{"id":239,"date":"2019-06-10T19:09:38","date_gmt":"2019-06-10T17:09:38","guid":{"rendered":"http:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=239"},"modified":"2019-11-22T22:07:52","modified_gmt":"2019-11-22T21:07:52","slug":"die-christi-verklaerungskirche-in-bolotschitzy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=239","title":{"rendered":"Die Christi-Verkl\u00e4rungskirche in Bolotschitzy"},"content":{"rendered":"<p>Bolotschitsy befindet sich zehn Kilometer s\u00fcdwestlich von Sluzk. Ein Gr\u00fcndungsdatum ist nicht \u00fcberliefert, aber die Ortschaft existiert vermutlich schon seit dem 16. Jahrhundert, als im Zuge einer Agrarreform im Gro\u00dff\u00fcrstenturm Litauen der Ortsname mehrfach vergeben wurde.<\/p>\n<p>\u00dcber eine breite Allee voller Schlagl\u00f6cher m\u00fcht sich der Wagen die leichte Steigung hinauf, man muss beim Slalom aufpassen, nicht pl\u00f6tzlich einen entgegenkommenden Belarus-Traktor vor sich zu haben. Die ersten Holzh\u00e4user tauchen auf, s\u00fcdlich voraus ist schon die Kuppel der alten Kirche zu sehen &#8211; Bolotschitzy liegt an der Flanke einer Anh\u00f6he. Auch im Ort sind die Stra\u00dfen unbefestigt und krumm, den Blickkontakt zur Kuppel der alten Kirche sollte man nicht verlieren. Schon verl\u00e4sst man das Dorf wieder; ein paar langgestreckte Kolchos-Geb\u00e4ude sind zu sehen, noch vor ihnen erhebt sich die gar nicht einmal so kleine Holzkirche. Der Kirchhof ist eher eine Wiese, durch deren kniehohes Gras leise der Wind streicht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-247\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0219_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"822\" height=\"550\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0219_gr.jpg 822w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0219_gr-300x201.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0219_gr-768x514.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 822px) 100vw, 822px\" \/><\/p>\n<p>Im Laufe der Jahrhunderte besa\u00df der Ort mehrere Gottesh\u00e4user, anhand derer die Wechself\u00e4lle der Geschichte anschaulich werden, denen das heutige Wei\u00dfrussland unterworfen war.<\/p>\n<p>Seit 1799 gab es in der damaligen Dorfmitte eine katholische Kirche, die bis 1852 existierte. Nach dem Novemberaufstand von 1830 (dem ersten gro\u00dfen Aufstand nach den drei Teilungen Polens, der die Wiederherstellung der Unabh\u00e4ngigkeit Polens zum Ziele hatte), setzte im heutigen Wei\u00dfrussland, das damals Teil des russischen Reiches war, eine ausgepr\u00e4gte Russifizierungspolitik ein, um den Einfluss der polnischen Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter einzud\u00e4mmen. Dennoch konnte 1834 eine neue katholische Kirche in Bolotschitzy errichtet werden. 18 Jahre darauf wurde die erste russsich-orthodoxe Kirche erbaut, allerdings au\u00dferhalb des Dorfes, um keinen Konflikt mit der katholischen Mehrheit der Dorbewohner und mit den kirchlichen W\u00fcrdentr\u00e4gern zu riskieren.<\/p>\n<p>Nach der Niederschlagung des Januaraufstandes von 1863 aber wurde die katholische Kirche in Bolotschitzy geschlossen und stand zwei Jahrzehnte lang leer; gegen Ende des 19. Jahrhunderts \u00fcbernahm die russisch-orthodoxe Gemeinde das Kirchengeb\u00e4ude und weihte es als Christi-Verkl\u00e4rungs-Kirche neu.<\/p>\n<p>Mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts \u00e4nderte sich die Lage erneut. Nikolaus II. setzte im Oktober 1905, gezwungen durch die Unruhen und massiven Streiks w\u00e4hrend der Russischen Revolution von 1905, das Oktobermanifest in Kraft, das neben der Einf\u00fchrung eines Parlaments und des allgemeinen Wahlrechts f\u00fcr M\u00e4nner auch die Gew\u00e4hrung b\u00fcrgerlicher Grundrechte festschrieb.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-241\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0222_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"828\" height=\"550\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0222_gr.jpg 828w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0222_gr-300x199.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0222_gr-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 828px) 100vw, 828px\" \/><\/p>\n<p>Dies erm\u00f6glichte es den Katholiken in Bolotschitzy, an der S\u00fcdgrenze des Dorfes ein neues, aus Holz gebautes Gotteshaus zu errichten &#8211; mit rechteckigem, einschiffigem Grundriss ohne Apsis, mit Walmdach, zwei T\u00fcrmen \u00fcber dem Portal und einem Dachreiter \u00fcber dem Altar. Im Innenraum war die Decke flach und bestand aus einem verputzten Geflecht aus Pflanzenfasern und Lehm; \u00fcber dem Portal befand sich eine auf zwei S\u00e4ulen ruhende Empore, auf der die Orgel untergebracht war.<\/p>\n<p>In den 1920-er Jahren schloss die Sowjetmacht alle Kirchen des Dorfes\u00a0 &#8211;\u00a0 katholische wie russisch-orthodoxe, wobei letztere vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt wurden. W\u00e4hrend des 2. Weltkriegs funktionierte man die verbliebene katholische Kirche in ein russisch-orthodoxes Gotteshaus um. 1956 wurde es endg\u00fcltig geschlossen und fortan als Pestizid- und Herbizid-Lager f\u00fcr die benachbarte Kolchose genutzt.<\/p>\n<p>Die Perestrojka f\u00fchrte zu Beginn der 1990-er Jahre zur R\u00fcckgabe vieler konfiszierter und zweckentfremdeter Kirchen an die Gemeinden. Auch das urspr\u00fcnglich katholische, von den 1940-er Jahren bis 1956 als russisch-orthodoxe Kirche genutzte Gotteshaus wurde den Gl\u00e4ubigen zur\u00fcckgegeben. Doch seine Bausubstanz war derart von Chemikalien verseucht, dass Gottesdienste nicht m\u00f6glich waren. Daher trieb der damalige Kirchenvorsteher den Bau einer neuen Kirche voran. Das Vorhaben wurde aber bei weitem nicht von allen Dorfbewohnern unterst\u00fctzt. Letztlich aber bef\u00fcrwortete auch der Metropolit den Plan, und so wurde 1998 die neue Christi-Verkl\u00e4rungskirche im Zentrum von Bolotschitzy geweiht &#8211; bekr\u00f6nt mit dem Turm der nicht mehr nutzbaren alten Christi-Verkl\u00e4rungs-Kirche.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-245 size-full\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0229_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"816\" height=\"550\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0229_gr.jpg 816w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0229_gr-300x202.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0229_gr-768x518.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 816px) 100vw, 816px\" \/><\/p>\n<p>Doch auch die alte Kirche erh\u00e4lt weiterhin Pflege und Unterst\u00fctzung. Eine Dorfbewohnerin finanzierte die Errichtung eines neuen Turmes mit goldener Kuppel \u00fcber dem Portal der Kirche. Es steht meistenteils offen, um ein langsames Ausd\u00fcnsten der Giftstoffe zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-246\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/10_Bolotschitzy_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"570\" height=\"865\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/10_Bolotschitzy_gr.jpg 570w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/10_Bolotschitzy_gr-198x300.jpg 198w\" sizes=\"auto, (max-width: 570px) 100vw, 570px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-242\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0215_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"570\" height=\"379\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0215_gr.jpg 828w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0215_gr-300x199.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0215_gr-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 570px) 100vw, 570px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-244\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0207_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"571\" height=\"379\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0207_gr.jpg 828w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0207_gr-300x199.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0207_gr-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 571px) 100vw, 571px\" \/><\/p>\n<p>So ist die Kirche mit ihrer gesamten Ausstattung, dem Ikonostas und sonstigem Inventar, meist frei zug\u00e4nglich. Gottesdienste finden selten statt, meist an hohen kirchlichen Feiertagen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-243\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0204_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"571\" height=\"379\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0204_gr.jpg 828w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0204_gr-300x199.jpg 300w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/DSC0204_gr-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 571px) 100vw, 571px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bolotschitsy befindet sich zehn Kilometer s\u00fcdwestlich von Sluzk. Ein Gr\u00fcndungsdatum ist nicht \u00fcberliefert, aber die Ortschaft existiert vermutlich schon seit dem 16. 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