Kategorie: Verschiedenes

Vom Reisen im Sessel

Jeder Reisebericht – selbst der um Objektivität bemühte – kann nicht verhehlen, „meist stillschweigend und unreflektiert […] konkrete Verhältnisse im eigenen Land“ zu dokumentieren (Brenner 1990: 30).

„Der Reisende sieht […] das […] ‚fremde Land‘ mit den Augen der Heimat“ (Kessler 1982: 265).

Brenners Schlussfolgerung, wonach sich daher „Reiseberichte nicht als realistische Wiedergabe der Wirklichkeit lesen“ lassen (a.a.O.), bestätigt A. Opitz:

„Reiseliteratur bezieht sich […] nicht auf vorhandene Realien, sondern auf Medien im kommunikationstheoretischen Sinne (Geschichte, Wahrheit, Ich), welche die Erzeugung von Bedeutung ermöglichen, die sich durch Wahrnehmung legitimieren“ (Opitz 1997: 33).

Das wird nicht zuletzt in den Beiträgen offenkundig, die heimgekehrte Weißrussland-Reisende in Online-Foren veröffentlichen und in denen ohne jede Berührungsangst und oft genug auch ohne jedes Taktgefühl das Gesehene und Erlebte in Beziehung mit höchst individuellen Wertekategorien gesetzt werden. Unterschwellig wird dabei immer der Eindruck transportiert, Belarus sei ein im Verhältnis zur eigenen westeuropäischen Heimat rückständiges Land. Aber diese Gastfreundschaft! Und diese Natur! Und erst die Frauen!

Solche Äußerungen sind ein besonders beredtes Beispiel dafür, dass die Geschichte des Reiseberichts auch als Geschichte einer Loslösung vom Diktat der Objektivität verstanden werden muss – vollzogen nicht nur vom Reisenden bzw. vom Reiseschreiber, sondern auch durch den Leser. So entstehen drei Bilder: erstens das Bild, das der Reisende sieht; zweitens sein Bericht darüber; und schließlich das Bild, das sich während und nach der Lektüre bei jedem Leser entfaltet.

Das galt bereits für die reisenden Söldner, Pilger, Handwerker und Kaufleute des Spätmittelalters, für die Forschungsreisenden und Gelehrten der Londoner Royal Society und natürlich für die frühe Reiseführer-Literatur, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts immer beliebter wurde (etwa der Baedeker).

Selbst wenn mit dem Reisebericht ein wissenschaftliches Interesse verfolgt wurde (das Gesehene in Menge, Beschaffenheit usw. möglichst vollständig zu beschreiben), kam dieser Ehrgeiz praktisch von Beginn an an seine Grenzen. Man kann nicht unbegrenzt Fakten sammeln und sie komplett und objektiv präsentieren.

Außerdem entdeckte der ’normale Leser‘ den Reisebericht als Medium, das nicht nur Wissen, sondern auch Unterhaltung bot. „Die ‚literarische Gesellschaft‘ des 18. und 19. Jahrhunderts […] fand in der Lektüre der Reiseberichte die nützliche Belehrung mit angenehmer Unterhaltung vereint“ (Robel 1987: 16). Dies galt schon für die frühen Reiseberichte Marco Polos und Sir John Mandevilles (vgl. Robel 1987: 10). Folgerichtig stiegen die Ansprüche des Publikums schnell an. Die Entstehung der Reiselüge (der authentisch präsentierten, aber frei erfundenen Reiseerzählung) als literarische Gattung ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Nachfrage nach immer neuen Reiseberichten von den Verlegern nicht mehr befriedigt werden konnte.

Wir haben es also im Ganzen mit mehreren Momenten zu tun, die im Zusammenspiel einen „literarischen Paradigmenwechsel“ (Opitz 1995: 47) innerhalb der Gattung des Reiseberichts bewirkten: erstens mit der Überforderung des Reiseberichts durch die ihm zugedachte Aufgabe, Wissen unbegrenzt zu bewahren und objektiv zu präsentieren; zweitens mit der Forderung der Leserschaft nach Unterhaltung; und drittens mit einem Wandel des Selbstverständnisses der Reiseschriftsteller selbst, die in der Skizze eine bessere Wiedergabe des Erlebten sahen als in der auf Vollständigkeit angelegten Reisebeschreibung.

Deshalb kann der Reisebericht nicht ohne seinen Verfasser und ohne seinen Leser gedacht werden. Vom schriftstellernden Reisenden wurde und wird erwartet, durch Darstellung und Hervorhebung des Einzelnen der grenzenlosen Fülle der Welt Struktur und damit Sinn zu verleihen. Der Leser wiederum muss die im Reisebericht dargebotenen Elemente individuell kombinieren bzw. arrangieren. Beim schreibenden Reisenden bestimmen die Wahrnehmung und die individuelle Erfahrung des Wahrgenommenen, was und wie dargestellt wird. Der Leser nimmt die durch den Reisebericht dargestellten Eindrücke individuell wahr und kombiniert sie ggf. neu.

Damit wird beim schreibenden Reisenden und beim ‚mit-reisenden‘ Leser der Begriff Wahrheit – in der Mehrzahl der historisch-literarischen Reiseberichte ein Standardbegriff – tatsächlich nur mehr zu einer Worthülse. Ausgerechnet im Reisebericht wird die individuelle Bedeutung der „ästhetischen Erfahrung des kulturell Unvertrauten“ (Wierlacher 1983: 7) offenkundig.

Schließt man hieraus, dass jede ästhetische Erfahrung einzigartig ist, so folgt daraus unweigerlich, „dass der Begriff [Wahrheit] im Spiel konkurrierender Paradigmen sich immer mehr auflöst und damit explizit zu dem wird, was er schon immer war, eine Referenz, die aus den Voraussetzungen und Funktionen des jeweiligen Systems konstituiert wird. Auch in der erfahrungsorientierten Reiseliteratur ist Wahrheit damit als formbildende Konvention zu verstehen und nicht als objektiv verifizierbarer Sachverhalt“ (Opitz 1997: 49).

Der ’schriftstellernde Reisende‘ wird zum reisenden Schriftsteller, der Leser zum armchair traveller.

So wurde die Kategorie der subjektiv-ästhetischen Erfahrung ausgerechnet in jener Literaturgattung zum Paradigma, die anfangs so nachdrücklich den seriösen Charakter und die Wahrheitstreue ihrer Sujets beschwor.

Weiterführende Literatur

Brenner, P. J.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur. Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte (= 2. Sonderheft Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur). Tübingen 1990. [Brenner 1990]

Japp, U.: „Aufgeklärtes Europa und natürliche Südsee. Georg Forsters ‚Reise um die Welt‘.“ Piechotta, H. J. (Hg.): Reise und Utopie. Zur Literatur der Spätaufklärung (Edition Suhrkamp 766). Frankfurt 1976, 10-56.

Kessler, W.: „Kulturbeziehungen und Reisen im 18. und 19. Jahrhundert.“ Kessler, Wolfgang (Hg.): Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuropa im 18. und 19. Jahrhundert. Festschrift für Heinz Ischreyt zum 65. Geburtstag (= Studien zur Geschichte der Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuropa, Bd. 9). Berlin 1982, 263- 290. [Kessler 1982]

Robel, G.: „Reisen und Kulturbeziehungen im Zeitalter der Aufklärung.“ Krasnobaev, B. I. (Hg.): Reisen und Reisebeschreibungen im 18. und 19. Jahrhundert als Quellen der Kulturgeschichtsforschung (= Studien zur Geschichte der Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuropa, Bd. 6). Essen 1987, 9-38. [Robel 1987]

Wierlacher, A.: „Mit fremden Augen. Vorbereitende Bemerkungen zu einer interkulturellen Hermeneutik deutscher Literatur.“ Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 9 (1983), 1-16. [Wierlacher 1983]

Weißrusslands Nationalflagge

Das Aussehen der weißrussischen Nationalfahne wurde am 7. Juni 1995 verabschiedet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten vier Jahre lang die weiß-rot-weißen Landesfarben Bestand, die bereits zwischen 1919 und 1925 von der weißrussischen Exilregierung verwendet worden waren.

Die gegenwärtig gültige Nationalflagge zeigt indessen stärkere Anklänge an die Symbolik der Sowjetunion, es fehlen nur Hammer und Sichel. Das Muster am Rand macht ein Neuntel der Fahnenlänge aus und stellt ein traditionelles weißrussisches Ornament dar. Zwei Drittel der Flaggenhöhe werden von der Farbe Rot eingenommen; sie soll das bei der Verteidigung der Heimat vergossene Blut symbolisieren. Die grüne Fläche schließlich versinnbildlicht Weißrusslands Waldreichtum.

Saporoschez 966 und 968

Die Ursprünge der Saporischjaer Automobilbau-Fabrik (ukrain. Saporisky Awtomobilebudiwny Sawod, SAS) gehen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als der aus Deutschland eingewanderte J. Koop einen Betrieb zur Herstellung von Landmaschinen gründete. 1960 wurde der erste Personenwagen vorgestellt, der Saporoschez 965, dessen Design stark ans Äußere des Fiat 600 angelehnt war. Der kleine Italiener wurde ab 1955 produziert und war so erfolgreich, dass zahlreiche Lizenzproduktionen aufgelegt wurden, u.a. in Spanien (Seat 600), Jugoslawien (Zastava 750) und Deutschland (NSU Fiat Jagst). In der sowjetischen Variante war ein 0,7 Liter großer Heckmotor verbaut.

Stilistisches Vorbild des Nachfolgers Saporoschez 966/968 war unverkennbar der seit 1961 gebaute NSU Prinz 4. Anders als bei diesem war im Saporoschez anfangs ein ebenfalls im Heck angeordneter V4-Motor mit 0,9 Litern Hubraum und 27 PS montiert. Er wurde bald durch einen 1,2-Liter-Reihen-Vierzylindermotor ersetzt, den 1972 erneut ein V4-Motor mit 40 PS ablöste. Der Wagen wurde außer in den Warschauer-Pakt-Staaten auch in Belgien als Jalta 1000 mit einem Motor von Renault verkauft.

Schon bei der ersten Baureihe deuteten die großen Lufteinlässe eines der Hauptprobleme des Fahrzeugs an: die Überhitzung der anfangs luftgekühlten Motoren. Bei in Weißrussland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion erhaltenen 968-Modellen sieht man mitunter die abenteuerlichsten Eigenkonstruktionen zur Verbesserung der thermischen Belastbarkeit des Aggregats. Neben pausbäckigen Luftleitblechen an den hinteren Kotflügeln wurde gern auch unförmige Hutzen über die Kühlschlitze der Motorhaube aufgesetzt.

Wegen seines knatternden Motorensounds, seiner Hochbeinigkeit und seines durch die Heckmotor-Bauweise nicht nur im Grenzbereich problematischen Fahrverhaltens wurde der Wagen nie richtig ernstgenommen, die diversen Schiguli-Varianten etwa (in Westeuropa als Lada Nova bekannt) waren deutlich beliebter. Andererseits erwies sich das ab Werk lieblos verarbeitete Fahrzeug als recht robust und erlangte in ländlichen Gegenden wegen seiner “beispielhaften Federung und Dämpfung” eine gewisse Beliebtheit.

(Für die Details vergleiche Michael Dünnebier; Eberhard Kittler: Personenkraftwagen sozialistischer Länder. Berlin-O. 1990, 167-171).