Meridian 28 – Interview

Merdian 28 ist eine Gruppe weißrussischer Reise-Enthusiasten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, in ihrer Heimat versteckte, unbekannte, vergessene Orte aufzusuchen und über sie zu berichten. „Unser Projekt“, heißt es auf der Startseite der Gruppe im Internet, „beinhaltet das, worüber in Reiseführern nicht geschrieben wird. Meridian 28 interessiert sich für Festungsanlagen aller Epochen, Objekte des Kalten Krieges, wichtige historische und Kulturdenkmäler, verlassene Gutshäuser und Schlösser, interessante Naturdenkmäler und Kulturlandschaften. Wir sind fest überzeugt, dass unser Land unglaublich reich an interessanten und unbekannten Orten ist. Unsere Werte sind Freundschaft, Achtung und Gewissenhaftigkeit. In unserem Projekt setzen wir unsere Ideen um, und wir tun das unglaublich gern!“

Die bisherigen Expeditionen des Meridian 28-Teams haben zu einer beeindruckenden Vielzahl spannender Entdeckungen geführt. „Unter weißen Flügeln“ sprach mit dem verantwortlichen Redakteur Maksim Tarnalitskij.

Maksim, erzählen Sie kurz etwas über sich selbst.

Ich bin 28 Jahre alt. Ich lebe in Minsk und arbeite als Fotojournalist für eine der größten Internet-Informationsseiten Weißrusslands. Mein Hobby sind Reisen zu unbekannten Orten.

Was für eine Ausbildung haben Sie? Steht Ihr Projekt „Meridian 28“ damit in Verbindung?

Ich habe ein Studium an der Historischen Fakultät der Weißrussischen Staatlichen Universität absolviert. „Meridian 28“ ist indirekt mit historischen Themen verbunden, hat aber eher publizistischen Charakter.

Sie wenden viel Zeit und Mittel für Ihr Projekt auf. Wie finanzieren Sie Ihre Reisen, die Kosten für die Internetpräsenz usw.?

Für das Projekt werden ausschließlich die eigene Freizeit und die eigene Kraft verwendet. Leider gelingt es nicht immer, angedachte Reisen zu realisieren, weil die Zeit fehlt. Die Finanzierung geschieht aus eigener Tasche, zum Glück ist hierfür nicht allzu viel Geld notwendig.

Gab es einen Anstoß für das Projekt?

Nein, uns hat das Reisen schon immer Spaß gemacht. „Meridian 28“ ist das Ergebnis, unseren Reisen einen übergeordneten Sinn zu verleihen und sie zu systematisieren.

Wie haben Sie Ihre Mitstreiter kennengelernt? Während des Studiums? Oder hat Sie das Projekt zusammengeführt?

Reisen und Recherchen führen Menschen oft zusammen. Mit Leonid Uwarow, einem der Projektgründer, bin ich zusammen zur Schule gegangen, wir sind schon lange befreundet. Aleksandr Aleksandrow stieß Dank seiner langjährigen Leidenschaft fürs Reisen durch ganz Weißrussland zu uns.

Gibt es eine bestimmte „Frequenz“ Ihrer Expeditionen, oder beschließen Sie Ihre Fahrten und Ziele spontan?

Wir haben eine Auswahl von Orten und Zielen, aber feste Pläne gibt es nicht. Die Reisen und Forschungen finden spontan statt, abhängig von der Zeit, die wir zur Verfügung haben.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, was Sie anschauen werden? Nach eigenem Interesse? Unter Berücksichtigung der Interessen Ihrer Leser? Gemäß den finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten?

Das Geld und die Interessen des Publikums spielen keine Rolle. Wir machen das Projekt für uns selbst, und dabei haben unsere Interessen oberste Priorität. Häufig richten sich Reiseroute und Expeditionsthema nach der Zeit, die wir für die jeweilige Fahrt aufwenden möchten.

Gibt es in Ihrem Team feste Zuständigkeiten? Wer ist wofür verantwortlich?

Klar abgegrenzte Zuständigkeiten gibt es nicht. Jeder tut, was er am besten kann. Ich mache die redaktionelle Arbeit und die Planung, schreibe Texte und fotografiere. Die anderen Mitglieder des Teams unterstützen mich dabei.

Wie reagieren die Leute vor Ort darauf, dass Sie Orte in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft erforschen?

Oft ist es den Leuten vor Ort völlig gleichgültig.

Wie steht Ihre Familie zu „Meridian 28“? Unterstützt sie Sie, oder stören Ihre Expeditionen das Familienleben?

Meine Familie hat Verständnis für mein Hobby. Die Reisen könnten das Familienleben nur stören, wenn es in der Familie keine Harmonie und kein Verständnis gäbe.

Hinsichtlich des Erhaltungszustandes von Sehenswürdigkeiten und Kulturschätzen ist die Situation in Deutschland deutlich besser als in Belarus. Angenommen, alle Architekturdenkmäler Weißrusslands befänden sich in gutem Zustand und wären problemlos zugänglich – würde Ihnen das gefallen, oder würden Sie es eher bedauern, keine Möglichkeit mehr zu haben, vergessene Denkmäler zu entdecken?

Wenn in Weißrussland alle Denkmäler in solch einem Zustand wären wie in Deutschland, würden wir uns sicher nicht mit etwas beschäftigen wie „Meridian 28“. Wahrscheinlich würden wir uns einen Wohnwagen kaufen und so reisen, wie man es in Europa tut.

Wenn man davon ausgeht, dass sich die Völker der Welt durch bestimmte Eigenschaften oder einen bestimmten „Charakter“ auszeichnen – wie würden Sie dann die Weißrussen beschreiben?

In der weißrussischen Sprache gibt es das Wort „pamjarkouny“, das bedeutet nachgiebig, entgegenkommend, fügsam. Das ist die typische Eigenschaft und zugleich das Unglück aller Weißrussen.

Osada Dedino – ist Großvaters Landgut dem Untergang geweiht?

Unweit des Dorfes Dedino (Kreis Mijory, Gebiet Witebsk) steht das Landgut der alteingesessenen Adelsfamilie Rudnitzki. „Osada Dedino“ bedeutet so viel wie „Großväterliche Besitzung“, „Großväterliches Erbe“. Erstmals belegt ist der Ort in Quellen, die ins 16. Jahrhundert datieren, die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1517. Wenige Jahrzehnte später, 1550, wird das Dorf bereits als Siedlung mit einer Kirche geführt.

Ende des 17. Jahrhunderts gelangte das Dorf in den Besitz der Familie Rodominow (Rudominow) – eines uralten Geschlechts im Großfürstentum Litauen, das Kaufleute, Diplomaten, Offiziere und Literaten hervorgebracht hatte. 1768 verkauft die Familie das Dorf und die Ländereien an Jan Rudnitzkij, der im Großfürstentum Litauen den Rang eines Rittmeisters bekleidete. Damit wurde der Ort zum Stammsitz der Rudnitzkis.

1810 veranlasste Alexander Rudnitzkij, der Son Jan Rudnitzkis, den Neubau eines Gutshauses nach Plänen des polnisch-litauischen Architekten Witkowski, von dem Namen und Lebens- und Sterbedaten nicht überliefert sind. 1820 wurde der Bau des Herrenhauses vollendet. Vor dem Gebäude wurde ein Landschaftspark angelegt, dessen Anlage heute noch erkennbar ist.

Beim Gebäude handelt es sich um einen rechteckigen Bau mit Walmdach. Den Zugang überdacht ein von vier Säulen getragener Portikus. Karnise und Risalite gliedern Vorder- und Seitenfassaden. Im Innern führt vom Vestibül eine Treppe ins Obergeschoss. Die Aufteilung der Räumlichkeiten war im Erdgeschoss annähernd quadratisch bzw. rechteckig; im Obergeschoss gab es einen Saal und weitere, großzügig angelegte repräsentative Räumlichkeiten. Im Untergeschoss befanden sich die Wirtschaftsräume.

Das Landgut blieb über Generationen im Besitz der Familie Rudnitzki, bis Siegmund Rudnitzki, bekannt und berüchtigt für seinen aufwendigen, verschwenderischen Lebensstil, gezwungen war, es in den 1930er Jahren an die Familie Wischnewetzki überschreiben zu lassen, um seine Schulden bei ihnen zu begleichen. Neun Jahre später jedoch gelang es Siegmunds Schwägerin Aljona Jablonskaja, den Besitz zurückzukaufen; sie überschrieb ihn jedoch nicht Siegmund, sondern der Universität Winniza (in der heutigen Ukraine gelegen).

Mit Beginn des 2. Weltkriegs kehrte Siegmund Rudnitzki nach Dedino zurück. Als das Gebiet von den deutschen Truppen besetzt wurde, ernannten sie Siegmund zum Dorfältesten. Gegenüber der Dorfbevölkerung verhielt dieser sich jedoch immer gutherzig und erfüllte die Befehle der deutschen Besatzer nicht, wofür er schließlich ermordet wurde, nachdem er zuvor sein eigenes Grab hatte ausheben müssen. Wo sich dies befindet, ist unbekannt; aber gegenüber vom Gutshaus war einst seine Mutter, Maria Rudnitzki, beerdigt. Das Grab wurde von Grabräubern geplündert, aber der Grabstein ist erhalten und befindet sich noch auf dem Gelände.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gutshaus unterschiedlich genutzt, u.a. als Verwaltungsgebäude der Kolchose „Der Weg Lenins“. Seit den 1970-er Jahren verfällt es zusehends. Der Versuch, es an einen Investor zu verkaufen, schlug fehl. Da weder die Gemeinde noch der Landkreis oder die Gebietsverwaltung über die Mittel zur Restaurierung und Unterhaltung des Denkmals verfügen, scheint es dem Untergang geweiht zu sein.

Weißrusslands Nationalflagge

Das Aussehen der weißrussischen Nationalfahne wurde am 7. Juni 1995 verabschiedet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten vier Jahre lang die weiß-rot-weißen Landesfarben Bestand, die bereits zwischen 1919 und 1925 von der weißrussischen Exilregierung verwendet worden waren.

Die gegenwärtig gültige Nationalflagge zeigt indessen stärkere Anklänge an die Symbolik der Sowjetunion, es fehlen nur Hammer und Sichel. Das Muster am Rand macht ein Neuntel der Fahnenlänge aus und stellt ein traditionelles weißrussisches Ornament dar. Zwei Drittel der Flaggenhöhe werden von der Farbe Rot eingenommen; sie soll das bei der Verteidigung der Heimat vergossene Blut symbolisieren. Die grüne Fläche schließlich versinnbildlicht Weißrusslands Waldreichtum.

Saporoschez 966 und 968

Die Ursprünge der Saporischjaer Automobilbau-Fabrik (ukrain. Saporisky Awtomobilebudiwny Sawod, SAS) gehen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als der aus Deutschland eingewanderte J. Koop einen Betrieb zur Herstellung von Landmaschinen gründete. 1960 wurde der erste Personenwagen vorgestellt, der Saporoschez 965, dessen Design stark ans Äußere des Fiat 600 angelehnt war. Der kleine Italiener wurde ab 1955 produziert und war so erfolgreich, dass zahlreiche Lizenzproduktionen aufgelegt wurden, u.a. in Spanien (Seat 600), Jugoslawien (Zastava 750) und Deutschland (NSU Fiat Jagst). In der sowjetischen Variante war ein 0,7 Liter großer Heckmotor verbaut.

Stilistisches Vorbild des Nachfolgers Saporoschez 966/968 war unverkennbar der seit 1961 gebaute NSU Prinz 4. Anders als bei diesem war im Saporoschez anfangs ein ebenfalls im Heck angeordneter V4-Motor mit 0,9 Litern Hubraum und 27 PS montiert. Er wurde bald durch einen 1,2-Liter-Reihen-Vierzylindermotor ersetzt, den 1972 erneut ein V4-Motor mit 40 PS ablöste. Der Wagen wurde außer in den Warschauer-Pakt-Staaten auch in Belgien als Jalta 1000 mit einem Motor von Renault verkauft.

Schon bei der ersten Baureihe deuteten die großen Lufteinlässe eines der Hauptprobleme des Fahrzeugs an: die Überhitzung der anfangs luftgekühlten Motoren. Bei in Weißrussland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion erhaltenen 968-Modellen sieht man mitunter die abenteuerlichsten Eigenkonstruktionen zur Verbesserung der thermischen Belastbarkeit des Aggregats. Neben pausbäckigen Luftleitblechen an den hinteren Kotflügeln wurde gern auch unförmige Hutzen über die Kühlschlitze der Motorhaube aufgesetzt.

Wegen seines knatternden Motorensounds, seiner Hochbeinigkeit und seines durch die Heckmotor-Bauweise nicht nur im Grenzbereich problematischen Fahrverhaltens wurde der Wagen nie richtig ernstgenommen, die diversen Schiguli-Varianten etwa (in Westeuropa als Lada Nova bekannt) waren deutlich beliebter. Andererseits erwies sich das ab Werk lieblos verarbeitete Fahrzeug als recht robust und erlangte in ländlichen Gegenden wegen seiner “beispielhaften Federung und Dämpfung” eine gewisse Beliebtheit.

(Für die Details vergleiche Michael Dünnebier; Eberhard Kittler: Personenkraftwagen sozialistischer Länder. Berlin-O. 1990, 167-171).

Baustelle im Nirgendwo

Fast wirkt es so, als wäre diese Baustelle im Niemandsland – tatsächlich handelte es sich aber um Drainage-Arbeiten zur Be- und Entwässerung landwirtschaftlich genutzter Flächen.

Die Kreuzerhöhungskirche in Golynka

Die Kreuzerhöhungskirche im Dorf Golynka wurde in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts aus verputztem Ziegelmauerwerk erbaut. Ursprünglich war es ein russich-orthodoxes, dem Heiligen Michael geweihtes Gotteshaus. 1919 wurde es katholisch und heißt seitdem Kreuzerhöhungskirche.

Über dem Hauptportal des rechteckigen Gebäudes im pseudorussischen Stil erhebt sich ein zweistöckiger Glockenturm mit achteckigem Turmhelm und Zeltdach. Die Vierung ist ebenfalls mit einem Zeltdach gedeckt, das seinerseits mit einem niedrigen Türmchen bekrönt ist. Auf Haupt- und Seitenschiffen liegt jeweils ein einfaches Pultdach. Die Wände sind von rundbogenförmigen Einzel- und Doppelfenstern durchbrochen. Die Deckengewölbe sind mit Holz verkleidet; die Empore wird von zwei achteckigen hölzernen Säulen getragen.

Poststationen in Weißrussland

Die Entstehung von Poststationen geht auf dem Territorium des Russischen Reiches bis in die Zeit Peters d. Gr. (1672-1725) zurück. Im Zuge der Entwicklung von Verkehrswegen musste die für die schnelle Beförderung von Depeschen und anderen Dokumenten nötige Infrastruktur ausgebaut werden – insbesondere der regelmäßige Wechsel der Postpferde war von großer Bedeutung. Zunächst nur in hölzernen Bauernhäusern und improvosierten landwirtschaftlichen Gebäuden untergebracht, wurde die Entwicklung solcher Stationen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmend planvoll angegangen („Plan zur Einführung von Poststationen und Amtsbezeichnungen ihrer Inhaber“ vom 22.03.1770).

Das Gebiet des heutigen Weißrussland gehörte zu dieser Zeit zum Doppelstaat Polen-Litauen, der in drei Teilungen zwischen 1772 und 1793 zerschlagen wurde. Weißrussland fiel dabei vollständig unter russische Herrschaft, was die rasche Angleichung der Verkehrs-Infrastruktur an die im russischen Reich üblichen Standards erforderlich machte.

Die bis dahin in unregelmäßigen Entfernungen unterhaltenen hölzernen Stationsgebäude, die sich kaum von gewöhnlichen Bauernhütten unterschieden, wurden bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts durch besser geeignete Bauten ersetzt. In den 1830-er Jahren existierten – insbesondere auf den wichtigen Verkehrswegen nach Westeuropa – um die 70 Poststationen, von denen etwa ein Drittel aus Stein erbaut war. Grundriss und Architektur folgten der (auch im übrigen Gebiet des Reiches erst 1820 per Dekret festgelegten) Typologie: Die Fassade des eingeschossigen Stationsgebäudes war der Straße zugewandt; im Innern befanden sich das Büro des Stationsvorstehers und Räumlichkeiten für die Fahrgäste. Je nach Bedeutung und Größe der Station waren hier Tische, Stühle und ein Buffet untergebracht, wo die Reisenden Kaffee, Tee und auch Spirituosen kaufen konnten.

Rechts und links des Gebäudes schlossen sich die Tore für Zu- und Abfahrt der Fuhrwerke und Equipagen an. Das gesamte Grundstück war seitlich und nach hinten durch einen Zaun oder eine Mauer eingefasst, an deren Längs- und Querseiten sich Wirtschaftsgebäude, eine Remise, Scheunen, Stallungen und Unterkünfte für die Bediensteten der Fahrgäste befanden.

Abb. aus: Tschatorowa, E. R.: Architekturnaja tipologija potschtowych stanzionnych domow Moskowsko-Sibirskogo trakta w Tomskoj gubernii XIX v. (Die architektonische Typologie der Poststationshäuser des Fernweges von Moskau nach Sibirien im Gouvernement Tomsk im XIX Jahrhundert), Tomsk 2015, S. 78.

Es handelte sich bei diesen Poststationen also nicht nur um ein einzelnes Gebäude sondern um einen zusammenhängenden, zweckmäßigen architektonischen Komplex. 1823, 1843 und 1846 überarbeitete die Regierung die 1820 eingeführte Typologie dieser Anlagen. Je nach Größe entsprach die einzelne Station einer festgelegten, von I bis IV nummerierten Kategorie. Kleinere und größere Stationen wechselten sich entlang der Straße ab. Auf drei bis vier kleinere Stationen, teilweise ohne eignen Hof und Wirtschaftsgebäude, folgte eine größere mit den bereits erwähnten Annehmlichkeiten für Reisende und Bedienstete. In historischen Akten ebenso wie in zeitgenössischen Reiseberichten gibt es jedoch Hinweise darauf, dass die Bauvorschriften oft nicht immer eingehalten wurden, sondern sich im Gegenteil Anspruch und Wirklichkeit deutlich unterschieden und der Reisende anstelle einer zweckmäßigen, einen gewissen Komfort bietenden Anlage vernachlässigte Gebäude vorfand, die sich kaum von den Bauernhütten der angrenzenden Weiler unterschieden.

Heute gibt es in Weißrussland noch rund fünfzig historische Poststationen. Ihrem ursprünglichen Zweck dienen nur noch wenige; gelegentlich ist eine Postfiliale darin untergebracht, aber viele werden als Wohnhäuser genutzt, andere beherbergen Geschäfte, und nicht wenige befinden sich – seit Jahren ungenutzt – in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Ihr geschlossener Grundriss und ihre einstige Bestimmung sind jedoch vielfach noch gut erkennbar, insbesondere, wenn nicht nur das Stationsgebäude selbst erhalten ist, sondern auch die Hofanlage dahinter. Oft finden sich diese Denkmäler inzwischen innerhalb der Ortschaften, die sie einst miteinander verbanden. Im Laufe der Jahrezehnte erweitert, erreichte die städtische Besiedlung schließlich die vormals einzeln gelegenen Poststationen, die ins Stadtbild eingegliedert wurden.

Puppentheater in Russland und Weißrussland

Die frühesten Zeugnisse über das Puppentheater in Russland stammen von dem deutschen Gelehrten Adam Olearius (1599–1671). Als Mitglied einer über Russland nach Persien reisenden Gesandtschaft weilte er zwischen März und Dezember 1636 in Russland, wo er die skomorochi erlebte, die Spielmänner und fahrenden Komödianten:

Es pflegen auch solche abscheuliche Dinge die Bierfidler auf öffentlicher Strasse zu singen / etliche dem jungen Volcke und Kindern in einem Kunzgen- oder Poppenspiel umbs Geld zu zeigen. Dan ihre Bärendäntzer haben auch solche Comedianten bey sich / die unter andern alsbald einen Possen […] mit Poppen agiren können; Binden umb den Leib eine Decke / und staffeln sie über sich / machen also ein theatrum portatile oder Schauplatz / mit welchen sie durch die Gassen umbher lauffen / und darauf die Poppen spielen lassen können (Olearius, Adamus: Des Welt-berühmten Adami Olearii colligirte und viel vermehrte Reise-Beschreibungen Bestehend in der nach Mußkau und Persien. Hamburg 1696. 3. Buch, S. 98.). Wie in anderen Regionen Westeuropas ist das Puppenspiel auch in Russland zunächst auf traditionelle Bräuche und heidnische Lebensvorstellungen zurückführbar und nahm erst später – ebenfalls nach ausländischem Vorbild – satirischen Charakter an. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert erfreute sich die Figur des Petruschka besonderer Popularität. Er überwindet nicht nur die weltliche und geistliche Obrigkeit, sondern erweist sich sich auch in Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Teufel als der Stärkere.

Die Untermalung der zumeist von 1–2 Personen gespielten Szenen besorgten zunächst Gusli- und Pfeifenspieler. Ab Ende des 19. Jahrhunderts begleiten immer häufiger Drehorgeln die Vorstellungen. Die „Bühne“ gaben Schürzen ab, die am Gürtel der Puppenspieler befestigt und nach oben über die Köpfe gezogen wurden, später wurden einfache, ein- bis dreiteilige Wandschirme verwendet, oder man warf ein größeres Stück Stoff über eine zwischen zwei Stangen gespannte Schnur. Die Puppenspieler benutzten Handpuppen mit großen, aus Holz geschnitzten oder aus Lappen und Karton geformten und auf den Zeigefinger gesteckten Köpfen. Der allegorische Charakter der Handlung bewirkte eine stark verallgemeinerte Darstellung der Charaktere ohne detailliertere Ausgestaltung.

In Weißrussland verbreitete sich bereits an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert das mystisch-religiöse Theater (Batlejka), in dem zunächst Szenen aus den Evangelien dargestellt wurden. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts fanden auch Sujets aus dem täglichen Leben der Menschen Einzug in die Vorstellungen. Die Charaktere wurden vielfältiger: Neben den „Moskowiter“ traten Zigeuner, polnische Pani (Herren), Schankwirte, der Bauer Mosej und andere Personen.

Die Figur des Petruschka verlor seit Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich an Kontur, als die Rückständigkeit der traditionellen Komödie mit dem Erwachen eines bürgerlichen Gesellschaftsbewusstseins immer offenkundiger wurde. Die fahrenden Puppenspieler gerieten unter Verfolgung, und auch die Versuche satirischer Schriftsteller wie W. S. Kurotschkin (1831–1875), das Puppentheater durch die Erweiterung des Repertoires zu erneuern, waren wegen der allgegenwärtigen zaristischen Zensur nicht von Erfolg gekrönt. Gleichzeitig versuchten Anhänger wie Gegner der Autokratie, die Volksnähe des Puppentheaters für sich zu nutzen.

Bis zur Oktoberrevolution hatten solche Bemühungen nur geringen Erfolg. Nach 1918 gewann jedoch das Puppentheater als Theater für Kinder wie als Bühne für politische Agitation erneut an Bedeutung. Zur Aufführung kamen sowohl Klassiker (z.B. Das Märchen vom Zaren Saltan und die Fabeln I. A. Krylovs, 1769–1844) als auch allegorische Sujets wie David und Goliath (David i Goliaf) oder Der Krieg der Kartenkönige (Wojna kartotschnych korolej). Das sog. Agit-Theater verbreitete sich besonders stark in den Jahren des Bürgerkriegs; aufgeführt wurden Werke von W. W. Majakowski (1893–1930), Demjan Bednyj (1883–1945) und anderen zeitgenössischen Dichtern und Schriftstellern.

Als folgenreich für die Geschichte des sowjetischen Puppentheaters erwies sich das Mitte der 1920-er Jahre gegründete Leningrader Puppentheater (Leningradski teatr kukol), an dem professionelle Dramaturgen, Komponisten, Maler und Bildhauer beschäftigt waren und bald auch professionelle Puppenspieler ausgebildet wurden. Diesem Beispiel folgend, wurden auch in anderen Städten der Sowjetunion Puppen- und Marionettentheater wiederbelebt oder ins Leben gerufen. Das Zentrale Puppentheater (Cetral’nyj teatr kukol; 1930) erweiterte und systematisierte die darstellerischen Möglichkeiten dieser speziellen Form der szenischen Darstellung. Auch hier wurden Klassiker der Weltliteratur neben Werken sowjetischer Schriftsteller auf die Bühne gebracht.

Während des 2. Weltkriegs wurde die Tradition des Agit-Theaters wiederbelebt. In den 1950-er und 1960-er Jahren erfuhr das Figurentheater immer stärkere Verbreitung; die Zahl der Theater wuchs, man organisierte nationale und internationale Wettbewerbe. In ganz Osteuropa wurden feste staatliche Bühnen eingerichtet, die damit verknüpften Berufe wurden in umfangreichen Ausbildungen vermittelt. Bis heute existieren viele dieser Häuser auch in Weißrussland. Weiterhin staatlich organisiert und finanziert, haben sie zwar mit baufälligen Gebäuden und wachsenden Betriebskosten zu kämpfen, sind jedoch zugleich fester Bestandteil der weißrussischen Kulturlandschaft. Das Repertoire richtet sich nicht nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene und umfasst wie bisher die Klassiker der Weltliteratur, der russischen und sowjetischen Literaturgeschichte sowie neue, speziell für die Puppenbühnen geschriebene Stücke.

Knopka – Knöpfchen

Knopka (Knöpfchen), ein Mischlingswelpe aus einem Dorf im Westen Weißrusslands, wurde in einer aufgegebenen Kaserne aufgefunden, zeigte sich sehr anhänglich und konnte später an einen neuen Besitzer weitergegeben werden. Dieses Glück hat nicht jedes herrenlose Tier. In ländlichen Gebieten gibt es eine große Zahl von ihnen, vor allem Katzen. Doch auch Hunde trifft man allenthalben an, insbesondere dort, wo Nahrung für sie abfällt: auf Müllkippen, bei Schlachthöfen und vor Lebensmittelgeschäften. Oft werden diese Tiere von mitleidigen Arbeitern oder Anwohnern versorgt.

In den Großstädten ist die Lage nochmals deutlich dramatischer. In der Millionenstadt Minsk gibt es ein staatliches Tierheim, in dem krank eingelieferte Tiere sofort eingeschläfert werden und – bei Kapazitätsüberschreitung – überzählige Hunden und Katzen unverzüglich. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, und auch die Unterbringung der Tiere – auch im Winter teilweise in offenen Zwingern – ist nicht artgerecht.

Einige kleinere private Initiativen versuchen Abhilfe zu schaffen, doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Die Einrichtungen werden ausschließlich privat finanziert und von Freiwilligen betreut.

Die Weißrussen sind ausgesprochen tierlieb. In merkwürdigem Gegensatz dazu steht die große Anzahl herrenloser Tiere, die bei den Menschen weniger Mitleid als vielmehr Ablehnung und Ekel hervorrufen.

Die Mariä-Verkündigungs-Kirche in Adamowitschi

Die Mariä-Verkündigungskirche in Adamowitschi (1854), einem nur wenige Kilometer von der Grenze zu Polen entfernten Dörfchen, ist schon von weitem zu sehen und leicht zu finden. Es ist Samstag Mittag. Im blauen Himmel singt eine Lerche, irgendwo im Dorf kräht ein Hahn, die Bäume hinter der Kirche veranstalten Schattenspiele auf dem idyllischen Friedhof.

An der Straße zwischen Friedhof und Kirche tuckert auf seinem Traktor ein Bauer vorbei. Er empfiehlt, die im ehemaligem Bauernhäuschen neben der Kirche lebenden Nonnen zu bitten, die Kirche aufzuschließen. Das Haus liegt inmitten eines liebevoll gestalteten „Kloster“-Gartens, aus dessen Zentrum eine buntbemalte Marienfigur aus Gips die Gegend segnet.

Hinter dem Haus sitzt eine kleine Festgesellschaft beisammen – es ist Hochzeit. So nennt man es hier offenbar wirklich, wenn eine Novizin die ewigen Gelübde ablegt und so Braut Christi wird. Einen Kranz aus weißen Rosen auf dem schwarzen Schleier, sitzt sie mit entrücktem Lächeln unter ihrer Verwandten.

Mit einem altertümlichen eisernen Schlüssel öffnet die Oberin, begleitet von einer weiteren Schwester, das Seitenportal der Kirche. Es ist ein viereckiger, spätklassizistischer Bau mit Spitzdach und quadratischem Glockenturm. Über dem Hauptportal finder sich eine Statue der heiligen Thekla, die im ersten nachchristlichen Jahrundert lebte und der die Kirche nach ihrer Vollendung im Jahr 1854 zunächst geweiht wurde.

Der Innenraum ist ebenfalls im Stil des Spätklassizismus gestaltet. Die Wände sind weiß verputzt, Pilaster und verzierte Fensterbögen gliedern sie. Allerheiligstes und Chor sind durch eine Zwischenwand vom Kirchenschiff abgetrennt. Die beiden Ordensfrauen haben sich in einer der hölzernen Kirchenbänke niedergelassen und schauen schweigend zum Hauptaltar und zu den rechts und links vor dem Chor stehenden beiden Seitenaltären.

Es ist ein Glücksfall, wenn es gelingt, Zugang zu einer der vielen Dorfkirchen zu erhalten. In aller Regel sind sie verschlossen. Allzuviel ist zerstört und gestohlen worden, als die Kirchentüren tagsüber für die Gläubigen noch geöffnet waren. Weil die Kirchlein von der Pfarrei im nächsten größeren Ort betreut werden, hilft oft nur die Nachfrage nach einem Diakon in der Nachbarschaft. Für die einzige Sonntagsmesse kommt ein Priester aus der Stadt; danach wird die Kirchentür wieder verriegelt.

Eine Gruft für die geliebte Gattin

Das Dorf Idolta liegt im Kreis Mjora. Unweit von Idolta liegt das Dorf Milaschowo. Die beiden Dörfer sind durch eine Holzbrücke verbunden, die sich an der schmalsten Stelle des Idolta-Sees von Ufer zu Ufer spannt.

Erstmals erwähnt wird Idolta bereits im 16. Jahrhundert. 1600 gelangte es in den Besitz des Adelsgeschlechts Sapiega, deren Nachkomme ihn 1824 an Jozef Milosz veräußerte. Dessen Sohn Eugeniusz (Jewgeni; 1813-1885) ) erbte den Ort und das umliegende Land. Nachdem seine Frau Emilia (geb. Targoński) 1857 früh verstorben war, ließ Jewgeni Milosz 1862 für sie die Grabkapelle bauen, die auch heute noch, umgeben von mittlerweile hundertjährigen Linden, über dem Idolta-See und den Dörfern Idolta und Milaszowo thront. Auch Jewgeni selbst ist hier begraben, ebenso seine Kinder.

In sowjetischer Zeit entweihte man das Gotteshaus. In seinen weißgetünchten Mauern wurde Dünger gelagert, die Gruft wurde geplündert, und die lokalen Halbstarken spielten mit aus den Gräbern geraubten Schädeln Fußball. Vom neben der Kapelle angelegten Friedhof kündet lediglich ein einziges erhaltenes Grabmal mit Lebens- und Sterbedatum von Konrad Milosz (1849-1852), einem der Söhne von Jewgeni und Emilia Milosz.

1990 wurde die Kapelle der katholischen Kirche zurückgegeben, und der damalige Priester baute sie zusammen mit den Gläubigen wieder auf. Ursprünglich der unbefleckten Empfängnis Mariens geweiht, dient die Kirche heute als Filialkirche der umliegenden, größeren römisch-katholischen Pfarreien und ist Johannes dem Täufer geweiht. An kirchlichen Feiertagen finden regelmäßig Gottesdienste statt.

Erinnerungen über Jewgeni Milosz sind erhalten geblieben. Sie stammen von dem Adligen Zygmunt Guz, dem das Landgut Konstantijanova Druja gehörte: „Milosz war bescheiden und fleißig. Bei den Menschen am Ort hinterließ er die besten Erinnerungen. Er schätzte seine Bauern und hatte niemals Streit mit ihnen. Wegen ihres umsichtigen Wirtschaftens waren die Bauern der Miloszovsker Volost wohlhabender als andere. Enkel jener Bauern absolvierten nicht nur die Mittelschule, sondern besuchten auch Hochschulen. Unter ihnen waren Priester, Ärzte und Offiziere. Viele von ihnen starben in den Weltkriegen in Solowki oder in Katyn während Stalins Repressionen.“

Die kleine Kirche in Malki: letztes Relikt eines Adelsgeschlechts

Die kleine hölzerne Kirche liegt etwas abseits des Weilers Malki. Es ist ein warmer Sommertag, die Lerchen haben sich so hoch in den Himmel aufgeschwungen, dass sie nicht mehr zu sehen sind. Ihr Gesang aber erfüllt die ganze Gegend. Nebenan auf dem Feld zieht ein Traktor seine Bahnen.

Die Kapelle wurde 1792 von Jan Szauman unweit seines Landgutes erbaut. Alte Fotografien belegen, dass die Kirche einst ein Reetdach hatte; heute schützt ein Gipsbeton-Dach das Innere vor den Einflüssen des Wetters. In den 1930-er Jahren wurde die Kirche augenscheinlich zum Portal hin verlängert. Die auf dem Kirchhof erhaltenen Grabsteine dokumentieren eine jahrhundertelange Geschichte dieses Geschlechts. Im „Register der Wolosti und ländlichen Gesellschaften des Gouvernement Vilnius des Jahres 1873“ ist ein Andrzej Szauman urkundlich belegt.

Ein Kleinbus hält vor der Kapelle. Sein Fahrer stellt sich als Nachkomme des Geschlechts der Szaumans vor. Er lebt schon lange in der Hauptstadt Minsk, kommt aber im Urlaub regelmäßig in sein Heimatdorf. „Was hat Lukaschenko bloß aus unserem Land gemacht?“, sagt er und deutet auf die Felder ringsum. „Glauben Sie etwa, dieser Traktor düngt die Felder, weil es nötig ist? Nein – er düngt sie, weil eben gerade Dünger geliefert worden ist, und er wird hier so lange auf und ab fahren, bis sein Tank leer ist. Und dann holt er Nachschub und düngt auch die Flächen, die brachliegen und nicht zur Kolchose gehören. Und wenn danach immer noch Dünger übrig ist, versprüht er ihn auf den Feldrainen und Straßenrändern.“ Das Getreide verdorre auf den Feldern, weil Misswirtschaft und mangelnde Organisation die rechtzeitige Ernte verhindern, und im Herbst werde dann alles wieder untergepflügt – und neue Gerste eingesät.

„Schauen Sie auf diese Grabsteine! Jahrhunderte polnisch-litausich-russischer Geschichte! Und diese armselige Kirche ist alles, was die verdammten Kommunisten übriggelassen haben.“ Er deutet auf eine bewaldete Anhöhe ganz in der Nähe. „Dort hat das Landgut meiner Familie gestanden! Ein wunderschönes, großzügiges Gebäude mit Ballsaal und Bibliothek. Dann kamen die Sowjets, vertrieben meine Vorfahren, vernichteten alles und bauten später aus Betonfertigteilen eine Schule dorthin. Es ist eine Schande.“

Tatsächlich finden sich auf dem Hügel im Wäldchen die Ruinen eines neuzeitlichen Baus. Sein Grundriss ist noch erkennbar: Tatsächlich war dies früher eine Schule. Vom einstigen Herrenhaus des Szauman-Geschlechts ist indessen nichts erhalten.

Die Erzengel-Michael-Kathedrale in Sluzk

Die Erzengel-Michael-Kathedrale wird erstmals in einer Urkunde des Fürsten Alexander Wladimirowitsch von 1392 erwähnt. Es handelt sich dabei um die älteste Erwähnung geistlicher Heiligtümer der etwa 100 Kilometer südlich von Minsk gelegenen Stadt Sluzk.

Damals befand sich die Kirche im heutigen historischen Stadtzentrum. Auf dem zugehörigen Friedhof neben der Kirche stand ein weiteres, kleineres Gotteshaus, das dem Erzengel Gabriel geweiht war und das in der kalten Jahreszeit als Gemeindekirche genutzt wurde, da die Hauptkirche nicht beheizt war.

Die Erzengel-Michael-Kirche ist die einzige in Sluzk erhaltene Kirche, die der Sluzker Polesje-Holzarchitektur des 18. Jahrhunderts zugeschrieben werden kann und die in ganz Weißrussland einzigartig ist. Im Innern gliedert sie sich in drei Räume, die von einer niedrigen Galerie eingefasst sind. Außen verfügt jeder Raum über seinen eigenen Turm bzw. Dachreiter.

In den 1990-er Jahren wurde die Kirche zu einem Zentrum des auch in Sluzk wieder auflebenden russisch-orthodoxen Glaubens. Seitdem sind historische Kirche und neue Gebäude (u.a. eine Taufkapelle, eine Sonntagsschule und eine Bibliothek) zu einem zusammenhängenden architektonischen Ensemble vereinigt.

Die Große Synagoge in Grodno

In Grodno steht an der Bolshaja-Troizkaja-Straße 29a die eindrucksvolle Große Synagoge von Grodno, sichtbares Zeugnis einer siebenhundertjährigen Tradition jüdischen Lebens in dieser Stadt.


Das Gebäude der heutigen Synagoge, erbaut im neorussischen Stil, datiert vom Anfang des 20. Jahrhunderts und steht am Platz einer sehr viel älteren, hölzernen Synagoge aus dem 16. Jahrhundert, die 1902 abgebrannt war. Während der Besatzungszeit durch das nationalsozialistische Deutschland entging Grodno aufgrund seiner grenznahen Lage als eine der wenigen weißrussischen Städte der Vernichtung. Auch die Synagoge blieb erstaunlicherweise erhalten, wurde jedoch ausgeraubt und erlitt tiefgreifende Schäden durch Geschützeinschläge. Nach dem Krieg wurde sie nicht restauriert, sondern als Lager eines Geflügelzuchtkombinats und der Apothekenverwaltung verwendet; später befanden sich hier Werkstätten für industrielles Kunsthandwerk. 1991 wurde das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde Grodno zurückgegeben.

Die Fotos auf dieser Seite zeigen den Zustand der Synagoge während der Restaurierungsarbeiten. Die Fassade war bereits gesichert, das Dach neu eingedeckt und der Hauptgebetsraum größtenteils wiederhergestellt.


Man nimmt an, dass Juden in Grodno bereits im 12. Jahrhundert lebten; sichere Zeugnisse liegen seit dem 14. Jahrhundert vor. Im 17. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde Grodnos neben denen in Brest und Pinsk eine der drei bedeutendsten Litauens, und zu Beginn des 18. Jahrhunderts machten die jüdischen Bewohner den größten Teil der Stadtbevölkerung aus. Ihre Hauptbetätigungsfelder waren Handel, Handwerk und Industrie.

Im Laufe der Jahrhunderte hatten die Juden in Grodno immer wieder unter Diskriminierungen zu leiden, die vielfach in Pogromen gipfelten. Bereits 1495 wurden alle Juden des Fürstentums Litauen von ihren Wohnsitzen vertrieben und ihr Eigentum beschlagnahmt. Auch im 20. Jahrhundert litten die Grodnoer Juden unter solchen Maßnahmen, und zwar nicht erst während der deutschen Besatzungszeit. So vertrieben im April 1915 Kosakeneinheiten der russischen Armee die gesamte jüdische Bevölkerung aus der Stadt.

In der kurzen Zugehörigkeit Grodnos zu Polen (1920-1939) stieg der Anteil der jüdischen Einwohner wieder auf über 50 Prozent der Gesamtbevölkerung an, sie waren jedoch weiterhin fortgesetzten Benachteiligungen ausgesetzt. Als Grodno im Jahre 1939 von sowjetischen Truppen eingenommen wurde, kam es in dem kurzen Zeitabschnitt zwischen dem Abzug der polnischen Verbände und der Einnahme der Stadt durch die sowjetische Armee zu einem weiteren großen Pogrom. Im Folgejahr 1940 wurde die Synagoge geschlossen.

Am 23. Juni 1941 schließlich nahmen nationalsozialistische Verbände die Stadt ein. Die jüdische Bevölkerung (ca. 25.000 Menschen) wurde enteignet und in zwei Ghettos interniert. Ihnen stand ein „Judenrat“ vor, der nicht nur das Leben im Ghetto zu organisieren hatte, sondern auch gezwungen wurde, die Listen der in die Vernichtungslager zu deportierenden Menschen zu führen. Innerhalb der Ghettos kam es wiederholt zu willkürlichen Erschießungsaktionen, so z.B. im Juli 1941, als die sogenannte „Einsatzgruppe B“ etwa 100 jüdische Intellektuelle ermordete. Auch in der Folgezeit rächte sich die deutsche Besatzungsmacht mit solchen Aktionen für Sabotageakte einer Untergrundorganisation, die sich in den Ghettos gebildet hatte.

Im November und Dezember 1942 wurde das Ghetto Nr. 2 aufgelöst, im Januar und Februar darauf das Ghetto Nr. 1. Die Juden wurden in ein Verteilungslager nahe Grodno getrieben, in dem bereits viele Menschen starben. Die Überlebenden kamen später in den deutschen Konzentrationslagern in Polen um.

Wenige Überlebende kehrten nach dem Krieg in die Stadt zurück, aber die Gemeinde erholt sich bis heute nur langsam von ihrer fast vollständigen Vernichtung. Sie umfasst gegenwärtig nur einen Bruchteil ihrer früheren Größe. Die verbliebenen Gemeindemitglieder verhinderten den vollständigen Verfall ihrer Synagoge durch großes privates praktisches wie finanzielles Engagement. Gleichwohl reichte dieser Einsatz nicht aus, um das Gotteshaus für kommende Generationen zu erhalten. Seit dem Sommer 2008 wurde in Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 880-jährigen Stadtjubiläum Grodnos die Fassade restauriert. Der Innenraum, ebenfalls aufwendig wiederhergestellt, ist der einzige vollständig erhaltene jüdische Gebetsraum des Landes und beeindruckt mit seiner mit neogotischen Elementen angereicherte Monumentalität.

Ein Brand im Jahr 2013 zerstörte einen Raum im Obergeschoss.

Paraden

Wie in anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion spielen Paraden, Festmärsche und Umzüge eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben. Von ihren Pendants in Westeuropa unterscheiden sie sich vor allem durch ihre höhere Häufigkeit und ihre militärischen Anklänge.

Im Rahmen von Jubiläen, Stadtfesten und anderen Anlässen präsentieren sich nicht nur öffentliche bzw. staatliche Organisationen sondern auch lokale Betriebe und Unternehmen. Die Teilnahme an den Veranstaltungen wird in der Regel von den Behörden diktiert.

Gleichwohl hat das identitätsstiftende Moment ebenfalls seine feste Bedeutung – darin liegt wiederum eine Gemeinsamkeit zu solchen Festtagen in anderen europäischen Ländern.

Markante Landmarken: Wassertürme

Zum weißrussischen Landschaftsbild gehören sie einfach dazu: Kleine stählerne Wassertürme, oft in der Nähe von Dörfern oder Datscha-Siedlungen. Ihre Silhouette geht auf die Konstruktion des sowjetischen Ingenieurs A. A. Roschnowski zurück, der diese nach ihm benannten Türme im Jahre 1936 plante und die sich in der Folgezeit in der gesamten Sowjetunion großer Beliebtheit erfreuten.

Konstruktion, Aufbau und Unterhaltung sind denkbar einfach, der Betrieb und die Wartung erfordern nur geringen Aufwand. Eine Heizvorrichtung zur Vermeidung des Einfrieren des Vorratswassers ist nicht erforderlich, da das Verhältnis zwischen der Größe des Reservoirs und des Wasserzu- und Abflusses auch bei Temperaturen bis – 35 Grad Celsius ein Einfrieren verhindert (die entsprechenden physikalischen Gesetzmäßigkeiten waren bereits 1925 vom Ingenieur P. I. Semskow errechnet worden). In größeren Dörfern versorgen mehrere kleinere Wassertürme einzelne Straßen oder Viertel mit Wasser. Auch als Löschwasser-Reservoir finden die Roschnowski-Wassertürme Verwendung.

In ländlichen Gebieten sind diese Bauten eine einfache Konstruktion aus Stahlblech. Das Reservoir fasst i.d.R. zwischen 15 und 50 Kubikmeter Wasser. Die Säule, auf der das Reservoir ruht, ist zwischen 12 und 20 Metern hoch und hat, je nach Größe des Vorratsbehälters, einen Durchmesser von 1,20 bis 3 Metern (in Großstädten fassen Roschnowski-Wassertürme mehrere tausend Kubikmeter Wasser und sind auch äußerlich entsprechend größer und aufwendiger gebaut). Zur Wartung und Kontrolle ist außen eine einfache stählerne Leiter angebracht; an der Säule und am Reservoir erlauben Luken die Sichtkontrolle des Inneren. Im Turm selbst befinden sich die Leitungen für Wasserzu- und Ablauf, die Wasserstands-Messeinrichtung , die bei Erreichen des Maximalpegels die i.d.R. in einem Nebengebäude untergebrachte Wasserförderpumpe abschaltet. Bei größeren Türmen ist auch im Innern des Fußes eine Leiter für Wartungsarbeiten angebracht.

Roschnowski erhielt für seine Konstruktion 1942 den Stalin-Orden.

Kali Laska

Anders als im polnischen Nowa Huta, wo dem Sozialismus als gesellschaftlichem Experiment architektonische Gestalt verliehen wurde, stößt man in Weißrussland eher unvermutet auf Orte, die als Relikte einer alltäglich sozialistisch-realistischen Weltanschauung inmitten des sich Bahn brechenden Kapitalismus eine ganz eigentümliche Ästhetik aufweisen, die man, mangels treffenderer Termini, als ungewollt bezeichnen könnte.

Die so erbauten Kulissen lassen vielfach das Bestreben erkennen, mit einfachen, überdies nur begrenzt zur Verfügung stehenden Mitteln größtmögliche Ästhetik zu erreichen. Das Resultat sind Zweckbauten, die in ihrer merkwürdigen Mischung aus Schlichtheit, Symmetrie und unterschwelliger Verspieltheit besonders viel Raum für die unsichtbaren Spuren ihrer gegenwärtigen und früheren Bewohner zu bieten scheinen.

Dass diese Orte von den Einheimischen als Relikte einer als überkommen empfundenen Zeit angesehen werden, ist verständlich, aber zugleich bedauerlich. Denn dem Wunsch, zu demonstrieren, dass man sich durchaus am Puls der Zeit befinde, müssen diese Wohnhäuser, Kioske und Geschäfte sich meist als Erste weichen – zugunsten moderner Bürogebäude oder großzügiger Straßenkreuzungen.

Auch der kleine Schuhreparatur-Laden Kali Laska, im Zentrum Grodnos gelegen, existiert nicht mehr.

Schitomlja

Das Dorf mit weniger als tausend Einwohnern liegt etwa 15 Kilometer von Grodno entfernt. Folgt man der Fernstraße M6 (E28) südöstlich in Richtung Minsk (oder nimmt die nördlich parallel verlaufende, malerische Landstraße), so gelangt man nach kurzer Fahrt zu dem kleinen Ort. Die Mariä-Verkündigungs-Kirche ist schon von weitem zu erkennen; ihr kleiner Turm ist in der flachen Wiesenlandschaft gut sichtbar. Das hölzerne, russisch-orthodoxe Gotteshaus stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Es ist in leuchtend blauer Farbe gestrichen; durch ein eisernes Tor gelangt man auf den Kirchhof.

Im Jahr 1864 änderte sich das Erscheinungsbild der Kirche: das Kirchenschiff erhielt ein Satteldach, der Glockenturm wurde mit einem Zeltdach in Form einer mehreckigen Pyramide versehen. Der Haupteingang im Turm ist in Form einer einfachen Außentreppe unter einem kleinen Vordach ausgeführt.

Sehenswert sind die filigranen, holzgeschnitzten Fensterrahmen, und bei einem Gang rund um die Kirche wird beim Studieren der Inschriften auf den Grabsteinen Geschichte lebendig. Im Innern, das, wie im Falle vieler Dorfkirchen, nur zu den Gottesdienstzeiten zugänglich ist, beeindruckt besonders der geschnitzte Ikonostas.

Von sowjetischen Synthesizern, Chemiewerken und einem Feuerwehrmann, der gar keiner ist

Die Tatsache, dass russische Synthesizer der 1970er und 1980er Jahre wegen ihres unnachahmlichen Klanges in der Szene längst gesuchte Raritäten sind, hat sich längst auch in Weißrussland herumgesprochen. Die Suche per Kleinanzeige und Schwarzem Brett ist aussichtslos; bestenfalls über Mundpropaganda kann man an ein solches Gerät kommen.

Aleksej ist Besitzer eines Lel-28. Wir treffen uns im Stadtzentrum Grodnos und fahren auf das Gelände der Düngemittelfabrik Asot (Stickstoff), des größten Arbeitgebers der Stadt.

Wir halten vor der Betriebsfeuerwehr, Aleksej schließt auf. Zwischen den schweren Feuerwehrfahrzeugen schlängeln wir uns bis zu einem Korridor durch, der vor einer Tür mit dem Schild Feuerwehr-Orchester endet. Dahinter: ein Durcheinander von Notenständern, Stühlen, Tischen voller Noten und Regalen mit den Musikinstrumenten der Kapelle. Das Ganze wirkt, als hätten die Musiker eben erst ihre Probe beendet.

„Ich spiele hier Trompete“, erläutert Aleksej. „Um hier spielen zu können, musste ich in die Werksfeuerwehr eintreten, obwohl ich in meinem Leben noch keinen Wasserschlauch in der Hand gehabt habe, außer auf der Datscha.“

Mit ihrer Feuerwehrkapelle sind sie viel unterwegs, spielen auf Veranstaltungen in ganz Weißrussland. Vor allem im Sommer können sie sich vor Terminen und Gastauftritten kaum retten.

Der Synthesizer erweist sich als defekt. Doch die Bekanntschaft mit einem trompetenden Feuerwehrmann, der eigentlich gar keiner ist, macht man schließlich auch nicht jeden Tag.

Das Eisenbahnmuseum in Brest

Wenige hundert Meter vor der Festung von Brest, die heute ein Denkmal an die Opfer des 2. Weltkriegs ist, liegt ein kleines Eisenbahnmuseum. Es steht in keinem Reiseführer und mag dem westlichen Besucher als unverhofftes Kleinod erscheinen, als eine Möglichkeit, in die vermeintlich gute alte Zeit zurückzureisen.

Dieser Eindruck ändert sich, wenn man nach dem Betreten der Freifläche die kleine Tafel studiert, die vor den auf mehreren Gleisen nebeneinander abgestellten eisernen Dampf-, Elektro- und Diesellokomotiven installiert wurde. Auf dieser Tafel steht ein Gedicht des Dampflokomotivführers N. W. Gribtschuk.

Ins Deutsche übertragen, lautet es etwa so:

 

Es stehen am Prellbock voll Würde
Die Freunde auf schwierigem Weg.
Wir trugen gemeinsam die Bürde
Von Aufruhr und Siegen und Ehr.

Nicht weht mehr die tiefrote Fahne,
Die Heroik der Tage – so fern
Erloschen im Kessel die Flamme
Und das Licht vorn im grellroten Stern.

 

Ach, seid nicht betrübt, meine Freunde:
Nie stoppen die Läufe der Zeit.
Und tadelt uns in euren Träumen
Der Muße nicht, die euch ereilt.

Ihr Teuren, zu euch wolln wir eilen,
Sobald neues Unglück uns naht.
Bedenkt nur, ihr Rösser aus Eisen
Wie oft unsre Rettung ihr wart.

Von Schüssen wie Hagel getroffen.
Doch so viele Leben bewahrt!
Ihr habt durch die Hölle gezogen
Granaten und Brot jede Fahrt.

Die Feuerung klagt nicht. Ist müde.
Kein Dampf in den Kesseln mehr geht.
Ihr steht nun voll Stolz und voll Würde:
Wr haben gemeinsam gelebt.

Und voll Schwermut, voll schmerzhaftem Sehnen
Hab ich den Weg hierher wieder gemacht,
Wo alle sie stillgelegt stehen
Gleichsam auf ewiger Wacht.