{"id":228,"date":"2019-09-20T14:07:29","date_gmt":"2019-09-20T12:07:29","guid":{"rendered":"http:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=228"},"modified":"2019-09-10T23:26:16","modified_gmt":"2019-09-10T21:26:16","slug":"vom-reisen-im-sessel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=228","title":{"rendered":"Vom Reisen im Sessel"},"content":{"rendered":"<p>Jeder Reisebericht \u2013 selbst der um Objektivit\u00e4t bem\u00fchte \u2013 kann nicht verhehlen, &#8222;meist stillschweigend und unreflektiert [&#8230;] konkrete Verh\u00e4ltnisse im eigenen Land&#8220; zu dokumentieren (Brenner 1990: 30).<\/p>\n<p>&#8222;Der Reisende sieht [&#8230;] das [&#8230;] &#8218;fremde Land&#8216; mit den Augen der Heimat&#8220; (Kessler 1982: 265).<\/p>\n<p>Brenners Schlussfolgerung, wonach sich daher &#8222;Reiseberichte nicht als realistische Wiedergabe der Wirklichkeit lesen&#8220; lassen (a.a.O.), best\u00e4tigt A. Opitz:<\/p>\n<p>&#8222;Reiseliteratur bezieht sich [&#8230;] nicht auf vorhandene Realien, sondern auf Medien im kommunikationstheoretischen Sinne (Geschichte, Wahrheit, Ich), welche die Erzeugung von Bedeutung erm\u00f6glichen, die sich durch Wahrnehmung legitimieren&#8220; (Opitz 1997: 33).<\/p>\n<p>Das wird nicht zuletzt in den Beitr\u00e4gen offenkundig, die heimgekehrte Wei\u00dfrussland-Reisende in Online-Foren ver\u00f6ffentlichen und in denen ohne jede Ber\u00fchrungsangst und oft genug auch ohne jedes Taktgef\u00fchl das Gesehene und Erlebte in Beziehung mit h\u00f6chst individuellen Wertekategorien gesetzt werden. Unterschwellig wird dabei immer der Eindruck transportiert, Belarus sei ein im Verh\u00e4ltnis zur eigenen westeurop\u00e4ischen Heimat r\u00fcckst\u00e4ndiges Land. <em>Aber diese Gastfreundschaft! Und diese Natur! Und erst die Frauen!<\/em><\/p>\n<p>Solche \u00c4u\u00dferungen sind ein besonders beredtes Beispiel daf\u00fcr, dass die Geschichte des Reiseberichts auch als Geschichte einer Losl\u00f6sung vom Diktat der Objektivit\u00e4t verstanden werden muss \u2013 vollzogen nicht nur vom Reisenden bzw. vom Reiseschreiber, sondern auch durch den Leser. So entstehen drei Bilder: erstens das Bild, das der Reisende sieht; zweitens sein Bericht dar\u00fcber; und schlie\u00dflich das Bild, das sich w\u00e4hrend und nach der Lekt\u00fcre bei jedem Leser entfaltet.<\/p>\n<p>Das galt bereits f\u00fcr die reisenden S\u00f6ldner, Pilger, Handwerker und Kaufleute des Sp\u00e4tmittelalters, f\u00fcr die Forschungsreisenden und Gelehrten der Londoner <em>Royal Society<\/em> und nat\u00fcrlich f\u00fcr die fr\u00fche Reisef\u00fchrer-Literatur, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts immer beliebter wurde (etwa der <em>Baedeker<\/em>).<\/p>\n<p>Selbst wenn mit dem Reisebericht ein wissenschaftliches Interesse verfolgt wurde (das Gesehene in Menge, Beschaffenheit usw. m\u00f6glichst vollst\u00e4ndig zu beschreiben), kam dieser Ehrgeiz praktisch von Beginn an an seine Grenzen. Man kann nicht unbegrenzt Fakten sammeln und sie komplett und objektiv pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem entdeckte der &#8217;normale Leser&#8216; den Reisebericht als Medium, das nicht nur Wissen, sondern auch Unterhaltung bot. &#8222;Die &#8218;literarische Gesellschaft&#8216; des 18. und 19. Jahrhunderts [&#8230;] fand in der Lekt\u00fcre der Reiseberichte die n\u00fctzliche Belehrung mit angenehmer Unterhaltung vereint&#8220; (Robel 1987: 16). Dies galt schon f\u00fcr die fr\u00fchen Reiseberichte Marco Polos und Sir John Mandevilles (vgl. Robel 1987: 10). Folgerichtig stiegen die Anspr\u00fcche des Publikums schnell an. Die Entstehung der <em>Reisel\u00fcge<\/em> (der authentisch pr\u00e4sentierten, aber frei erfundenen Reiseerz\u00e4hlung) als literarische Gattung ist nicht zuletzt darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die Nachfrage nach immer neuen Reiseberichten von den Verlegern nicht mehr befriedigt werden konnte.<\/p>\n<p>Wir haben es also im Ganzen mit mehreren Momenten zu tun, die im Zusammenspiel einen &#8222;literarischen Paradigmenwechsel&#8220; (Opitz 1995: 47) innerhalb der Gattung des Reiseberichts bewirkten: erstens mit der \u00dcberforderung des Reiseberichts durch die ihm zugedachte Aufgabe, Wissen unbegrenzt zu bewahren und objektiv zu pr\u00e4sentieren; zweitens mit der Forderung der Leserschaft nach Unterhaltung; und drittens mit einem Wandel des Selbstverst\u00e4ndnisses der Reiseschriftsteller selbst, die in der Skizze eine bessere Wiedergabe des Erlebten sahen als in der auf Vollst\u00e4ndigkeit angelegten Reisebeschreibung.<\/p>\n<p>Deshalb kann der Reisebericht nicht ohne seinen Verfasser und ohne seinen Leser gedacht werden. Vom schriftstellernden Reisenden wurde und wird erwartet, durch Darstellung und Hervorhebung des Einzelnen der grenzenlosen F\u00fclle der Welt Struktur und damit Sinn zu verleihen. Der Leser wiederum muss die im Reisebericht dargebotenen Elemente individuell kombinieren bzw. arrangieren. Beim schreibenden Reisenden bestimmen die Wahrnehmung und die individuelle Erfahrung des Wahrgenommenen, was und wie dargestellt wird. Der Leser nimmt die durch den Reisebericht dargestellten Eindr\u00fccke individuell wahr und kombiniert sie ggf. neu.<\/p>\n<p>Damit wird beim schreibenden Reisenden und beim &#8218;mit-reisenden&#8216; Leser der Begriff Wahrheit \u2013 in der Mehrzahl der historisch-literarischen Reiseberichte ein Standardbegriff \u2013 tats\u00e4chlich nur mehr zu einer Worth\u00fclse. Ausgerechnet im Reisebericht wird die <em>individuelle<\/em> Bedeutung der &#8222;\u00e4sthetischen Erfahrung des kulturell Unvertrauten&#8220; (Wierlacher 1983: 7) offenkundig.<\/p>\n<p>Schlie\u00dft man hieraus, dass jede \u00e4sthetische Erfahrung einzigartig ist, so folgt daraus unweigerlich, &#8222;dass der Begriff [Wahrheit] im Spiel konkurrierender Paradigmen sich immer mehr aufl\u00f6st und damit explizit zu dem wird, was er schon immer war, eine Referenz, die aus den Voraussetzungen und Funktionen des jeweiligen Systems konstituiert wird. Auch in der erfahrungsorientierten Reiseliteratur ist Wahrheit damit als formbildende Konvention zu verstehen und nicht als objektiv verifizierbarer Sachverhalt&#8220; (Opitz 1997: 49).<\/p>\n<p>Der &#8217;schriftstellernde Reisende&#8216; wird zum reisenden Schriftsteller, der Leser zum <em>armchair traveller<\/em>.<\/p>\n<p>So wurde die Kategorie der subjektiv-\u00e4sthetischen Erfahrung ausgerechnet in jener Literaturgattung zum Paradigma, die anfangs so nachdr\u00fccklich den seri\u00f6sen Charakter und die Wahrheitstreue ihrer Sujets beschwor.<\/p>\n<p>Weiterf\u00fchrende Literatur<\/p>\n<p>Brenner, P. J.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur. Ein Forschungs\u00fcberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte (= 2. Sonderheft Internationales Archiv f\u00fcr Sozialgeschichte der deutschen Literatur). T\u00fcbingen 1990. [Brenner 1990]<\/p>\n<p>Japp, U.: &#8222;Aufgekl\u00e4rtes Europa und nat\u00fcrliche S\u00fcdsee. Georg Forsters &#8218;Reise um die Welt&#8216;.&#8220; Piechotta, H. J. (Hg.): Reise und Utopie. Zur Literatur der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung (Edition Suhrkamp 766). Frankfurt 1976, 10-56.<\/p>\n<p>Kessler, W.: &#8222;Kulturbeziehungen und Reisen im 18. und 19. Jahrhundert.&#8220; Kessler, Wolfgang (Hg.): Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuropa im 18. und 19. Jahrhundert. Festschrift f\u00fcr Heinz Ischreyt zum 65. Geburtstag (= Studien zur Geschichte der Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuropa, Bd. 9). Berlin 1982, 263- 290. [Kessler 1982]<\/p>\n<p>Robel, G.: &#8222;Reisen und Kulturbeziehungen im Zeitalter der Aufkl\u00e4rung.&#8220; Krasnobaev, B. I. (Hg.): Reisen und Reisebeschreibungen im 18. und 19. Jahrhundert als Quellen der Kulturgeschichtsforschung (= Studien zur Geschichte der Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuropa, Bd. 6). Essen 1987, 9-38. [Robel 1987]<\/p>\n<p>Wierlacher, A.: &#8222;Mit fremden Augen. Vorbereitende Bemerkungen zu einer interkulturellen Hermeneutik deutscher Literatur.&#8220; Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 9 (1983), 1-16. [Wierlacher 1983]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder Reisebericht \u2013 selbst der um Objektivit\u00e4t bem\u00fchte \u2013 kann nicht verhehlen, &#8222;meist stillschweigend und unreflektiert [&#8230;] konkrete Verh\u00e4ltnisse im eigenen Land&#8220; zu dokumentieren (Brenner 1990: 30). &#8222;Der Reisende sieht [&#8230;] das [&#8230;] &#8218;fremde Land&#8216; mit den Augen der Heimat&#8220; (Kessler 1982: 265). 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