{"id":434,"date":"2019-12-10T22:18:32","date_gmt":"2019-12-10T21:18:32","guid":{"rendered":"http:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=434"},"modified":"2019-12-13T22:58:10","modified_gmt":"2019-12-13T21:58:10","slug":"das-landgut-der-familie-mierzejewski","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=434","title":{"rendered":"Das Landgut der Familie Mierzejewski"},"content":{"rendered":"<p>Schon seit dem 16. Jahrhundert ist das etwa 10 Kilometer \u00f6stlich des Ortes Kopyl gelegene Dorf Grosowo in den Quellen erw\u00e4hnt. Damals zum Territorium des Gro\u00dff\u00fcrstentums Litauen geh\u00f6rend, war Grosowo zun\u00e4chst Teil des Besitzes der Familie Opelkowitsch, bevor es an die Wolodkewitschs, Radziwills und schlie\u00dflich ans Geschlecht der Nesabudkowskis ging. Nach den drei Teilungen Polens im 18. Jahrhundert geh\u00f6rte der Ort zum Russischen Reich. Auch im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts trugen die Eigent\u00fcmer des Ortes klangvolle Namen: Merschejewski, Wittgenstein und Hohenlohe.<\/p>\n<p>In der ersten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts gab es in dem Ort zwei Kirchen und ein Kloster, im 19. Jahrhundert kamen eine katholische Kirche, zwei Synagogen und eine Schule hinzu. Auch eine Schnapsbrennerei ist in den Quellen verzeichnet. Gegen Ende des Jahrhunderts lebten in Grosowo gut 150 Bewohner auf 19 H\u00f6fen, drei Gasth\u00f6fe versorgten Reisende, in elf L\u00e4den wurden Waren des t\u00e4glichen Gebrauchs feilgeboten. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert z\u00e4hlte der Ort schon \u00fcber 1000 Einwohner auf \u00fcber 170 Hofstellen. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts ging die Einwohnerzahl stetig zur\u00fcck; inzwischen gibt es nurmehr kaum 200 Geh\u00f6fte und weniger als 500 Einwohner.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-435\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC0291_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"828\" height=\"550\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC0291_gr.jpg 828w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC0291_gr-300x199.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC0291_gr-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 828px) 100vw, 828px\" \/><\/p>\n<p>Das Herrenhaus stammt aus der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts und ist im fr\u00fchklassizistischen Stil gebaut. Der Grundriss ist rechteckig, das Geb\u00e4ude verf\u00fcgt \u00fcber zwei Stockwerke mit einem zentralen, urspr\u00fcnglich von sechs S\u00e4ulen getragenen Portikus an der Hauptfassade, der S\u00fcdseite des Baus. Er sch\u00fctzte nicht nur den Zugang zur Eingangshalle mit ihrer zweifl\u00fcgeligen Haupttreppe, sondern auch einen Balkon in der ersten Etage. An der parkseitigen Fassade (Richtung Norden) sehen wir an dieser Stelle einen Mittelrisalit. Das Geb\u00e4ude verf\u00fcgt \u00fcber weitr\u00e4umige Gew\u00f6lbekeller und hatte an seiner Westseite Anbauten, die nicht nur Wirtschaftsr\u00e4ume beherbergten, sondern auch einen Wintergarten und eine Orangerie.<\/p>\n<p>Umgeben war das Geb\u00e4ude von einem kleinen Landschaftspark, in den der benachbarte Fluss Umanka einbezogen war. Terrassenartige angelegte Wege f\u00fchrten entlang der Geb\u00e4udeachse hinunter zum Fluss. Die Auffahrt zum Haus f\u00fchrte durch diesen Park, dessen Gartenparterre mit Rasen bepflanzt war; das Gr\u00fcn wurde durch Blumenrabatten und ein Netz aus Spazierwegen aufgelockert. Keines dieser Gartenelemente ist erhalten, und auch die einstige exponierte Lage des Geb\u00e4udes ist heute nur noch zu erahnen, da Mitte der 1970-er Jahre vor dem Gutshaus (d.h. an der Stelle des fr\u00fcheren Gartenparterre) die heutige Mittelschule von Grosow erbaut wurde.<\/p>\n<p>Im 2. Weltkrieg brannte das Geb\u00e4ude aus und wurde Anfang der 1950-er Jahre wieder aufgebaut. Bis 1975 befand sich darin die Dorfschule, danach war es Kinderheim und sp\u00e4ter ein Wohnheim &#8211; damit teilte es in der Sowjetzeit das Schicksal vieler Landg\u00fcter in Belarus. Nach langen Jahren des Leerstandes und des Verfalls wurde das Herrenhaus 2010 vom Soligorsker Betrieb &#8222;Dalmant&#8220; f\u00fcr 35.000 belarussische Rubel (umgerechnet etwa 11 US-Dollar) erworben. Es sollte in seiner urspr\u00fcnglichen Form wiederaufgebaut werden und als Erholungsheim f\u00fcr Arbeiter regionaler Baubetriebe dienen. Nachdem erste Arbeiten zur Sicherung der Ruine unternommen worden waren, wurden die Arbeiten 2015 unterbrochen und seither nicht wieder aufgenommen.<\/p>\n<p>Im derzeitige Zustand stellt das Geb\u00e4ude ein beredtes Beispiel f\u00fcr die ausgesprochen ernste Lage dar, in der sich das wei\u00dfrussische architektonisch-kulturelle Erbe befindet. Die Bedeutung der verfallenden Geb\u00e4ude wird zwar zunehmend erkannt, aber zu deren Erhaltung und fachgerechter Restaurierung fehlt nicht nur das handwerkliche Wissen, sondern auch das Geld. Mag es noch hingehen, dass der obere Fries, auf dem der Dachstuhl auflag, mit modernen Kalksandsteinen ausgebessert wurde, so schlug der Versuch, die Geschossdecken in Form von Betonfertigteilen auf die historischen, vollst\u00e4ndig aus Ziegelmauerwerk bestehenden Au\u00dfen- und Zwischenw\u00e4nde zu legen, katastrophal fehl: Das Mauerwerk vermochte das Gewicht nicht zu tragen und gaben nach. Die neu eingezogenen und sogar mit Stahltr\u00e4gern zus\u00e4tzlich gest\u00fctzten Betonelemente st\u00fcrzten herab und verursachten dabei noch gr\u00f6\u00dferen Schaden, indem sie das Ziegelmauerwerk zertr\u00fcmmerten.<\/p>\n<p>Der Versuch, ein historisches Geb\u00e4ude auf diese Weise mittels moderner Baustoffe gleichsam r\u00fccksichtslos wieder herzurichten, wirkt nicht zuletzt deshalb schwer nachvollziehbar, da im Innern des Merschejewski-Gutshauses die Konstruktion der erhaltenen Zwischendecken deutlich zu sehen ist: Aus mit Lehm beworfenen Flechtwerk bestehend und anschlie\u00dfend verputzt, waren sie sehr viel leichter als die \u00fcblicherweise f\u00fcr Plattenbauten, Br\u00fccken und Fahrbahnen verwendeten Beton-Bauteile.<\/p>\n<p>So aber fristet das fr\u00fchere Gutshaus ein betr\u00fcbliches Dasein &#8211; wie so viele andere Baudenkm\u00e4ler Wei\u00dfrusslands.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon seit dem 16. 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