{"id":139,"date":"2019-05-30T20:27:46","date_gmt":"2019-05-30T18:27:46","guid":{"rendered":"http:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=139"},"modified":"2019-09-10T23:23:07","modified_gmt":"2019-09-10T21:23:07","slug":"puppentheater-in-russland-und-weissrussland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/?p=139","title":{"rendered":"Puppentheater in Russland und Wei\u00dfrussland"},"content":{"rendered":"<p>Die fr\u00fchesten Zeugnisse \u00fcber das Puppentheater in Russland stammen von dem deutschen Gelehrten Adam Olearius (1599\u20131671). Als Mitglied einer \u00fcber Russland nach Persien reisenden Gesandtschaft weilte er zwischen M\u00e4rz und Dezember 1636 in Russland, wo er die <em>skomorochi<\/em> erlebte, die Spielm\u00e4nner und fahrenden Kom\u00f6dianten:<\/p>\n<p><em>Es pflegen auch solche abscheuliche Dinge die Bierfidler auf \u00f6ffentlicher Strasse zu singen \/ etliche dem jungen Volcke und Kindern in einem Kunzgen- oder Poppenspiel umbs Geld zu zeigen. Dan ihre B\u00e4rend\u00e4ntzer haben auch solche Comedianten bey sich \/ die unter andern alsbald einen Possen [&#8230;] mit Poppen agiren k\u00f6nnen; Binden umb den Leib eine Decke \/ und staffeln sie \u00fcber sich \/ machen also ein theatrum portatile oder Schauplatz \/ mit welchen sie durch die Gassen umbher lauffen \/ und darauf die Poppen spielen lassen k\u00f6nnen<\/em> (Olearius, Adamus: Des Welt-ber\u00fchmten Adami Olearii colligirte und viel vermehrte Reise-Beschreibungen Bestehend in der nach Mu\u00dfkau und Persien. Hamburg 1696. 3. Buch, S. 98.). Wie in anderen Regionen Westeuropas ist das Puppenspiel auch in Russland zun\u00e4chst auf traditionelle Br\u00e4uche und heidnische Lebensvorstellungen zur\u00fcckf\u00fchrbar und nahm erst sp\u00e4ter \u2013 ebenfalls nach ausl\u00e4ndischem Vorbild \u2013 satirischen Charakter an. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert erfreute sich die Figur des <em>Petruschka<\/em> besonderer Popularit\u00e4t. Er \u00fcberwindet nicht nur die weltliche und geistliche Obrigkeit, sondern erweist sich sich auch in Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Teufel als der St\u00e4rkere.<\/p>\n<p>Die Untermalung der zumeist von 1\u20132 Personen gespielten Szenen besorgten zun\u00e4chst Gusli- und Pfeifenspieler. Ab Ende des 19. Jahrhunderts begleiten immer h\u00e4ufiger Drehorgeln die Vorstellungen. Die \u201eB\u00fchne\u201c gaben Sch\u00fcrzen ab, die am G\u00fcrtel der Puppenspieler befestigt und nach oben \u00fcber die K\u00f6pfe gezogen wurden, sp\u00e4ter wurden einfache, ein- bis dreiteilige Wandschirme verwendet, oder man warf ein gr\u00f6\u00dferes St\u00fcck Stoff \u00fcber eine zwischen zwei Stangen gespannte Schnur. Die Puppenspieler benutzten Handpuppen mit gro\u00dfen, aus Holz geschnitzten oder aus Lappen und Karton geformten und auf den Zeigefinger gesteckten K\u00f6pfen. Der allegorische Charakter der Handlung bewirkte eine stark verallgemeinerte Darstellung der Charaktere ohne detailliertere Ausgestaltung.<\/p>\n<p>In Wei\u00dfrussland verbreitete sich bereits an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert das mystisch-religi\u00f6se Theater (<em>Batlejka<\/em>), in dem zun\u00e4chst Szenen aus den Evangelien dargestellt wurden. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts fanden auch Sujets aus dem t\u00e4glichen Leben der Menschen Einzug in die Vorstellungen. Die Charaktere wurden vielf\u00e4ltiger: Neben den \u201eMoskowiter\u201c traten Zigeuner, polnische <em>Pani<\/em> (Herren), Schankwirte, der Bauer Mosej und andere Personen.<\/p>\n<p>Die Figur des Petruschka verlor seit Mitte des 19. Jahrhunderts allm\u00e4hlich an Kontur, als die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit der traditionellen Kom\u00f6die mit dem Erwachen eines b\u00fcrgerlichen Gesellschaftsbewusstseins immer offenkundiger wurde. Die fahrenden Puppenspieler gerieten unter Verfolgung, und auch die Versuche satirischer Schriftsteller wie W. S. Kurotschkin (1831\u20131875), das Puppentheater durch die Erweiterung des Repertoires zu erneuern, waren wegen der allgegenw\u00e4rtigen zaristischen Zensur nicht von Erfolg gekr\u00f6nt. Gleichzeitig versuchten Anh\u00e4nger wie Gegner der Autokratie, die Volksn\u00e4he des Puppentheaters f\u00fcr sich zu nutzen.<\/p>\n<p>Bis zur Oktoberrevolution hatten solche Bem\u00fchungen nur geringen Erfolg. Nach 1918 gewann jedoch das Puppentheater als Theater f\u00fcr Kinder wie als B\u00fchne f\u00fcr politische Agitation erneut an Bedeutung. Zur Auff\u00fchrung kamen sowohl Klassiker (z.B. <em>Das M\u00e4rchen vom Zaren Saltan<\/em> und die Fabeln I. A. Krylovs, 1769\u20131844) als auch allegorische Sujets wie <em>David und Goliath<\/em> (David i Goliaf) oder <em>Der Krieg der Kartenk\u00f6nige<\/em> (Wojna kartotschnych korolej). Das sog. Agit-Theater verbreitete sich besonders stark in den Jahren des B\u00fcrgerkriegs; aufgef\u00fchrt wurden Werke von W. W. Majakowski (1893\u20131930), Demjan Bednyj (1883\u20131945) und anderen zeitgen\u00f6ssischen Dichtern und Schriftstellern.<\/p>\n<p>Als folgenreich f\u00fcr die Geschichte des sowjetischen Puppentheaters erwies sich das Mitte der 1920-er Jahre gegr\u00fcndete <em>Leningrader Puppentheater<\/em> (Leningradski teatr kukol), an dem professionelle Dramaturgen, Komponisten, Maler und Bildhauer besch\u00e4ftigt waren und bald auch professionelle Puppenspieler ausgebildet wurden. Diesem Beispiel folgend, wurden auch in anderen St\u00e4dten der Sowjetunion Puppen- und Marionettentheater wiederbelebt oder ins Leben gerufen. Das <em>Zentrale Puppentheater<\/em> (Cetral&#8217;nyj teatr kukol; 1930) erweiterte und systematisierte die darstellerischen M\u00f6glichkeiten dieser speziellen Form der szenischen Darstellung. Auch hier wurden Klassiker der Weltliteratur neben Werken sowjetischer Schriftsteller auf die B\u00fchne gebracht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des 2. Weltkriegs wurde die Tradition des Agit-Theaters wiederbelebt. In den 1950-er und 1960-er Jahren erfuhr das Figurentheater immer st\u00e4rkere Verbreitung; die Zahl der Theater wuchs, man organisierte nationale und internationale Wettbewerbe. In ganz Osteuropa wurden feste staatliche B\u00fchnen eingerichtet, die damit verkn\u00fcpften Berufe wurden in umfangreichen Ausbildungen vermittelt. Bis heute existieren viele dieser H\u00e4user auch in Wei\u00dfrussland. Weiterhin staatlich organisiert und finanziert, haben sie zwar mit bauf\u00e4lligen Geb\u00e4uden und wachsenden Betriebskosten zu k\u00e4mpfen, sind jedoch zugleich fester Bestandteil der wei\u00dfrussischen Kulturlandschaft. Das Repertoire richtet sich nicht nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene und umfasst wie bisher die Klassiker der Weltliteratur, der russischen und sowjetischen Literaturgeschichte sowie neue, speziell f\u00fcr die Puppenb\u00fchnen geschriebene St\u00fccke.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-57\" src=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/ppt_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"534\" srcset=\"https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/ppt_gr.jpg 524w, https:\/\/unter-weissen-fluegeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/ppt_gr-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die fr\u00fchesten Zeugnisse \u00fcber das Puppentheater in Russland stammen von dem deutschen Gelehrten Adam Olearius (1599\u20131671). 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