{"id":404,"date":"2019-11-02T08:05:52","date_gmt":"2019-11-02T07:05:52","guid":{"rendered":"http:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=404"},"modified":"2019-09-10T23:26:39","modified_gmt":"2019-09-10T21:26:39","slug":"in-der-erinnerung-leben-sie-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=404","title":{"rendered":"In der Erinnerung leben sie weiter"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-398\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/01_Friedhof_Polesje_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"830\" height=\"550\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/01_Friedhof_Polesje_gr.jpg 830w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/01_Friedhof_Polesje_gr-300x199.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/01_Friedhof_Polesje_gr-768x509.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 830px) 100vw, 830px\" \/><\/p>\n<p>Anders als im westeurop\u00e4ischen deutschsprachigen Raum, wo der Toten in der katholischen Kirche an Allerseelen, bei den Protestanten am Totensonntag gedacht wird, gibt es in Wei\u00dfrussland weitaus vielf\u00e4ltigere, ausgesprochen facettenreiche Gebr\u00e4uche, mit denen die Familien ihre Verstorbenen w\u00fcrdigen.Die Gedenktage tragen Namen wie <em>Dsjady<\/em> (w\u00f6rtl. <em>Gro\u00dfv\u00e4ter<\/em>), <em>Raduniza<\/em> (w\u00f6rtl. <em>Eltern-Samstag<\/em>). Im Fr\u00fchling gibt es sogar einen gesetzlichen Feiertag, um den Menschen zu erm\u00f6glichen, die Gr\u00e4ber ihrer Vorfahren nach dem langen Winter herzurichten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-410\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/01_Friedhof_Lipinki_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"570\" height=\"700\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/01_Friedhof_Lipinki_gr.jpg 570w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/01_Friedhof_Lipinki_gr-244x300.jpg 244w\" sizes=\"auto, (max-width: 570px) 100vw, 570px\" \/><\/p>\n<p>Vergleichbare Traditionen gab es auch in Westeuropa, weshalb es unzutreffend w\u00e4re, Belarus als in dieser Hinsicht einzigartig zu nennen. Der Unterschied besteht darin, dass viele der hier noch lebendigen Gebr\u00e4uche in Westeuropa seit dem 18. Jahrhundert in Vergessenheit gerieten und ganz verschwanden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-408\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/11_Lutschniki_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"570\" height=\"866\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/11_Lutschniki_gr.jpg 570w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/11_Lutschniki_gr-197x300.jpg 197w\" sizes=\"auto, (max-width: 570px) 100vw, 570px\" \/><\/p>\n<p>Mit dem Wort <em>Dsjady<\/em> wird in Wei\u00dfrussland einer der wichtigsten Tage des Totengedenkens bezeichnet. Urspr\u00fcnglich im Herbst begangen, wird der Tag in manchen Regionen Wei\u00dfrusslands bis zu sechsmal im Jahr gefeiert, z.B. an Ostern, Pfingsten, am Dreifaltigkeitsfest usw. Das Wort schlie\u00dft alle Verstorbenen ein, unabh\u00e4ngig von deren Geschlecht oder Lebensalter.<\/p>\n<p>An <em>Dsjady<\/em> veranstalten die Hinterbliebenen zu Hause, beginnend am Nachmittag oder am Abend, ein festliches Abendessen, damit die Toten in ihr ehemaliges Heim, zu ihren Familien kommen und sich sattessen und -trinken k\u00f6nnen. Deshalb wird an der Tafel immer ein Platz f\u00fcr den Verstorbenen gedeckt, Teller und Glas werden gef\u00fcllt, damit der Verstorbene Hunger und Durst stillen kann.<\/p>\n<p>F\u00fcr die russisch-orthodoxen Christen in Belarus ist <em>Raduniza<\/em> am zweiten Dienstag nach dem orthodoxen Osterfest der Totengedenktag, an dem traditionell die Gr\u00e4ber aufgesucht werden. Fr\u00fcher fand dies auch an Ostern statt, da an diesem Hochfest auch die Geistlichen auf den Friedh\u00f6fen waren, doch sie untersagten das \u00f6sterliche Totengedenken an den Gr\u00e4bern unter Verweis auf den eigentlichen Gedenktag. Da <em>Raduniza<\/em> ein gesetzlicher Feiertag ist, ist er inzwischen allerdings auch bei anderen Konfessionen der Tag, an dem die Friedh\u00f6fe aufgesucht werden.<\/p>\n<p>Grabschmuck war bis ins 19. Jahrhundert wenig verbreitet. Man stellte ein Holzkreuz mit den Lebensdaten des Verstorbenen auf, das mit der Zeit verwitterte und irgendwann ganz verschwand; Ersatz wurde nicht beschafft, wenn es endg\u00fcltig schadhaft geworden war. In anderen Regionen des Landes sind Grabm\u00e4ler aus Stein verbreiteter, auf denen jedoch auch nicht immer die genauen Lebensdaten des Verstorbenen angebracht wurden; mitunter fehlten sie sogar ganz.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-406\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/05_Heynkiewicz_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"570\" height=\"856\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/05_Heynkiewicz_gr.jpg 570w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/05_Heynkiewicz_gr-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 570px) 100vw, 570px\" \/><\/p>\n<p>Die an den Gedenktagen \u00fcblichen Rituale sind ebenfalls sehr verschiedenartig, eine <em>einzige<\/em> typische Tradition gibt es nicht. In manchen Gegenden bringt die Familie in der Kirche gesegnete Birkenzweige zum Grab, andernorts spielen rot gef\u00e4rbte Eier eine wichtige Rolle; und bis heute ist es \u00fcblich, an den Festtagen Speisen und Getr\u00e4nke am Grab zu verzehren und so den Verstorbenen einzubeziehen. Oft werden schon am Vorabend die Lieblingsgerichte des Verstorbenen zubereitet. Am Grab selbst m\u00fcssen bestimmte Vorschriften eingehalten werden, die sich mitunter von Dorf zu Dorf unterscheiden: welche Farbe die Tischdecke haben muss, ob sie auf rechts oder auf links aufgelegt werden soll, welche Gerichte mitgebracht werden und an welcher Stelle auf dem Grab das Gl\u00e4schen Wodka ausgegossen werden muss &#8211; und von wem es eingeschenkt wird und wer es ausgie\u00dft. In der Regel standen allen Ritualen &#8211; ob auf dem Friedhof oder zu Hause &#8211; die Familien\u00e4ltesten vor.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-409\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/02_Friedhof_Lipinki_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"570\" height=\"860\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/02_Friedhof_Lipinki_gr.jpg 570w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/02_Friedhof_Lipinki_gr-199x300.jpg 199w\" sizes=\"auto, (max-width: 570px) 100vw, 570px\" \/><\/p>\n<p>All diese Gebr\u00e4uche haben nichts mit Esoterik oder \u00e4hnlichen Momenten zu tun. Vielmehr handelt es sich um uralte Traditionen, die nur dar\u00fcber Zeugnis ablegen, dass in Wei\u00dfrussland den Verstorbenen gegen\u00fcber ein besonders achtungsvolles Verh\u00e4ltnis herrscht. Dessen Basis wiederum gr\u00fcndet sich in der \u00dcberzeugung, dass jedem Menschen eine bestimmte Lebenszeit gegeben sei, die ihrerseits Bestandteil des Zyklus alles Lebenden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anders als im westeurop\u00e4ischen deutschsprachigen Raum, wo der Toten in der katholischen Kirche an Allerseelen, bei den Protestanten am Totensonntag gedacht wird, gibt es in Wei\u00dfrussland weitaus vielf\u00e4ltigere, ausgesprochen facettenreiche Gebr\u00e4uche, mit denen die Familien ihre Verstorbenen w\u00fcrdigen.Die Gedenktage tragen Namen wie Dsjady (w\u00f6rtl. Gro\u00dfv\u00e4ter), Raduniza (w\u00f6rtl. Eltern-Samstag). 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