im Jahr 2010. In wieder einer anderen wurde mitgeteilt, der Palast nehme in der Reihe der zu restaurierenden Denkm\u00e4ler den 26. Platz ein.<\/p>\n<p>Als Sie durch das Dorf fuhren, sind Sie am zentralen Platz vorbeigekommen mit der katholischen Peter-Pauls-Kirche und der russisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskirche. In einer Ecke des Platzes ist das Wappen von Ruschany aufgestellt. Es ist dem heiligen Kasimir gewidmet, der Rosen in seiner Hand h\u00e4lt. Zu seinen Ehren haben sich die Einwohner von Ruschany verpflichtet, den ganzen Bereich rund um die Zufahrt zum Schloss mit Rosen zu bepflanzen, wenn es restauriert wird. Kommen Sie also wieder und bewundern Sie dann die Sch\u00f6nheit unserer Sehensw\u00fcrdigkeiten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs ist Ruschany sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Deutschen sind zu jedem Haus gegangen, haben es mit Benzin begossen, ein Streichholz geworfen und sind zum n\u00e4chsten Haus gegangen. Und schlie\u00dflich kamen sie hierher zum Palast und haben auch hier alles zerst\u00f6rt. Und nach dem Krieg kamen die Dorfbewohner, die alles verloren hatten, und nahmen sich von hier Ziegel, und jeder baute sich daraus, was er vermochte. Die Reitbahn haben sie komplett abgetragen, die Bogeng\u00e4nge fast vollst\u00e4ndig. Schauen Sie zum linken Nachbargrundst\u00fcck, dort hat man aus den Ziegeln zwei kleine Schuppen errichtet.<\/p>\n<p>Im zentralen Teil des Palasts sehen Sie an den W\u00e4nden die \u00dcberreste von vier Treppenaufg\u00e4ngen. In den Ecken standen Kamine und \u00d6fen.<\/p>\n<p>Wenn Sie in den Bankettsaal gehen, sehen Sie an den W\u00e4nden die Reste von Befestigungen, mit denen Marmortafeln an den W\u00e4nden gehalten wurden. Immer wenn ausl\u00e4ndische G\u00e4ste kamen \u2013 ihre Namen habe ich zuvor genannt \u2013 haben sie ihre Initialen an diesen Marmortafeln zu Erinnerung hinterlassen. Und heute? Heute ritzen unsere Dorfkinder ihre Initialen in die W\u00e4nde. Und im letzten Jahr wurde eine Marmortafel angebracht mit der Inschrift \u201eDieses Denkmal wird vom Staat bewahrt\u201c. Zwei N\u00e4chte hing diese Tafel da \u2013 in der dritten wurde sie gestohlen.<\/p>\n<p>Noch etwas zu der Peter-Pauls-Kirche im Dorfkern. Fr\u00fcher stand dort eine h\u00f6lzerne Kirche. Sie wurde irgendwann durch Brandstiftung zerst\u00f6rt, und beim Wiederaufbau fand man die sterblichen \u00dcberreste eines F\u00fcrsten. Sie wurden hierher in den Palast gebracht, in die Kapelle im Erdgeschoss, von der ich erz\u00e4hlt habe. Und hier sind die sterblichen \u00dcberreste dann geblieben und auch die eines Mitglieds der Familie Sapiega.<\/p>\n<p>Wenn Sie Richtung Slonim fahren, finden Sie auf dem H\u00fcgel, der dem Schloss gegen\u00fcberliegt, unseren Friedhof mit einer kleinen katholischen Kapelle. Hinter der Kapelle liegt ein deutscher Friedhof, auf dessen Grabsteinen man noch die Inschriften sehen kann. Es ist aber schon schwer, sie zu entziffern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte des Palasts von Ruschany &#8211; erz\u00e4hlt von Ljubow Michajlowna, einer Bewohnerin des gleichnamigen Dorfes Die ersten Zeugnisse \u00fcber Ruzhany stammen aus dem Jahr 1525. Hier lebten die F\u00fcrsten Tyschkewitsch. 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